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Eine Sternchenschnuppe

Gabriella Carlucci Das «Berlusconi-Girl» wechselt zur Opposition. Von Oliver Meiler Sie ist ein wandelndes Klischee, die personifizierte Karikatur einer ganzen, nun gerade untergehenden Epoche der italienischen Gegenwartsgeschichte: Gabriella Carlucci, Fernsehsternchen und Abgeordnete des italienischen Parlaments &endash bereits in dritter Legislatur. Die kuriosen Launen dieses grossartigen und barocken Landes haben sie in die hohe Politik katapultiert, oder man müsste wohl eher sagen: Ihrem Mentor und Arbeitgeber Silvio Berlusconi hat die Idee gefallen, die Aulen der Politik mit einigen Starlets zur grossen Realityshow umzufunktionieren. Das gelang ihm ganz gut. Carlucci war gewissermassen der Prototyp des «Berlusconi-Girls». Sie ist 52 Jahre alt. Man sieht ihr das Alter aber nicht an, ja sie pustet die Jahre locker weg mit ihren nie banalen Auftritten in abenteuerlich hohen Schuhen, kurzen Röcken, tiefen Décolletés, das blonde Haar zur Löwenmähne geföhnt. Nun hat Gabriella Carlucci ihren Ziehvater verlassen, einfach so, ohne ihn vorzuwarnen. Und man kommt nicht umhin, in diesem Abgang den Vorspann von Berlusconis Ende zu sehen, das Ende einer Ära. Wie soll Italiens Ministerpräsident diese politische Krise noch überstehen, wenn gar «la Carlucci» vom Schiff geht? Sie wechselt zur christdemokratischen Unione di Centro, in die Opposition also. «Unsere Regierung hat nun mal keine Mehrheit mehr im Parlament», rechtfertigte sie sich in einem Communiqué, das in Italien eine «Breaking News» war. Da sie sich der Besonderheit ihres Treuebruchs bewusst ist, schickte sie nach: «Ich liebe Berlusconi, ich schätze ihn sehr, ich werde ihn immer lieben und schätzen. Doch nun muss er einen Schritt zurücktreten, damit das Land wieder auf die Beine kommt.» Aus- gerechnet Gabriella Carlucci aus einer Starletfamilie steht am Schlussgong.Denn auch ihre beiden Schwestern Milly und Anna tingeln seit vielen Jahren durch das italienische Fernseh-Variété, in Pailletten und ohne Furcht vor Peinlichkeiten. Gabriella aber, die Mittlere, schaffte es nahtlos von der Showbühne ins Parlament &endash direkt vom Schlagerfestival von Sanremo, das sie zweimal moderierte, in den Palazzo Montecitorio. Schon 1994, als Berlusconi seine Partei Forza Italia gründete, war sie dabei. Ihr Ding war der Antikommunismus. Wie der Chef sah sie überall «Rote». Vor allem im Staatsfernsehen und vor allem dann, wenn man ihr dort eine Rolle verwehrte. In der Römer Innenstadt sah man sie oft am Steuer ihres Porsche Cabriolets, das sie auch gerne mal auf dem Trottoir vor dem Parlament parkierte. Ihren Lohn als Abgeordnete bezeichnete sie jedoch als «mager», was in der breiten Öffentlichkeit nicht besonders gut ankam.Carlucci war immer loyal. Bis fast zuletzt. Sie verteidigte Berlusconi auch dann noch, als dessen Affären mit leichten Damen, auch mit minderjährigen, für Aufregung sorgten. Im April sagte sie in einem Radiointerview (und das Zitat verdient es, in ganzer Länge zu erscheinen): «Für meine Kinder, beides Teenager, ist Berlusconi ein Idol, er spricht ihre Sprache, erzählt Witze und ist sexuell superpotent. Meine Kinder bewundern ihn, wie das die meisten Italiener tun, die alle wie Berlusconi sein möchten. Mit über 70 hat er Mädchen von morgens bis abends. Welcher Mann möchte das nicht? Meine Kinder wollen gar nicht genau wissen, wer diese Frauen sind.» Ein Zeitdokument, ein Zitat aus einer sonderbaren Epoche der italienischen Geschichte. Bericht Seite 9

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