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Die Krise fordert Kreativität

Wie beschäftigt man

Es ist eine paradoxe Situation: Christoph Rothen, Flavio Waldspurger und Tobias Jakob möchten einfach nur in ihrem Beruf arbeiten. Doch im Betrieb, in dem sie ihre Lehre machen, gibt es schlicht zu wenig zu tun. Weil die Aufträge fehlen, musste der international tätige Maschinenbauer Studer AG in Steffisburg diesen Sommer Kurzarbeit anmelden, und auch der Abbau von 40 Stellen konnte nicht verhindert werden (wir berichteten). Für die Geschäftsleitung ist aber klar, dass die Lehrlinge nicht unter der aktuellen Situation leiden dürfen: «Die Förderung junger Leute hat in unserer Firma Tradition. Uns ist deshalb sehr wichtig, die Ausbildung weiterhin auf demselben Niveau zu gewährleisten», sagt Geschäftsleitungsmitglied Stephan Nell. Für die 30 Polymechanikerlehrlinge wird deshalb momentan wo es nur geht nach alternativen Aufgaben gesucht (siehe Artikel unten). 90-jährige Heimkehrerin Einen solchen Auftrag – allerdings einen der besonderen Art – haben auch die drei eingangs genannten Polymechanikerlehrlinge erhalten: Statt mit hochkomplexen Hightech-Maschinen beschäftigen sie sich für mehrere Wochen mit einem Stück Firmengeschichte. Seit September steht in der Werkstatt im Untergeschoss eine alte Studer-Rundschleifmaschine vom Typ 1. Sie wurde um 1919 fabriziert, war lange Jahre in Betrieben der Schweiz im Einsatz und wurde den Steffisburgern vom letzten Besitzer vermacht. Die «Heimkehrerin» kommt allerdings nicht zu den restlichen historischen Maschinen ins kleine Studer-Museum, sondern wird von den drei Lehrlingen wieder fit gemacht. Die Schleifmaschine soll künftig ins Steffisburger «Fabriggli» – eine Sammlung alter gewerblicher Maschinen, die gerade von Pensionierten in einem ehemaligen Schopf des Burgerheims Thun aufgebaut wird. Hinter dem Projekt steckt der Steffisburger Verein Saagi am Mülibach, der das gleichnamige historische Sägewerk am Mühleweg betreibt. Im «Fabriggli», das voraussichtlich Ende 2010 eröffnet wird, sollen die Maschinen den Besuchern in voller Aktion gezeigt werden. «Normalerweise revidieren wir sie selbst», erklärt Vereinsmitglied Hansruedi Ott. Bei der alten Schleifmaschine halten nun aber die Studer-Stifte die Zügel in den Händen. Wie ein Puzzlespiel In wochenlanger Kleinarbeit haben zwei Lehrlinge die Maschine auseinandergebaut. Die beiden Drittlehrjahrstifte Christoph Rothen und Tobias Jakob sowie Zweitlehrjahrstift Flavio Waldspurger sind nun daran, die weit über 150 Teile (ohne Schrauben) zu revidieren und sie wieder zusammenzusetzen. Ohne Baupläne notabene. Denn Unterlagen gibt es zur historischen Maschine nur noch ganz wenige. «Wir bauen die Maschine anhand von 170 Fotos, die das erste Lehrlingsteam beim Zerlegen aufgenommen hat, Schritt für Schritt zusammen», erklärt der 18-jährige Christoph Rothen. Die Arbeit gleiche einem Puzzlespiel. «Wir müssen sehr oft einfach pröbeln, Dinge immer wieder austesten.» Ein Lehrmeister ist im Projekt nicht involviert. «Wir sind auf uns selbst gestellt», sagt Flavio Waldspurger (17). Sie könnten dadurch völlig frei bestimmen, wie sie bei der Restaurierung der Maschine vorgehen. «Das bedeutet aber auch harte Arbeit», betont Rothen, der die Projektleitung übernommen hat. Unter die Arme greifen den Lehrlingen bei Bedarf die Pensionierten vom Verein Saagi am Mülibach; vorab der 71-jährige Hansruedi Ott, der 79-jährige Hans Fahrni und der 81-jährige Rudolf Bachmann. Sie alle haben früher bei der Studer AG gearbeitet und bringen es zusammen auf weit über 100 Jahre Erfahrung. Kaum auf Hilfe angewiesen Vom generationenübergreifenden Projekt profitieren, das betont der 71-jährige ehemalige Konstrukteur Hansruedi Ott, beide Seiten: «Der Austausch ist enorm spannend.» Die Lehrlinge mussten ihre pensionierten Berufskollegen bisher allerdings kaum um Rat fragen. «Sie schlagen sich sehr gut», sagt der frühere Mechaniker Rudolf Bachmann beeindruckt. Das sei alles andere als selbstverständlich – liegen doch zwischen der 90-jährigen Maschine und den Hightech-Geräten von heute Welten. «Es ist toll, dass wir uns so ausführlich mit einer Maschine befassen können, die aus einer völlig anderen Zeit stammt», sagt der 18-jährige Tobias Jakob. Bis Ende Oktober soll die rund 800 Kilogramm schwere Maschine wieder funktionstüchtig sein. Dann geht es für sie in Richtung «Fabriggli» und für die drei Polymechanikerlehrlinge wieder zurück in den Alltag – einen mit Kurzarbeit. Lilly Toriola>

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