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Ein digitaler Ausweis, der Auskunft gibt über die Altersgruppe, nicht aber das Geburtsdatum

Das IBM-Forschungslabor in Rüschlikon arbeitet mit Microsoft und anderen Firmen daran, das Internet sicherer zu machen und die Privatsphäre zu schützen.

Von Angela Barandun, Rüschlikon «Stellen Sie sich vor, was das für die Welt des Internet-Datings bedeuten könnte», sagt Ronny Bjones. Auf solchen Portalen werde heute viel Unfug getrieben. Statt der grossen Liebe drohe manchmal erst die grosse Enttäuschung. «Die Leute bescheissen beim Alter, beim Zivilstand – sogar beim Geschlecht», sagt der Microsoft-Forscher. «Mit einer solchen Lösung könnte man das sofort abstellen.» Bjones «Lösung» ist eine Art digitale Identitätskarte, die nur sehr zurückhaltend Auskunft über persönliche Daten gibt – und damit perfekt wäre für Anwendungen, bei denen man mit wenig Aufwand einige Eckdaten der Nutzer überprüfen will. Das Konzept hinter der digitalen ID ist derzeit Gegenstand einer europäischen Forschungsinitiative namens ABC4Trust. Sie hat zum Ziel, die Sicherheit im Internet zu verbessern – und gleichzeitig die Privatsphäre zu erhöhen. Zwischen 10 und 18 Jahre alt Der Mechanismus ist relativ einfach. Statt dass die digitale ID das Geburtsdatum ihres Eigners angibt, bestätigt sie lediglich, dass er einer gewissen Altersgruppe angehört. Wenn sich ein am 27. Februar 1996 geborenes Mädchen für einen Chatroom anmelden möchte, bei dem nur Teenager zugelassen sind, bestätigt die digitale ID dem Betreiber lediglich, dass die Person zwischen 10 und 18 Jahre alt ist. Dass sie in einem Monat 15 wird, verschweigt die Karte. Gleichzeitig macht es diese Art der Kontrolle beinahe unmöglich, dass sich Erwachsene unerkannt unter die Minderjährigen mischen. Nach dem gleichen Prinzip würde die Karte dem Komitee einer Volksinitiative bestätigen, dass ein junger Mann über 18 Jahre ist, Schweizer Bürger und Wohnsitz im Kanton Zürich hat – also stimm- und unterschriftsberechtigt ist. Wie er heisst, wo er wohnt und wie alt er ist, ist nicht von Belang und wird nicht verraten. Wichtig ist nur, dass gewährleistet ist, dass er der Initiative zum ersten Mal zustimmt. In Rüschlikon entwickelt Das Konzept der digitalen ID würde also ermöglichen, dass sich die Menschen im Internet nicht mehr für etwas ausgeben können, was sie gar nicht sind. Gleichzeitig könnte sie den Nutzern aber auch den Umgang mit immer neuen Profilen und Passwörtern erleichtern, die sie im Internet anlegen müssen. «Das Bestreben, Transaktionen im Internet sicher zu machen, hat dazu geführt, dass wir immer und überall personalisierte Profile erstellen müssen», sagt Jan Camenisch: «Unsere Privatsphäre geht dabei flöten.» Der Verschlüsselungsexperte forscht bei IBM in Rüschlikon seit Jahren an Mitteln und Wegen, das zu ändern. Er ist einer der Pioniere der Idee einer solchen digitalen ID, die auf zwingende Fragen nur mit dem Notwendigsten antwortet, und gewinnt damit einen Preis um den anderen. Mit Kollegen von Microsoft, die etwas Ähnliches entwickelt haben, einigen anderen Firmen sowie Vertretern von Universitäten und Datenschutzbehörden treibt er seine Forschung nun in der Forschungsinitiative ABC4Trust weiter. Gestern gaben die Forscher bekannt, dass nun erstmals zwei Pilotprojekte durchgeführt werden. Das erste ist eine Sekundarschule im schwedischen Söderhamn. Diese betreibt ein eigenes soziales Netzwerk – eine Art Mini-Facebook – zu dem auch ein Dr.-Sommer-Team gehört: ein Beratungsdienst, der den Jugendlichen Fragen beantwortet wie: «Meine Regel ist ausgeblieben, was soll ich jetzt tun?» Fragen also, bei denen die Schüler lieber anonym bleiben. Gleichzeitig hat die Schule ein Interesse daran sicherzustellen, dass keine fremden Schüler den Dienst in Anspruch nehmen. Das zweite Pilotprojekt findet in Griechenland statt, an einer Hochschule in Patras. Die Studenten sollen mithilfe der digitalen Identität ihre Kurse und Professoren bewerten. Bislang erfolgte die Evaluation auf Papier, um die Identität der Studenten zu schützen. Zukunftsmusik Obwohl die Idee des Projekts sofort einleuchtet – von einer Markteinführung ist diese spezielle digitale ID noch weit entfernt. Damit ein solches Produkt auf den Markt kommt, müsste sich dieser Standard etablieren. Mit diesem Hintergedanken arbeiten Microsoft und IBM nun auch zusammen. Es bräuchte Staaten, die solche Karten herausgeben, oder Firmen, die auf die Verwendung drängen. Vor allem aber braucht es Menschen, denen ihre Privatsphäre auch im Zeitalter von Facebook wichtig ist. Einen Hoffnungsschimmer immerhin gibt es für das Projekt. Wenn die beiden Pilote erfolgreich sind, stehen die Chancen laut Projektleiter Kai Rannenberg von der Goethe-Universität Frankfurt nicht schlecht, dass der Ansatz als Ergänzung zur geplanten elektronischen Identitätskarte der EU in Erwägung gezogen wird.

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