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Ein Leben auf der RasierklingeDie Diverse

Dann fiel sie in Ungnade. Ein Besuch in der Abstellkammer der Macht. Aufstieg und Fall von Rachida Dati sind ein Lehrstück, das viel über Nicolas Sarkozy sagt: Er machte die Tochter von Einwanderern erst zur Ministerin und schob sie dann ab. Ein Besuch in der Abstellkammer der Macht.

Von Oliver Meiler, Paris Im Vorzimmer ihres Büros hängt ein Cover des Magazins «Paris Match», gerahmt, eine Reminiszenz an ruhmreichere Zeiten. Sozusagen als Begrüssung. Andere Menschen hängen Kunst auf. Rachida Dati, die Bürgermeisterin des VII. Arrondissement von Paris, lässt unter ihrem glamourös lächelnden Konterfei auf Hochglanzpapier warten. Draussen in der Halle mit der Gefallenentafel tragen sie billige Blumenbouquets weg. «Sie wollen mich sehen?», fragt sie in der Tür stehend auf hohen Schuhen. Und man liest in ihrem unverschämt raumfüllenden Lächeln, einer Aura aus sehr rotem Lippenstift und schelmischem Charme, dass sie dieser Wunsch nicht wirklich verwundert. Nicht mehr. Nicht nach all dem, was sie erlebt hat seit ihrem viel beachteten Aufstieg zum Politstar, zur wandelnden Ikone der «Diversité», der kulturellen und ethnischen Vielfalt Frankreichs. Fünf Jahre ist das her, eine gefühlte Ewigkeit. «C’était l’Amérique», wird sie gleich sagen, «solche Geschichten kannte man doch nur aus Amerika.» Obama im Kleinen Geschichten wie ihre. Geschichten für die Geschichtsbücher. Rachida Dati wurde am 18. Mai 2007 zur historischen Figur. Auf dem Perron des Elysées, dem Treppenvorsatz des Präsidentenpalastes, wurde an jenem Tag die Ministerliste von Nicolas Sarkozys erstem Kabinett verlesen. Und ihr Name stand drauf. Es war eine aufregende Zeit, für alle. Sarkozy hatte mit bemerkenswerten Wahlkampfreden Träume gestiftet, hatte den Bruch mit Konventionen verheissen, hatte allen eine Chance versprochen, die bereit waren, Leistung zu bringen, zu kämpfen, zu arbeiten. Frankreich sollte endlich eine Meritokratie werden, eine «tadellose Republik» ohne Diskriminierung, in der Leistung mehr zählt als Herkunft und Name. Natürlich war es ein verwegener Traum. Doch er fühlte sich gut an. Sarkozy sagte damals, er sei ja selber auch ein Kind «mit gemischtem Blut». Was an jenem 18. Mai über den Innenhof des Elysées tönte, war nichts weniger als eine Sensation: «Justizministerin, Madame Rachida Dati». Rachida Dati! Tochter von M’Barek, einem Maurer aus Marokko, und von Fatim-Zohra, einer Algerierin, elf Geschwister, ein Bruder mit Strafregister, aufgewachsen in einer Banlieue von Chalon-sur-Saône im Burgund. Nie zuvor hatte eine Französin oder ein Franzose aus der «Diversité», ein Kind von Zuwanderern aus dem Maghreb oder aus Afrika, ein so gewichtiges Ministerium geleitet. Auch in linken Regierungen nicht. Kleine, unbedeutende Ressorts schon: Man sprach dann von Alibi- oder Quotenministern. Sarkozy machte Ernst, überging Anwärter aus angesehenen Familien, mit besseren Abschlüssen, französischen Vor- und Nachnamen.