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Die «magische Box» der Tessinerin Nadine CarinaReto Zeller stellt seine bösen Lieder vorDaros Latinamerica stellt den Schaubetrieb in Zürich ein

Kurz & kritisch CD Der Anfang klingt wie das Ende. Das musikalische Ende eines Psychothrillers, in dem der Killer nicht gekillt wurde, sondern geflüchtet ist. Klar, das ist reine Überinterpretation. Schliesslich heisst der Eröffnungssong harmlos «The Garden», und in seinen Zeilen findet man absolut keine Hinweise auf Meuchelmörder oder ähnliches Gesindel. Und doch ist da dieses unbehagliche Gefühl, diese stumpf blutende Tonalität, dieser brüchig-zerrissene Gesang. Es ist mutig von Nadine Carina, dass sie ihr Debütalbum mit diesem Stück eröffnet, hat sie doch manch eingängigeren Song im Rucksack. Damit macht sie aber auch deutlich, dass sie nicht gewillt ist, die Hauptstrasse entlang zu gehen, sondern lieber das unwegsame Terrain sucht. Verträumte Singer/Songwriterinnen und adrette Modern Folkies, das hat sie erkannt, sind en vogue; die Gefahr, als eine unter Hunderten von der Trendwelle an den anonymen Strand gespült zu werden, ist gross, sehr gross. Nun macht ein verwegener Auftakt natürlich noch kein in sich schlüssiges Gesamt(kunst)werk. Darauf, das zeigt bereits der CD-Titel «Magic Box», hat es die 25-jährige Tessinerin aber auch gar nicht angelegt. Die 13 Songs (vier zusätzliche kann man auf der Label-Website gratis herunterladen), die sie über die letzten zwei Jahre hinweg geträumt, geschrieben und eingespielt hat, sind in ihrer melancholischen Grundstimmung und der Alternative-Pop-Haltung durchaus verschwistert und verschwägert &endash auf dem musikalischen Röntgenbild offenbaren sie dann aber solch unterschiedliche Instrumentierungen und Intonierungen, dass «Magic Box» tatsächlich eine verblüffende Wundertüte geworden ist. Manchmal quengelt Nadine Carina den Singsang heraus wie Björk, als diese wenigstens noch einigermassen von dieser Welt war; bei «You & Me», einer der intimsten Nummern, versucht sie sich an der ruppigen Sinnlichkeit von Masha Qrella, und auf «Long Way Home», dem letzten Lied, will jemand gar die elaborierte Kindlichkeit Coco Rosies herausgehört haben. Mag sein. Vielleicht ist dieses Ende aber auch bloss der Anfang. Der musikalische Anfang eines gelungenen Psychothrillers, in welchem der Killer nicht mehr flüchten kann, weil er bereits gekillt wurde. In einer magischen Box ist schliesslich vieles denkbar. Thomas Wyss Nadine Carina: Magic Box (Statt Musik) Theater Zürich, Miller’s Studio &endash Etwas sehr Feines und ein Quell des Vergnügens beim literarischen Kabarett sind die Programmzettel, bei denen sich jemand ebenfalls literarisch Mühe gegeben hat. In einer Ankündigung von «schonZeit», dem neuen Programm des Schweizer Liedermachers und Kabarettisten Reto Zeller, las man beispielsweise, er, Zeller, sei einer, der Geschichten dort finde, «wo andere nicht einmal einen Strohhalm im Stecknadelhaufen wittern». In einer anderen stand etwas von der «Feder» als «Flinte». Eine solche Totalität des metaphorischen Unsinns ist doch auch einmal zu ehren. Im Grund ist ja aber nur gemeint, dass einer den Blick und die Nase für alltägliche Absonderlichkeiten hat und die treffsichere, sprachmächtige Bosheit, sie noch ein wenig absonderlicher zu gestalten, als sie sind. Und das stimmt allerdings. Man möchte zum Beispiel nicht der Sänger Peter Reber sein, wenn Reto Zeller ihn und seinen Gebrauch des starken Konjunktivs nachmacht. Das kippt fast in