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Ein Wunder im Nebel

Den See entlang zum Vierten: In Stäfa treibt die graue Suppe den Wanderer hoch zum Pfannenstiel. Dort wartet die Sonne. Das haben allerdings auch andere bemerkt.

Von Georg Gindely Kurz vor Rapperswil-Jona fluche ich zum ersten Mal. Die S-Bahn, die mich über das von der Sonne beschienene Oberland an den Ausgangspunkt meiner Wanderung bringt, fährt in den Nebel. Wer nur hatte die Idee, den See zu umrunden? Weshalb nicht eine Höhenwanderung vom Uetliberg über die Albiskette, die Ufer des Nebelmeers entlang? Zum zweiten Mal fluche ich, als ich um das Schloss Rapperswil gebogen bin. Denn der Seeuferweg ist bereits zu Ende. Villen versperren dem Wanderer den Weg und zwingen ihn auf die stark befahrene Zürcherstrasse. Bis zum Weingut Höcklistein folge ich ihr und sehe ein Potpourri verunglückter Architektur, die sich netterweise meist hinter hohen Mauern versteckt. Einen Zugang zum See suche ich vergebens, überall prangen Schilder. «Betreten verboten». «Privatweg». Da können wir Zürcher noch so lange über einen durchgehenden Uferweg diskutieren, spätestens hier, auf St. Galler Boden, wird der Traum enden. Der Traum des Fischers Über mir geistert weiterhin der Hochnebel, das gegenüberliegende Ufer des Sees ist nicht zu sehen. Alles verschwimmt im Grau. Die Motoren brummen, der Frust wächst. Ich beschliesse, die Zürcherstrasse zu verlassen. Entlang von Rebbergen und einem Naturschutzgebiet führt der Wanderweg nach Feldbach, Kanton Zürich. Mitten im Dorf steht gross angeschrieben das Stammhaus der Brauerei Hürlimann. Hans-Heinrich Hürlimann betrieb in dieser Liegenschaft von 1836 bis 1865 die Brauerei Feldbach, 1866 gründete sein Sohn die Hürlimann-Brauerei in der Enge. Ich mache Rast im Dirty Joe, wie das Lokal im traditionsreichen Haus heute heisst. Fast alle Gäste sitzen im Fumoir. Meine Hoffnung, dass sich der Nebel lichtet, erfüllt sich nicht. Ich folge den gelben Markierungen, die mich weg vom See auf den Panoramaweg führen. Ein Marketingtrick wohl, der davon ablenken soll, dass es keinen Uferweg gibt. Doch die Route wird interessant: Sie führt durch Wald, in dem ich Holzarbeiter treffe und einen Grünspecht sehe, zum Chatzentobelweiher. An seinem Ufer steht ein alter Bahnwagen, ein Überbleibsel der Uerikon-Bauma-Bahn, die einst durch diese Gegend fuhr. Auf ihrem Trassee wandere ich nach Uerikon und finde direkt vor dem altehrwürdigen Ritterhaus einen Zugang zum See. Dort steht ein Hobbyfischer, der mir sofort das Du anbietet. Erich ist 53 Jahre alt, in Uerikon aufgewachsen und träumt ab und zu davon, ein Häuschen zu kaufen, «aber das kannst du vergessen, die gehen immer an den Meistbietenden». Als Büezer habe man da keine Chance. So lebt er in einer Blockwohnung, die Miete ist tief, «das gibt es aber viel zu selten hier». Vor allem für die Jungen sei das ein grosses Problem. Noch immer wirkt der See wie ein Meer. Erich glaubt nicht daran, dass sich der Nebel lichten wird. Er rät mir davon ab, am See unten zu bleiben, weil man sowieso nur die Strasse entlanggehen könne. Seine Empfehlung: hoch zum Goethebänkli. Dort, über den Rebbergen, hat der Dichter laut Inschrift am 22. September 1797 die Aussicht genossen. Ich sehe Nebel. Und den