«Es war eine Revanche für alle Rachidas und Mohammeds in diesem Land», sagt Dati. Sie hatte Jus studiert, war mal stellvertretende Staatsanwältin gewesen. «Ich war so ergriffen, dass ich geweint habe.» Sie war nicht die einzige «Diverse» im Kabinett. Rama Yade, geboren in Senegal, wurde Staatssekretärin für Menschenrechte, und Fadela Amara, Tochter algerischer Eltern, übernahm das Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung. Dati aber war die strahlende Symbolfigur. «Es war wie in Amerika», sagt sie noch einmal. Barack Obama im Kleinen. Sie bezog ihr Ministerbüro an der Place Vendôme, einem Hochamt der Republik, trug Kleider von Dior und teure Ringe. Rachida Dati demonstrierte ihren Erfolg mit Accessoires, die mit ihrem Ursprung kontrastierten. Und schaffte es locker, Glamour und Politik zu vermählen. Sie wurde schnell zur Celebrity unter den Ministern. Kein Ausflug ohne Kameras, kein Auftritt ohne Analyse ihrer Garderobe. Die Boulevardpresse war begeistert. Die Kulissen dieser Geschichte waren freilich etwas komplizierter, weniger romanesk. Dati hatte immer schon die Nähe zu den Mächtigen gesucht, schon zu Studienzeiten, als sie als Hilfspflegerin in einem Spital arbeitete. Sie schrieb Briefe an Prominente, an Konzernchefs und Minister, insistierte jeweils, bis sie empfangen wurde. Ihr Lächeln wirkte, links wie rechts. Sie stand eher links. Bald kannte sie halb Paris. Man bot ihr Praktika in Ministerien und Unternehmen an, sie flocht an ihrem Netzwerk. Als Sarkozy 2002 Innenminister war, erhielt auch er einen Brief von Dati. Es war eine Eloge darauf, dass er die Probleme in den Vorstädten offen anspreche. Er lud sie ein, machte sie zu seiner Beraterin. Sie siezt ihn, er duzt sie «Sein Wille hat mich verführt», sagt Dati. Sie wird ihn fortan siezen, während er sie duzt. Die beiden mochten sich sofort. Sie teilten eine Aversion gegen die Eliteschulen, die sie beide nicht besucht hatten, waren voller Ambitionen, aufbrausend und direkt. Ideologisch passte sich Dati an. Sie freundete sich auch mit Sarkozys damaliger Frau Cécilia an. Man stand sich so nahe, dass Cécilia einmal sagte: «Rachida ist mehr als eine Freundin, sie ist meine Schwester.» Zu nahe? In ihrer Autobiografie schreibt Dati: «Mein Leben verlief immer auf Messers Schneide.» Als Nicolas Sarkozy beschloss, fürs Elysée zu kandidieren, machte er sie zu seiner Sprecherin. Er wusste um die Wucht dieser Berufung. Und Rachida Dati war gut. In ihrem elektrisierenden Charme spiegelte sich der Zeitgeist. Sie trug dazu bei, dass Sarkozy, der ja schon lange Politiker war, sich gewissermassen als frischer Kandidat verkaufen konnte. Als Erneuerer, ja fast als Revoluzzer. Der Liebeskummer Im Hintergrund spielte sich jedoch ein privates Drama ab, das diese Vorwahlzeit prägte. Cécilia hatte Sarkozy verlassen. Dati spielte Vermittlerin. Sie redete ihrer Freundin ins Gewissen, als sich diese nicht einmal am Tag des Wahltriumphs ihres Mannes an dessen Seite zeigen mochte. Cécilia liess sich überreden und bedrängte ihren Mann, gegen alle Vorbehalte Dati ein grosses Ministerium bereitzuhalten. Und der Präsident willigte ein, gefangen im Liebeskummer. Vielleicht glaubte er gar, dass er so seine Ehe retten könne. Man darf sich also fragen, ob die Sensation auf dem Perron des Elysées, diese historische Premiere, am Ende der Laune einer bangen Liebe entsprang. Mehr noch als der mutigen Vision eines Politikers. Darüber, man ahnt es, redet Dati nicht. Sie lächelt nur, verschränkt die Arme über ihrem schwarzen Lacoste-Shirt. Wie sie auch zur Vaterschaft des Kindes schweigt, das sie 2009 mit 43 Jahren zur Welt