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Drei Monate ohne Sonne

Im Seewadel in Bauma liegen einige Häuser den ganzen Winter im Schatten. Wegziehen will aber niemand.

Von Fabienne Würth Bauma – Von Mitte November bis Anfang Februar bekommen zehn Häuser an der Tösstalstrasse ausgangs Bauma keinen einzigen Sonnenstrahl an. Eines davon gehört der Künstlerfamilie Steinauer. Das Flarzhaus ist nicht zu übersehen: Schon von weitem fallen die eisernen Frösche und Vögel auf, die Vater François gestaltet hat. Mutter Karin kreiert Figuren aus Ton und Holz, und Sohn Georges fertigt eiserne Möbel an, wie etwa einen «Seelentresor». Wegen der dunklen Wintermonate verstauen aber weder er noch sein Vater ihre Seelen darin – vielmehr hat sich die Familie daran gewöhnt, dass die Sonne während dieser Zeit nicht auf ihr Haus scheint. «Unser Daheim liegt im Dunkeln, weil Tösstal nicht nur eine Worthülse ist, sondern wirklich ein Tal bezeichnet und die haushohen Tannen oben auf dem Hang das Licht schlucken», erklärt François Steinauer, während er in seiner Werkstatt steht. Grinsend fügt er an: «Zugegeben, ich hatte gehofft, dass der Sturm Lothar uns von den Bäumen befreit, aber wie man unschwer erkennen kann, vergebens.» Dann wird er ernst und sagt: «Jetzt machen wir Witze darüber, aber die ersten Winter hier waren hart.» Es habe zwei Saisons gedauert, bis er sich an die dunklen Tage gewöhnt habe. Ein Blick vor die Haustür zeigt: Nur 500 Meter weiter ist die Landschaft in warmes Sonnenlicht getaucht. «Hätten wir vor 17 Jahren, als wir von Bäretswil hierher gezogen sind, schon gewusst, dass es hier im Winter keine Sonne gibt, hätten wir das Haus zwar dennoch gekauft, aber den Kaufpreis gedrückt – als Künstler bist du fast schon sprichwörtlich knapp bei Kasse», sagt Steinauer. Depressionen sind kein Thema Nur wenige Häuser neben Steinauers wohnt Monika Tamborini. «Wegen der fehlenden Sonne bekomme ich keine Depressionen», winkt sie ab, «ich bin eine echte Frohnatur. Wenn ich Sonne brauche, gehe ich einfach etwas länger mit meinem Hund die Töss entlang spazieren, dort steht dem Sonnenlicht nichts im Weg.» Ans Wegziehen haben weder Steinauers noch Tamborinis je gedacht: «Mein Mann lebt seit seiner Geburt hier, ich seit 20 Jahren – keine Chance, uns hier wegzubekommen», sagt Monika Tamborini lachend. Ihres Wissens seien die sonnenlosen Monate auch noch nie für jemanden ein Grund gewesen, umzuziehen. Auch für François Steinauer ist klar: «Wir haben mittlerweile viel in das Haus investiert, haben es umgebaut und renoviert; wir sind hier daheim.» Selbst übers Wochenende flüchte man nicht an die Sonne. «Wir tanken die Sonne eben flüssig – in Form von einem guten Glas Wein.» Zudem seien die Wintermonate für die Familie zu einer Zeit der Einkehr geworden, sagt Steinauer. «Wir leben jetzt eher im Rhythmus der Natur, gehen zum Beispiel etwas zeitiger ins Bett oder gehen alles etwas ruhiger an.» Er selbst nutze die drei Monate, um Energie zu tanken. Neun Monate im Jahr sei er von Berufs wegen kreativ, irgendwann müsse eine Pause sein. «Damit wir im Winter aber nicht ganz vereinsamen, veranstalten wir jeweils Ende November – kurz nachdem die Sonne wegbleibt – ein Ausstellungswochenende.» Zurück kommt die Sonne jeweils am 3. Februar – pünktlich zu François Steinauers Geburtstag. «Wir haben noch nie ein Fest zu ihrem Wiedererscheinen gemacht. Vor allem, weil alle aus winterlichem Vitaminmangel zu schlapp waren», sagt er mit einem Augenzwinkern. Jetzt, wo er 60 Jahre alt wird, werde es aber eine grosse Party geben. Von Februar an werden die Steinauers übrigens wieder mit Sonne verwöhnt: Weil das Tösstal hier in Ost-West-Richtung verläuft, verpasst ihr Haus in den nachfolgenden Monaten kaum einen Sonnenstrahl. «Die ersten Winter hier waren hart. Erst nach zwei Saisons haben wir uns an die dunklen Tage gewöhnt.» François Steinauer, Künstler Wenn die Sonne wegbleibt, macht der Baumer Künstler und Hausbesitzer François Steinauer von seinem kreativen Schaffen Pause. Foto: Nicolas Zonvi

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