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Eishockey als Ausweg

Zugs Kanadier Glen Metropolit verdankt dem Sport weit mehr als Geld und Karriere.

Von Philipp Muschg, Zug «Manche meiner Freunde sind im Gefängnis, andere sind tot», sagt Glen Metropolit. Der kanadische Stürmer in Diensten des EV Zug spricht mit ruhiger Stimme, so, wie er das immer tut. Er wirkt entspannt, mit sich selbst im Reinen. Er, der vor zwei Wochen für Verstimmung im Klub sorgte, als er sich darüber beklagte, dass er nach der Verpflichtung eines fünften Ausländers gelegentlich pausieren muss. Ob das etwa heute gegen Kloten der Fall ist, erfährt er erst am Spieltag. «Glücklich bin ich noch immer nicht mit der Situation», sagt Metropolit, «ich bin hierhergekommen, um zu spielen.» Eishockey, das ist für den 37-Jährigen weit mehr als Beruf und Spiel. «Meine Liebe, meine Leidenschaft, meinen Ausweg» nennt er den Sport, der ihn aus der berüchtigten Regent-Park-Siedlung in der Innenstadt Torontos über die tiefsten Profiligen Amerikas zu insgesamt sieben NHL-Teams, nach Finnland, Lugano und schliesslich im Sommer 2010 nach Zug führte. Dem Eishockey verdankt er alles: seine Familie, seinen Wohlstand, seine Gesundheit. Vielleicht sogar sein Leben. Drogenhandel neben Strafbank Aufgewachsen ist Glen Metropolit zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Troy in der grössten Sozialbausiedlung Kanadas. Seine Mutter war alleinerziehend, seinen biologischen Vater kennt er nicht. Den Nachnamen erhielt er vom damaligen Lebensgefährten der Mutter. «Der Name klingt ukrainisch», sagt Metropolit, «doch mein Blut ist eher irisch.» Eine eigene Identität fand der Heranwachsende im Sport. Mitten in Regent Park stehen zwei Eisbahnen, auf denen Glen von morgens bis abends anzutreffen war. «Gleich neben der Strafbank wurde mit Drogen gehandelt, auf den Strassen gab es überall Prostituierte und Dealer», erinnert sich Metropolit, «aber das gehörte einfach zum Leben, ich war glücklich so.» Dass er es später auf 437 Spiele in der NHL bringen würde, war da noch nicht einmal ein Traum. «Nur ein einziges Mal dort spielen» wollte er als Kind, und schon das war unwahrscheinlich genug. Als seine Mutter den Job verlor, kam der sechsjährige Glen zu einer Reihe von Pflegeeltern. Viele davon waren streng, die eigene Mutter sah er nur am Wochenende. Gefängniskarriere des Bruders Es war der Moment, in dem sich die Wege von Glen und Troy zu trennen begannen. Glen flüchtete sich in den Sport, sein Bruder nicht. «Troy fing an zu stehlen, einzubrechen, Leute zu überfallen», sagt der EVZ-Stürmer. Im Alter von 23 wurde Troy wegen Entführung zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt, 2003 soll er einen Mithäftling ermordet haben. Seine Strafe dauert noch an, Kontakt haben die Brüder nur sporadisch. Es mache ihm nichts aus, über Troy zu sprechen, sagt Glen Metropolit, man könne ja auch etwas daraus lernen, wenn sich zwei so unterschiedlich entwickelten. Als Glen 18 war, stellt er die entscheidende Weiche. Er war Topskorer der städtischen Liga, doch im Begriff abzudriften. «Ich geriet auf die schiefe Bahn, tat Dinge, die nicht gut sind», blickt er zurück. «Freunde von mir handelten mit Drogen, andere starben an einer Überdosis.» Metropolit floh aus Toronto und spielte seine letzte Juniorensaison weit im kanadischen Westen. Er lebte bei einer liebevollen Gastfamilie, holte seinen Highschool-Abschluss nach und schloss sich einem Team in der drittklassigen ECHL an. Gedraftet worden war er nie. Der ständige Kampf Vielleicht liegt hier ein Schlüssel für Metropolits Unzufriedenheit mit Zugs Rotationsprinzip: Der zweifache NLA-Topskorer empfindet das Aussetzen als Demütigung. Er hat sein Leben darauf aufgebaut, jede noch so kleine Chance zu nutzen. Nun muss er mit der Ungewissheit leben, dass die nächste Chance vielleicht erst in einer Woche kommt. Das muss ihn treffen &endash erst recht, wenn jeder Skorerpunkt ein Argument für seinen nächsten, wohl letzten, grossen Vertrag ist. Den würde er trotz allem am liebsten in Zug unterschreiben &endash die sechzig Umzüge, die er, seine Frau und ihre inzwischen drei Kinder bis heute hinter sich haben, reichen ihm. Kennen gelernt haben sich die Metropolits vor fünfzehn Jahren in Florida, wo Glen in der ECHL spielte und Michlyn studierte. «Sie ist grossartig und managt alles», schwärmt der Stürmer, «ihr verdanke ich, wer ich bin.» Dann legt ein breites Grinsen seine typische Zahnlücke frei, und er fügt hinzu: «Sie hat einen Abschluss in Psychologie &endash jeden Abend sitzen wir zusammen, und sie hilft mir, meine Kindheit zu verarbeiten, mich selbst zu verstehen.» Die andere Seite Humor und Offenheit sind zwei der auffälligsten Eigenschaften des Kanadiers. Er fühle sich alt, wenn er im Sommer in sein ehemaliges Quartier zurückkehre und sehe, wie dort immer mehr Gebäude verschwinden und teure Neubauten entstehen, sagt er. Er fühle sich aber jung, wenn er wie heute auf Topniveau Eishockey spielen könne. Er spricht von der Bedeutung gesunder Ernährung und von seinen Schwierigkeiten, mit den eigenen Kindern streng zu sein &endash «meine Frau macht das, wir sind wie ‹good cop, bad cop›». Und er schwärmt von seiner Mutter, die heute als Busfahrerin in Toronto arbeitet und die ihm einst fünfzig Cents für jedes Tor gab, dass er in der städtisch subventionierten Juniorenliga erzielte. Die Zeiten haben sich geändert. So preiswert sind Metropolits Treffer schon lange nicht mehr. Glen Metropolit: Humor und die stete Arbeit, sich selbst zu verstehen. Foto: Tom Kawara

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