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Die Talentschmiede im Untergrund

Im Schweizer Spitzenjudo und auch morgen Freitag an der U-20-WM in Kapstadt sind die Zürcher überproportional vertreten &endash weil sie seit gut zwei Jahren in der Ausbildung beispielhafte Arbeit leisten.

Von Deborah Bucher, Uster Beim Judoclub Uster waren die heranwachsenden Athleten der Zeit voraus. Sechs von ihnen hatten 2009 schon Aufnahme an einer Sportschule gefunden. «Unsere Strukturen aber wurden dieser Entwicklung nicht gerecht. Wir konnten in den unterrichtsfreien Stunden untertags keine Trainingsmöglichkeiten anbieten», erläutert Ran Grünenfelder. Aus diesem Manko entstand die Idee eines regionalen Leistungszentrums RLZ, für das der Zürcher seit dessen Eröffnung im Sommer vor zwei Jahren die Verantwortung trägt. Die Realisierung geschah schrittweise. Den Beginn markierte das vereinsinterne «Powerteam», in dem die Zukunftsversprechen früh leistungsorientiert gefördert wurden. Später ernannte der Schweizer Judo-Verband (SJV) Uster zum nationalen Nachwuchsstützpunkt und stellte dafür den 27-jährigen Grünenfelder ab als professionellen Instruktor mit einem 65-Prozent-Pensum. Das Projekt wird mittlerweile vom gesamten Kantonalverband getragen und vereint Mitglieder aus sieben Zürcher Klubs. «Die Plattform hat über die Regionsgrenzen hinaus Gewicht erhalten. Das ist Voraussetzung, denn der SJV kann nicht genügend finanzielle Mittel aufbringen», sagt SJV-Vizepräsident Thilo Pachmann. Der teils mit Bundesgeldern aus der J+S-Förderung gesicherte Betrieb verschlingt pro Jahr 75 000 Franken, neu ist mit Jenny Gal eine zweite Trainerkraft engagiert. Ein regelrechter Ballungsraum Die Ausbildungsstätte im Zentrum von Uster wirkt unscheinbar. Das Dojo befindet sich in einem Keller, die Luft ist eher stickig denn fruchtbar. Die Elite ist dagegen viel komfortabler untergebracht: in einem modernen Dreifachturnhallenkomplex mit einer Wettkampffläche von 300 m2. Seit dem Rücktritt der Exponenten Sergei Aschwanden (Olympiabronze 2008) sowie Lena Göldi und Umwälzungen im Verband ist nicht mehr Magglingen, sondern Brugg der Nabel. Die Basis im Oberland ist das Pendant auf Juniorenstufe oder eben eine unverzichtbar gewordene Investition für die Zukunft. Seit ihrer Aufwertung ist die Infrastruktur immerhin um einen Kraftraum gewachsen. «Das Modell von Uster ist mustergültig und hat erste Nachahmer gefunden», bestätigt Pachmann. Ein halbes Jahr später hatte Basel ein Leistungszentrum initiiert, St. Gallen folgt demnächst, und Morges-Lausanne sowie Freiburg sind bemüht, selbst wenn ähnliche Vorhaben zuletzt wieder ins Stocken gerieten. Das Ziel des SJV ist eine flächendeckende Lösung. Parallel zum RLZ verschoben sich die Stärkeverhältnisse im Land &endash und zwar markant. Positiv ausgedrückt führte das Zentrum zu einer Dominanz, negativ zu einer zunehmenden Unausgewogenheit. An den nationalen Elite-Meisterschaften gelang der neu geförderten Fraktion im Herbst 2009 mit fünf Gold-, drei Silber- und sechs Bronzemedaillen ein Einstand nach Mass. Die je 16-köpfigen Nationalkader U-17 und U-20 sind mit total zehn Zürchern bestückt. Noch aussagekräftiger sind folgende Zahlen: Vor einem Jahr an der U-20-EM war das Schweizer Aufgebot ein rein zürcherisches. Heuer beschickte der SJV die U-20-EM im belgischen Lommel mit sechs Vertretern &endash drei davon stammen aus der Limmatstadt. Bei der U-20-Weltmeisterschaft in Kapstadt ist nebst dem Zürcher Trio Fabienne Kocher (bis 57 kg) und Kathrin Frey sowie Cheyenne Bienz (beide bis 52 kg) nur noch Platz für eine weitere Athletin: für Priscilla Morand aus Morges (bis 44 kg). Der Wegzug ist nicht zwingend Nebst Quantität bürgt das Team von Ran Grünenfelder für Qualität. So brächten all seine drei Athletinnen in Südafrika, wo sie morgen Freitag im Einsatz stehen werden, das Potenzial für die Top 7 mit. Pachmann kalkuliert sogar fest mit einer Medaille. Frey (19) und Kocher (18) legten vor sieben Wochen bei den kontinentalen Titelkämpfen mit Silber und Bronze bereits einmal vor. Die 18-jährige Debütantin Bienz, die als Glarnerin von den Zürcher Strukturen profitiert, wurde damals in der Startrunde bezwungen und dabei klar unter Wert geschlagen. Das Leistungszentrum mit Standort Uster orientiert sich an folgendem Leitsatz: «Lokal eingebettet, national verankert und international wirkungsvoll.» Ein entscheidender Vorteil ist gemäss Grünenfelder, dass die Athleten in ihrem gewohnten Umfeld bleiben könnten. Er selbst musste als Aktiver seinen Lebensmittelpunkt noch nach Magglingen verlegen, wo das Nationalkader zusammengefasst war. Inzwischen zählt die Kerngruppe des RLZ 20 Athleten, die eine Sportschule besuchen. «Mit diesem überdurchschnittlichen Wachstum und der Präsenz an internationalen Grossanlässen sind wir unserem Fahrplan voraus», summiert Grünenfelder. In der Schweiz schaut man zu ihnen auf, denn sie demonstrieren auf der Matte Geschlossenheit: Die Zürcher WM-Starterinnen Fabienne Koch, Cheyenne Bienz und Kathrin Frey (von links) mit ihrem Trainer Ran Grünenfelder. Foto: Nicola Pitaro

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