brachte. Es ist Frankreichs geheimste Vaterschaft. Fünf Tage nach der Geburt war Dati schon zurück im Justizministerium. Es lief nämlich schon der Abspann des Märchens, mochte sie noch so dagegen ankämpfen. Sarkozy hatte mittlerweile eine neue Ehefrau, Carla Bruni, und die war dem Star der Regierung nicht gewogen. Es gibt gar die Legende, dass Bruni bei einem Rundgang durch Sarkozys Appartement im Elysée vor dem Schlafzimmer zu Dati gesagt haben soll: «In diesem Bett hättest du wohl auch gern geschlafen.»Dati war in Ungnade gefallen. Ihre Reformen wurden zerzaust, ihre Kompetenz hinterfragt, sogar ihre Diplome wurden angezweifelt. «Die alten Ressentiments halten sich eben hartnäckig», sagt Dati. «Ich musste immer mehr können, mehr leisten, durfte weniger auffallen als andere.» Bye-bye Amerika. Später wurden auch Rama Yade und Fadela Amara ausrangiert. Auch sie wurden der harten Rechten im Lager des Präsidenten geopfert, die dessen Politik der ethnischen Vielfalt an der Macht ohnehin nie verstanden hatte. Die «Diversen» passten schlecht zum reaktionären, so gar nicht mehr träumerischen Diskurs im zweiten Teil von Sarkozys Mandat: zur fadenscheinigen Debatte über die nationale Identität etwa, zum Kreuzzug gegen den Islam, zur Stigmatisierung der Fahrenden. Sarkozy macht vor den bevorstehenden Wahlen dem Front National Konkurrenz. «Die Macht hat ihn isoliert», sagt Dati. Böser wird sie nicht, trotz Bitterkeit. Man merkt ihr an, dass sie sich beherrscht. Sie stieg so schnell ab, wie sie aufgestiegen war. Man entzog ihr die Dienstlimousine und die Leibwächter, weil man sie verdächtigte, Gerüchte über aussereheliche Liebeleien des Präsidentenpaars zu verbreiten. Sie wurde Europaparlamentarierin und Bürgermeisterin im VII. Arrondissement von Paris, einem vornehmen Quartier, Rive Gauche, wo die Kinder Gaspard und Antoinette heissen und lila Kaschmirpullover tragen. Die Mairie liegt mitten im Zentrum, ums Eck vom Parlament und vom Hôtel Matignon, dem Sitz des Premierministers. Und doch ist sie eine Abstellkammer der Macht. Ausfälligkeiten in Talkshows Dati möchte im Juni bei den Wahlen ins nationale Parlament einziehen, endlich den Mief der kleinen Politik und der billigen Blumengestecke loswerden. Doch man hindert sie daran. Die Partei des Präsidenten, die Union pour un Mouvement Populaire, stellt in Datis Pariser Wahlbezirk François Fillon auf, den Premier. Der Sitz ist ihm sicher in der bürgerlichen Gegend. Das macht sie wütend. Dati schreibt offene Briefe, tourt durch Talkshows, wird ausfällig gegen den Premier, dem sie vorwirft, «in Pantoffeln» ins Parlament spazieren zu wollen. «Ist doch ein Scherz, nicht?!» Ihr Gesicht ist jetzt dunkel, das Lächeln weg, sogar die Lippen scheinen blass. Sie steht wieder am Anfang ihrer Geschichte. Der Traum ist suspendiert, konserviert in einem Bilderrahmen im Vorzimmer. Nur die Erinnerung ist süss: «Justizministerin, Madame Rachida Dati.» Dieser Ruf ins Amt hat Frankreich verändert. Man wird wohl nie mehr aufhorchen bei einem Namen aus der «Diversité». Immerhin. Dati half Sarkozy dabei, sich als Erneuerer zu verkaufen. Später wurde sie der harten Rechten geopfert. Vorzeigefrau einer erfolgreichen Integration: Rachida Dati, Tochter von Einwanderern aus dem Maghreb. Foto: Olivier Roller

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