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Ein Sommermonat weit weg von Tschernobyl

30 Kinder aus der verstrahlten Umgebung des Unglücksreaktors sind am Wochenende für einen Erholungsurlaub im Kanton Zürich angekommen. Eine Erfolgsmeldung, nachdem das Programm fast terminiert worden wäre.

Von Fabienne Würth Es ist früher Morgen in Opfikon. Aus dem Car, der eben angehalten hat, steigen 30 Kinder aus den beiden weissrussischen Dörfern Luninez und Djatlowitschi, die vor 25 Jahren stark von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl betroffen waren. Noch heute ist ihre Heimat verstrahlt. Die Kinder sind alle zwischen 9 und 14 Jahre alt. Sie wirken zwar aufgestellt, aber immer wieder schleicht sich auch Unsicherheit in ihre Gesichter. Gross ist der Kontrast zwischen ihrer Heimat und dem «Ferienland Schweiz». In den kommenden vier Wochen werden sie sich hier von der Strahlung erholen. Politische Querelen Gut ein Drittel der Kinder wird im Zürcher Oberland zu Hause sein, zum Beispiel bei Fredi Keller aus Gossau. Dieser freut sich: «Der Aufenthalt der Kinder ist jedes Mal eine besondere Zeit.» Zum sechsten Mal nehmen er, seine Frau und sein heute 14-jähriger Sohn zwei Kinder bei sich auf. Um ein Haar wäre vor zwei Jahren aber Schluss gewesen mit den Erholungsaufenthalten. Denn 2009 verbot der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko den Kindern die Einreise in die Schweiz, nachdem im Vorjahr zwei Kinder nicht von ihren Aufenthalten in den USA und Frankreich zurückgekehrt waren. Lukaschenko wollte von der Schweiz eine Garantie, dass die Kinder wieder zurückgeschickt würden. Aussenministerin Calmy-Rey lehnte ab, weil das dem Asylrecht widersprach.Doch Lukaschenko und Calmy-Rey hatten die Rechnung ohne Veronika Reuschenbach gemacht, die damals 69-jährige Präsidentin des Vereins Tschernobyl-Hilfe Hardwald, der die Aufenthalte im Kanton Zürich organisiert. Gemeinsam mit vier anderen Vorstehern von Hilfsinitiativen für Tschernobyl-Kinder schrieb die Glattbruggerin einen Brief an Calmy-Rey. «Wir machten Druck», erinnert sie sich. In der Folge kam es tatsächlich zu einem Treffen von Vertretern der beiden Staaten, an dem auch Reuschenbach und ihre Mitstreiter beteiligt waren. Das Resultat: Die Staaten unterzeichneten einen Vertrag, und bereits 2010 reisten wieder Kinder in die Schweiz.Gegründet wurde die Tschernobyl-Hilfe Hardwald 1998 auf Initiative von Pfarrer Andreas Goerlich-Koch, der heute in Mönchaltorf tätig ist. Er war auf eine Organisation aufmerksam geworden, die weltweit Erholungsferien für Kinder aus der Umgebung von Tschernobyl veranstaltete. Seit damals sind über 500 Kinder in den Kanton Zürich gereist, denen pro Jahr rund 40 Gastfamilien die Türen öffnen. Immunsystem ist geschwächt So wie jene von Fredi Keller. Er habe in der Zeitung gelesen, dass Gasteltern gesucht würden, und sich gleich gemeldet. «Nur mit Reden allein ist bekanntlich niemandem geholfen», sagt er. Als vor 25 Jahren der Reaktor in Tschernobyl explodierte, waren die Kinder, die am vergangenen Wochenende in Opfikon angekommen sind, noch nicht geboren. Aber ihre Eltern waren damals Kinder. «Durch die Radioaktivität wurden unter anderem die Gene verändert oder das Immunsystem geschwächt», sagt Reuschenbach. Kinder vor Ort ausgewählt Die Mädchen und Jungen, die in den kommenden vier Wochen hier Ferien machen, haben alle denselben traurigen Hintergrund: «Wer mit unserer Initiative in den Kanton Zürich kommt, hat gesundheitliche Probleme und lebt in schwierigen Verhältnissen – sozial und finanziell», sagt Reuschenbach. Sie entscheidet jeweils mit einem Komitee vor Ort in Weissrussland, welche Kinder eingeladen werden. Jedes darf nur einmal herkommen. Man bekomme dank der Kinder aus Weissrussland eine andere Sicht auf das eigene Leben, sagt Gastvater Fredi Keller. «Einem Jungen mussten wir beispielsweise erklären, wie ein Wasserhahn funktioniert, weil er kein fliessendes Wasser kannte.» Um sich mit seinen Feriengästen zu verständigen, braucht Keller einen Dolmetscher oder ein Wörterbuch, das ihm der Verein Hardwald zur Verfügung stellt. Zudem hat er inzwischen Russisch-Lektionen genommen. «Und sonst helfen Hände und Füsse», sagt er und lacht. Nach der langen Fahrt aus Weissrussland steigen die Kinder in Opfikon aus dem Car. Foto: David Kündig

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