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Ein Plattenladen trotzt dem Internet-Zeitalter

Der Plattenladen Jamarico hat eine lange Tradition in der Zürcher Musikkultur. Trotz Krisen hält er sich auch 29 Jahre nach seiner Gründung über Wasser.

Die Geschichte des Jamarico reicht zurück in eine Zeit, als Vinylplatten die meistverkauften Tonträger waren und die Stadtbewohner die Nächte nicht im Klub, sondern mangels Alternativen vor dem Plattenspieler in der heimischen Stube verbrachten. Der Kreis 5 wurde seinem Ruf als Arbeiterquartier noch gerecht, und eine Dichte an Tanzschuppen, wie man sie heute im Industriequartier antrifft, war damals undenkbar. Man schrieb also das Jahr 1980, als die Musikfans Ulrich «Woody» Jakob und Thomas Berth an der Heinrichstrasse beim Steinfels-Areal ihren ersten Plattenladen eröffneten. Der Laden sollte Jamarico heissen, eine Wortschöpfung bestehend aus den Worten Jamaica und Puerto Rico, der Leidenschaft von Tanner und Jakob. Denn daher stammte der Sound, dem die Betreiber damals verfielen und den sie später in ihrem Geschäft anboten: der Reggae. «Wir waren grosse Liebhaber der Musik und konnten im Laden unsere Leidenschaft mit den Kunden teilen», sagt Woody Jakob. Es folgten diverse Reisen nach London und die Erweiterung des Sortiments um Postpunk, Pop und andere jeweils aktuelle Musikrichtungen. «Wir haben die Zürcher Jugendlichen mit Underground-Musik versorgt, teilweise kommen heute noch Kunden von damals zu uns in den Laden», meint Jakob. Nur noch ein Standort Nach einer fünfjährigen Zwischenstation an der Bäckerstrasse zogen die Betreiber 1985 mit ihrem Geschäft ins doppelstöckige Lokal an der Ecke Stauffacherstrasse/Langstrasse, direkt beim Helvetiaplatz, wo sie heute noch sind. Jeder, der schon am Helvetiaplatz stand, kennt die dicken, weissen Lettern auf schwarzem Grund, sie prägen den Platz. Wer in den Laden tritt und durch den Kleiderladen hinauf in den ersten Stock gelangt, dem fallen als Erstes die alten Sticker und Plakate mit ihrem in die Jahre gekommenen Charme auf und die melancholische Gitarrenmusik, eine von Woodys Leidenschaften. Woody Jakob kümmert sich heute ausschliesslich um den Plattenladen, während Thomas Berth für die Kleider unten zuständig ist. Das Geschäft mit der Mode wurde damals aus einem Zuviel an Platz errichtet und weil Musik und Mode immer auch zusammenhingen, meint Woody. Heute gibt es neben dem Jamarico am Helvetiaplatz auch zwei Modegeschäfte im Niederdorf und eines in Winterthur. Somit ist der Kleider-Jamarico um einiges grösser als die Musikabteilung. Diese ist nach der Schliessung der beiden Filialen im Niederdorf nur noch am Helvetiaplatz zu Hause. «Zu wenig rentabel», meint Woody. Der Grund dafür liegt auf er Hand. Das Internet und das Geschäft mit den Downloads haben die Musikwelt umgekrempelt. Den Austausch fördern Auch ein Laden mit einer Stammkundschaft und einem guten Ruf, was Jamarico beides besitzt, bleibt davon nicht verschont. «Kundschaft unter 20 Jahren haben wir heute keine mehr», stellt Woody Jakob fest. Die Zeiten, als man an den schulfreien Mittwochnachmittagen noch mit seinen Freunden in den Plattenladen pilgerte, um neue Musik zu entdecken, scheinen definitiv vorbei. Für musikalische Entdeckungen ist das Internet viel bequemer. Und noch etwas hat sich geändert: Heute kämen nur noch selten Leute von ausserhalb der Stadt in den Laden, sagt Jakob. Denjenigen, die immer noch Plattenläden aufsuchen, wird im Jamarico etwas geboten: Jeden Dienstagabend finden sich nach Ladenschluss Musikliebhaber aus der ganzen Stadt an der Ladentheke ein und fachsimpeln über Neuerscheinungen und Raritäten aus der Welt der Popmusik. Zur Musik aus der Stereoanlage gibt es etwas zu knabbern, Bier und einen unvergleichlichen Blick auf das Treiben am Helvetiaplatz. «Wir konzentrieren uns heute mehr darauf, den Leuten das zu bieten, was sie im Internet nicht finden», so Woody. Dazu gehört eben ein persönlicher Kontakt und auch vermehrt persönliche Beratung. Vorbei sind auch die Zeiten, als Plattenladen-Verkäufer als elitäre Zeitgenossen galten, die jeden «Geschmacksverirrten» mit Ignoranz bestrafen. Mehr als 60 Prozent aller Verkäufe im Laden seien heute Empfehlungen von den Verkäufern, die sie aus dem Kontakt mit den Kunden herausfilterten, versichert Woody Jakob. «Wir sind viel stärker gefordert, die Arbeit ist anstrengender geworden», sagt etwa Rolf Isler, einer von Jakobs Angestellten. Dafür kämen heute auch mehr Frauen in den Laden. Dies sei auf die neue Stimmung und «die attraktiven Verkäufer» zurückführten, sagen der Chef und sein Angestellter lachend. Jamarico. Stauffacherstrasse 95, 8004 Zürich. Telefon 044 241 83 44. Sommeröffnungszeiten Plattenladen: Mo bis Do 15-19 Uhr, Fr 10-19 Uhr, Sa 10-17 Uhr. Kleiderladen normal geöffnet.www.jamarico.ch

Seit drei Jahrzehnten ein sicherer Wert für Zürcher Musikliebhaber: Woody Jakob in seinem Geschäft am Helvetiaplatz.

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