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Er glaubte immer an Wilhelm Tell

schweizermacher Das neue Musical weckt Erinnerungen: Wie ein italienischer Maoist selber zum Schweizermacher wurde.

von jan strobel Salvatore Di Concilio, 58, Schweizer, erinnert sich vor allem an die Stümperhaftigkeit der Fremdenpolizei. Einmal, es war in den späten 70ern, habe sie seinen Kollegen von der Schreinerei bis an den Hauptbahnhof verfolgt. Wen wollte dieser Italiener, offensichtlich ein Kommunist, dort abholen? «Die dachten, da steige jetzt ein Moskauer Verbindungsmann aus dem Zug. Stattdessen kam eine kleine italienische Mamma, ganz in Schwarz gekleidet.» Sie küsste ihren Sohn. Die Fremdenpolizei machte eine Notiz, für die Akten. Di Concilio kennt viele solcher Geschichten, und auch seine eigene wurde ein Stück weit von den Schweizermachern mitgeschrieben, mitgedeutet. Es ist eine Geschichte über Spiessigkeit und Furcht, Beamtentum und eigener Identität. «Wir fühlten uns ausgeliefert» Ende der 60er-Jahre war es für den 17-jährigen Salvatore klar, dass es in Salerno, unten im Süden, keine Zukunft für ihn gab. Wie Tausende andere träumte er vom Norden, von dem Ort, an dem die Maschinen liefen und man Menschen brauchte, die dankbar anpackten und keine Fragen stellten, damit der Wohlstand immer weiterwachsen konnte. «Ich hatte nur zwei Möglichkeiten, die eine Perspektive versprachen: Entweder ich ging zum einen Onkel, der bei Fiat in Turin arbeitete, oder zum anderen, in die Schweiz», erzählt Di Concilio. Er entschied sich, seiner Heimat den Rücken zu kehren, obwohl er sein Land liebte und in jugendlichem Idealismus bei den Maoisten für ein besseres Italien kämpfen wollte. Für Di Concilio musste es die Schweiz sein. Er bewunderte die direkte Demokratie, in der jeder Einzelne mitgestalten kann. Und Tell war schliesslich auch ein Revolutionär gewesen. Im März 1969 traf der tatendurstige Italiener in Zürich ein und begann als gleich als Hilfsarbeiter bei der Schreinerei Karl Steiner in Schwamendingen. Doch im Betrieb blieben die Italiener und Portugiesen unter sich. Das war auch beim Feierabendbier in der Beiz so. Die «Tschinggen» waren den Schweizern fremd. «Es herrschte auf beiden Seiten ein grosses Misstrauen», beschreibt Di Concilio die Stimmung. «Besonders ausgeprägt wurde das, als es 1970 um die Schwarzenbach-Initiative ging. Wir trauten unseren Schweizer Kollegen nicht über den Weg. Du wusstest, dass sie so abstimmen könnten, dass du gehen müsstest. Wir fühlten uns ausgeliefert.» Die Angst war umso grösser, als Di Concilio bereits sein Ziel, Schweizer zu werden, klar zu verfolgen begann. Er wollte an der Entwicklung dieser Gesellschaft mitwirken, und so besuchte er zweimal in der Woche den Deutschkurs in der Gewerbeschule. Integrationsprogramme waren damals ein Fremdwort. Di Concilio bezahlte die Stunden aus der eigenen Tasche. Politisch wollte er an seine linke italienische Zeit anknüpfen, denn nur durch Engagement, so seine Überzeugung, konnte er den Zugang zu diesem Land finden, das seine Heimat werden sollte. Und schliesslich gab es auch in Zürich Maoisten. Ihnen schloss er sich an. Es waren mehrheitlich Studenten, die sich zu diesem Zeitpunkt gerade gegen das sogenannte Y-Projekt wehrten, das brachial eine Verknüpfung von drei Autobahnen mitten in der Stadt vorsah. Es war klar, dass das der Fremdenpolizei nicht geheuer sein konnte, umso mehr, als Di Concilio schnell den Zugang zu dieser Gruppe fand. Denn bei den Maoisten verliebte er sich in eine Mitgenossin. Sie war Schweizerin. Mit ihr wurde der Italiener politisch immer aktiver. Er sass in der Schreiner-Gewerkschaft und im Initiativkomitee «Für das Stimm- und Wahlrecht für Ausländer». Eine Bespitzelung Di Concilios erschien für die Beamten jetzt unumgänglich. «Wir wussten natürlich, dass man Spitzel auf uns angesetzt hatte. Bei ein paar Freunden, die sich zu der Zeit einbürgern lassen wollten, kam es zu Hausbesuchen. Da musste verdächtige Literatur schnell bei Kollegen verschwinden, bevor die Polizei klingelte. Zum Glück blieb meiner Freundin und mir das erspart.» Wie der Staat ihn gesehen hatte, das konnte Di Concilio erst Ende der 80er-Jahre schwarz auf weiss lesen, nachdem der Fichenskandal die Nation erschüttert hatte. «Da waren alle Namen und Adressen des Initiativkomitees aufgelistet und wer wann zu den Sitzungen erschien. Wenn ich zu spät in den Betrieb kam, wurde das ebenfalls verzeichnet. Es war ein Witz.» Salvatore Di Concilios Glück: Er hatte seine Schweizer Freundin geheiratet und konnte so von einer erleichterten Einbürgerung profitieren. Doch erst 1985, als die Schweiz die Doppelbürgerschaft anerkannte, wagte er den Schritt und unterzog sich dem Verfahren. Bei der Anhörung durch die Einbürgerungskommission musste er jetzt beweisen, dass es ihm mit der Schweiz wirklich ernst war. «Die Fragen waren sehr kompliziert. Ich musste Dinge lernen, die von Schweizern nicht verlangt wurden. Ich habe es trotzdem geschafft.» Nur der Pass kam erst einmal nicht. «Sie brauchten ungewöhnlich lange. Ich denke heute, dass sie zuerst unsere Fichen noch einmal kontrollieren mussten, bevor sie mir das Dokument aushändigen konnten.» Ein anderes Land Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Di Concilio, der mittlerweile der SP beigetreten war und in den Gemeinderat gewählt wurde, irgendwann selbst für seine Fraktion in der Einbürgerungskommission sass. Bis diese 2008 ihre Kompetenz an den Stadtrat abgab, entschied er plötzlich mit, wer Schweizer werden durfte und wer nicht. «Das war weiss Gott nicht immer einfach für mich.» Besonders die schwierigen Fälle bereiteten ihm Kopfzerbrechen, weil er persönlich mit den Bedingungen und Vorschriften nicht einverstanden war. «Es ist einfach absurd, dass jemand sechs Jahre in derselben Gemeinde ununterbrochen wohnhaft sein muss, damit er das Bürgerrecht erhält. Wenn ich in Altstetten wohne und nach Schlieren über die Grenze ziehe, würde die ganze Prozedur von vorne beginnen. Das leuchtet nicht ein.» Doch die Schweiz, findet Di Concilio, ist im Vergleich zu jenem Märztag 1969, als er im Zürcher Hauptbahnhof ankam, ein ganz anderes Land geworden. In Rolf Lyssys Film «Die Schweizermacher» wird einem Italiener die Frage gestellt: «Wenn Wilhelm Tell heute leben würde, wen würde er erschiessen?» Salvatore Di Concilio hat heute eine klare Antwort parat: «Die Angstmacher. Die würde Tell bekämpfen, denn mit ihnen tut sich die Schweiz keinen Gefallen.»n

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