Wegweiser, der zum Äquator, zur Arktis und nach Buenos Aires weist. Ich will nur nach Feldmeilen. Und merke in Stäfa, dass ich erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt habe. An der Schifflände füttern Touristen die Möwen, ein Schiff fährt ein. Dann ist wieder alles still. Und grau. Ich beschliesse, die Sonne zu suchen. Weit kann sie nicht sein. Der Albtraum des Wanderers Ich komme an einem Haus vorbei, in dessen Garten eine Holzskulptur steht, die an einen Penis erinnert. Hat deswegen jemand in grossen Buchstaben «WARUM» an die Mauer gemalt, die das Haus begrenzt? Mein Warum richtet sich an diejenigen, die den Panoramaweg Richtung Pfannenstiel angelegt haben. Der Nebel hatte sich gelichtet, als der Weg beginnt, wieder abwärts zu führen. Nicht stark, aber genug, um erneut im Nebel zu versinken. Doch dann geht es plötzlich steil aufwärts, und: Ich sehe die Sonne! Es ist ein Glücksgefühl. Eines, das nur wenige Minuten anhält. Denn ich treffe auf einen ersten grossen Parkplatz. Der Fussweg führt die Strasse entlang, bis zu einem zweiten, noch viel grösseren Parkplatz. Wut erfasst den Wandersmann: Den Nebel hat er hinter sich gelassen, dafür stösst er nun auf Automassen und Menschen, die zu träge sind, einige Schritte zu gehen und sich das schöne Wetter zu verdienen. Auf dem Aussichtsturm weicht die Wut. Der See liegt unter dem Nebelmeer, die Sonne wärmt. Und nur einige Schritte vom Turm entfernt bin ich alleine und habe endlich, was ich wollte: Sonne und Ruhe. Die Zufriedenheit hält an, als ich zurück im Nebel bin, der nun nicht mehr hoch ist, sondern um einen herum wabert. Wie in einem Horrorfilm taucht manchmal etwas aus ihm auf: Einmal sind es zwei von Baggern bearbeitete Flächen, auf denen wohl irgendwelche neue Überbauungen mit Seesicht entstehen werden, einmal ist es ein Schützenhaus, dann kommt Meilen. Ich trinke eine Schoggi Mélange im hübschen Café Brandberger, das ein bisschen aus der Zeit gefallen scheint. Die Rahmhaube ist riesig, die warme Schoggi schmeckt, genauso wie das Zitronentörtli, das ich zur Stärkung bestelle. Denn ich muss noch bis Feldmeilen, auch wenn es schon dunkel ist. Der gute Vorsatz Jetzt halte ich mich an die Vorgabe und gehe den See entlang. Aus der Dunkelheit taucht die Fähre auf, die Meilen mit Horgen verbindet. Kurz nach ihrer Anlegestelle gibt es tatsächlich ein längeres Stück Weg, das direkt am See verläuft. Ein Wunder. Danach kommen wieder Häuser. Ich hoffe, einen Blick in ihr Inneres zu erhaschen. Doch die meisten sind unbeleuchtet, die Bewohner sind wohl in den Bergen. Wo aber jemand daheim ist, brennt das Licht in allen Zimmern und gleich auch noch der Scheinwerfer im Garten. Trotzdem sehe ich wenig: Die Mauern sind hoch, die Fenster zur Seestrasse hin klein. Dann erreiche ich das Zentrum Feldmeilen, einen grossen Geschäfts- und Ladenkomplex gleich neben dem Bahnhof. Acht Stunden war ich unterwegs, ich spüre meine Beine, die Füsse tun weh. Doch mit dem Fluchen habe ich aufgehört. Und nehme mir gleich einen Vorsatz für dieses Jahr: öfter zu wandern. Aber nicht unbedingt im Nebel den See entlang. Endlich etwas anderes als zugebaute Ufer und Privatwege: Im Wald wird die Route interessant. Foto: Georg Gindely

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