die experimentelle Lautmalerei, und so ein alter Routinier der Idylle steht dann völlig entblösst da und ist der parodistischen Grausamkeit nicht gewachsen. Jedoch, es ist eine sanfte Bosheit. Sie stellt in Zellers Liederabend dem Publikum sogar anheim, wie bös sie werden soll, wenn es ans Lebendige geht. Also, ob der Fund eines Blindgängers in den Schweizer Bergen wirklich mit der Verteilung tierischer und menschlicher Innereien auf einer Alpwiese enden muss (bei der Uraufführung von «schonZeit» im Miller’s Studio waren die meisten Anwesenden schonungslos dafür). Manchmal ist da mehr Zärtlichkeit als Satire. Man glaubt es gar nicht, zu welcher lyrischen Melancholie es bei Zeller der Sex mit einer Gummipuppe bringen kann. Und zu welchen sprachlichen Höhepunkten eine Hommage an Mani Matter, das grosse Vorbild. Man darf sagen: Die Liebe wird hier wunderbar kreativ mit bekanntem Material. Sie schöpft Originalität aus Zitaten. Das ist überhaupt das Hinreissende an diesem Programm: wie Reto Zeller sich zeigt, als ein originärer Liedermacher und als ein Meister der Liedermacher-Darstellung. Die beiden sind fast nicht voneinander zu unterscheiden. Christoph Schneider Miller’s Studio, Zürich; nächste Vorstellung am 5. November, 20 Uhr. Kunst 2002 zog die private Kunstsammlung Daros Latinamerica auf das Löwenbräu-Areal. Seither hat sie an jährlich zwei bis drei Ausstellungen Einblick in ihren stetig wachsenden Bestand gewährt. Auch während des aktuellen Umbaus wurde nicht pausiert: Im Albisrieder Provisorium Hubertus gewährte das Migros-Museum Daros periodisch Gastrecht. Wie die «Tageswoche» gestern berichtete, dürfte die noch bis Sonntag laufende Werkschau des Uruguayers Wifredo Díaz Valdéz die letzte von Daros präsentierte Ausstellung in Zürich gewesen sein. Zwar bleibe Daros’ hiesiger Firmensitz bestehen &endash für den internationalen Leihverkehr ist die Limmatstadt ein guter Standort. Ausstellungen aber werde es künftig keine mehr geben. Grund für die Einstellung des Zürcher Schaubetriebs ist die für nächstes Jahr angekündigte Eröffnung der Casa Daros in Rio de Janeiro, eines Museums, das die Sammlung dauerhaft aufnehmen und zugänglich machen soll. In einem ehemaligen Waisenhaus im Stadtteil Botafogo entsteht derzeit auf über 3000 Quadratmetern eine «interdisziplinäre Plattform für zeitgenössische Kunst, Kulturaustausch und Debatten». Aus Sicht der Daros AG macht dieser Schritt Sinn: Daros Latinamerica ist mit über 1000 Werken von mehr als 100 Künstlern die wohl umfassendste Sammlung aktueller lateinamerikanischer Kunst in Europa. Ihre erste Heimat ist somit der südamerikanische Kontinent &endash wenngleich ihre Wurzeln in der Schweiz liegen: Die Daros Latinamerica ist ein eigenständiger Abkömmling der Daros Collection, einer in den Achtzigerjahren vom Galeristen Thomas Ammann und dem Kunstliebhaber Alexander Schmidheiny ins Leben gerufenen Sammlung mit Werken westlicher Künstler wie Andy Warhol oder Cy Twombly. Später führte Schmidheinys Bruder Stephan die Sammlung weiter &endash und legte gleichzeitig eine zweite Schiene mit lateinamerikanischer Kunst. Letztere hat die ursprüngliche Daros Collection vom Umfang her längst überholt. Auf den Luxus, deren Bestand mit Werken von Carlos Amorales, Guillermo Kuitka oder Nicola Costantino quasi vor der eigenen Haustür präsentiert zu bekommen, müssen die Zürcher künftig verzichten. Paulina Szczesniak In Nadine Carinas Garten geschehen geheimnisvolle Dinge. Foto: PD

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