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Die Verbündeten sind sich in Kernfragen uneinig

Fukushima entzweit die Alliierten: Die USA misstrauen den japanischen Lagebeurteilungen.

Von Martin Kilian, Washington Japan ist der engste Verbündete der Vereinigten Staaten in Asien, die Atomkrise rund um die sechs Meiler in Fukushima aber entzweit Japaner und Amerikaner. Die Freunde in Tokio, so der Befund in den USA, verschleierten das wahre Ausmass der radioaktiven Gefahr und betrieben eine fragwürdige Informationspolitik. Und während gestern die ersten Evakuationsflüge für US-Staatsbürger in Japan Richtung Heimat durchgeführt wurden, versuchten US-Regierungsbehörden und Geheimdienste weiterhin zu deuten, was sich genau in den havarierten Reaktoren und Abklingbecken in Fukushima abspielte und wie gross das Ausmass der Gefahr ist. Hatten die Regierung Obama und US-Medien anfänglich eher erstaunt auf die dürren Verlautbarungen japanischer Regierungssprecher sowie des Betreibers Tokyo Electric Power (Tepco) reagiert – am Samstag hatte Tepco eine Explosion in einem der Reaktoren lapidar als «grossen Knall mit weissem Rauch» beschrieben –, so wich die amerikanische Konsternation wachsendem Alarm, nachdem Abgesandte des Washingtoner Energieministeriums sowie der US-Atomaufsichtsbehörde Nuclear Regulatory Commission (NRC) am Dienstag vor Ort eingetroffen waren. US-Experten verärgern Japaner Die insgesamt 50 US-Regierungsmitarbeiter machten sich umgehend bei japanischen Gewährsleuten kundig – und erschraken: Die Radioaktivität auf dem Reaktorgelände in Fukushima war höher als erwartet, eine partielle Kernschmelze hatte zumindest in einem der Reaktoren bereits eingesetzt, weshalb aus Washingtoner Sicht ein Super-GAU nicht mehr ausgeschlossen werden konnte. Gestützt auf die Berichte seines Personals in Japan, unterrichtete NRC-Kommissar Gregory Jaczko zur Lunchzeit am Mittwoch den Präsidenten und plädierte sodann zum Ärger der Japaner auf eine Ausweitung der Evakuierungszone für US-Staatsbürger in der Region Fukushima auf 80 Kilometer – erheblich mehr als die japanische Zone von 20 Kilometern. Dann nutzten Jaczko und Energieminister Steven Chu eine Anhörung vor dem Energieausschuss des Repräsentantenhauses, um Befürchtungen freien Lauf zu lassen. Rund um die havarierten Meiler, so Jaczko, habe die Radioaktivität «hohe Ausmasse erreicht», weshalb es für technisches Personal «sehr schwierig» sei, «nahe an die Reaktoren heranzukommen». Auch die Ausweitung der Evakuierungszone verteidigte der NRC-Boss energisch: In einer «vergleichbaren Situation in den Vereinigten Staaten würden wir eine Evakuierung in einem weit grösseren Radius als dem von Japan angeordneten empfehlen», so Jaczko. Offenheit kontra Vorsicht Energieminister Chu nahm ebenfalls kein Blatt vor den Mund: «Wir glauben, dass sich eine partielle Kernschmelze ereignet hat», sagte Chu. Nach der japanischen Reaktion auf die Atomkatastrophe befragt, wurde der Minister wortkarg: «Ich kann dazu nichts sagen, ich glaube, wir bekommen widersprechende Berichte.» Während Regierungssprecher Jay Carney auf mediale Anfragen höflich beschied, die Situation vor Ort in Fukushima habe sich «zum Schlechteren gewandelt», dräuten anonyme Obama-Mitarbeiter in US-Medien düster von japanischen «Selbstmordkommandos» und alarmierenden Zuständen. Anstatt den Tepco-Verlautbarungen zu vertrauen, flogen Mitarbeiter des Washingtoner Energieministeriums eigene Ausrüstung zum Messen der radioaktiven Strahlung in Bodennähe nach Japan ein und unterstützten die Regierung in Tokio mit technischem Rat. Bestrebungen von US-Journalisten, japanischen Regierungsvertretern Würmer aus den Nasen zu ziehen, blieben gleichwohl unergiebig: Zäh versuchte etwa CNN-Talker Eliot Spitzer im Interview mit Regierungssprecher Noriyuki Shihato Näheres über die divergierenden Lagebeurteilungen in Washington und Tokio zu erfahren – ohne Erfolg. «Fundamentale Unterschiede» in der Bewertung der Katastrophe gebe es nicht, trotzte Shihato.

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