Zum Hauptinhalt springen

Er hält sich für den Sonnenkönig (max. 2-zeilig) «Er hält sich für den Sonnenkönig»

Streiktag in Frankreich: Heute beginnt der Showdown wegen der Rentenreform von Präsident Sarkozy. Ein Besuch bei Mireille Chessa, der unbeugsamsten Klassenkämpferin im Land. Von Oliver Meiler, Marseille Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erforderlich. Mireille Chessa ist die unbeugsamste Klassenkämpferin in Frankreich, sie organisiert den Kampf gegen die Rentenreform von Präsident Nicolas Sarkozy. Heute beginnt mit einem nationalen Streiktag der Showdown.

Von Oliver Meiler, Marseille Dort unten, im grossen Hafen von Marseille, liegt der Beweis vor Anker – der ganze Stolz der Gewerkschaftschefin: 50 Tankschiffe, alle gestrandet. Aus ihrem Büro im vierten Stock der Bourse du Travail, der Arbeitsbörse und des regionalen Hauptsitzes der Confédération Générale du Travail (CGT), des grössten Gewerkschaftsbundes Frankreichs, hat Mireille Chessa diesen Radarblick über die Stadt und die Bucht. Sie muss nicht einmal von ihrem Stuhl aufstehen, um sich ein Bild zu machen von ihrer Arbeit. Chessa zeigt auf die Schiffe, die sie mit dem Streik bei den Ölterminals gestoppt hat, und sagt mit ihrer tiefen, verrauchten Stimme: «Das trifft das Portemonnaie der Kapitalisten: Jeden Tag gehen 30 000 Euro verloren, pro Schiff. Ich habe keine Wahl: Wenn ich will, dass sich die Regierung mit mir an den Verhandlungstisch setzt, muss ich solche Saiten aufziehen.» Man redet schon lange nicht mehr miteinander, man verhandelt nicht – man bekämpft sich. Marseille ist der Gradmesser In Frankreich beginnt heute die heisse Phase in der Kraftprobe über Nicolas Sarkozys Rentenreform – mit einem nationalen Grossstreiktag, dem dritten innerhalb eines Monats. Vom Ausgang dieses Showdowns hängt wohl auch das politische Schicksal des Präsidenten ab, der die Erhöhung des Rentenalters von 60 auf 62 Jahre zum wichtigsten Vorhaben seiner Amtszeit stilisiert hat. Drückt er sie durch, um sich als couragierter Reformer zu beweisen? Oder zerbricht Sarkozy an den Gewerkschaften, die 70 Prozent der Bevölkerung hinter sich wissen? Marseille ist der Gradmesser. Nirgendwo im Land wird härter gekämpft und massiver gestreikt. Das war oft schon so gewesen. Marseille gibt bei sozialen Konflikten meist die Avantgarde: leidenschaftlich und trotzig. Die Initialzündung für einen möglichen Flächenbrand, der sich übers ganze Land ausweiten könnte, kommt auch diesmal von hier. Und Mireille Chessa, 54, Tochter eines sardischen Bäckers, reguliert das Feuer, legt mal etwas mehr Holz drauf, nimmt zuweilen etwas raus. Zuletzt schüttete sie Öl nach. «Crescendo» nennt sie das. Chessa gilt als unbeugsamste, unermüdlichste Gewerkschafterin im Land. An der Legitimität des Klassenkampfs – denn darum geht es noch immer – zweifelt sie nicht. Da mögen alle anderen Länder Europas ihre Rentensysteme reformieren, das Rentenalter an demografische und volkswirtschaftliche Imperative anpassen, weil die Pensionen sonst nicht mehr finanzierbar sind: Chessa fordert nicht nur, dass das Rentenalter 60 (und 65 für die Vollrente), eine soziale Errungenschaft aus den 80er-Jahren, für alle beibehalten werde, sondern dass die Renten auch noch besser würden. Es sei ganz einfach: «Das Kapital muss dafür stark besteuert werden.» Auch dass die Bevölkerung immer älter wird, lässt Chessa als Argument nicht gelten: «Die Frage ist nicht, wie alt wir werden, sondern, wie wir uns körperlich fühlen, wenn wir das Rentenalter erreichen. Wenn wir halb tot sind, dann bringt uns die Rente nichts.» Der psychische und körperliche Druck bei der Arbeit werde immer grösser. Nicht die Gewerkschaften seien rückständig in der Rentenfrage – im Gegenteil: «Wir zeigen dem Rest Europas den Weg: Schauen Sie nach Griechenland, Spanien, Italien – überall erwacht der Widerstand.» Es war nicht schwierig, die Franzosen zu mobilisieren. Im Sommer hat die CGT an den Stränden Traktate verteilt und die Ungerechtigkeit der Reform erklärt. Bis sich die Stimmung drehte. «Man sagte uns zunächst, diese Reform sei unvermeidlich. Doch die Leute glauben das nicht. Die Arbeiter haben es satt, dass immer sie bezahlen und dass man ihre Probleme nicht ernst nimmt.» Da kommt vieles zusammen: die Kosten der Wirtschaftskrise, die auf die Arbeitnehmer abgewälzt worden seien; die vielen Skandale von Politikern, die sich beim Staat bedienen; die Affäre um Milliardäre wie Liliane Bettencourt von L’Oréal, die offenbar über dem Gesetz stehen und Steuergeschenke erhalten. «Es herrscht ein diffuses Gefühl vor, dass die da oben die Leute hier unten verachten.» 650 000 Unterschriften Als Chessa unlängst mit ihrem Chef, Generalsekretär Bernard Thibault, und 650 000 Unterschriften gegen die Rentenreform in Paris vorstellig wurde, da empfing sie Sarkozys Arbeitsminister mit den Worten: «Ich bin nicht hier, um euch zuzuhören. Ich bin hier, um zu reformieren.» Totale Konfrontation. Für Chessa ist Sarkozy schlecht beraten: «Er hält sich für den Sonnenkönig. Er spürt die ‹France profonde› nicht mehr. Aus dem echten Frankreich erreicht uns die Botschaft: ‹Es reicht! Stoppt die Regierung!›» Die Bewegung wachse, im Privatsektor wie im öffentlichen Dienst. Heute streiken in Marseille die Eisenbahner, die Steuerbehörden, die beiden Kaufhäuser von Monoprix, die Docker, der Stromkonzern EDF, die Post, Air France, die Sparkassen – und die Seeleute. «Die Wirtschaft liegt am Boden», sagt Chessa, «kein Schiff wird mehr in den Hafen laufen. Bald gibt es kein Benzin mehr.» Es schwingt Zufriedenheit mit, wenn sie so redet. «Die ideologische Schlacht haben wir gewonnen, das Volk steht hinter uns. Nun müssen wir ihn noch dazu bringen, die Reform zurückzuziehen.» Ihn, Sarkozy, den Sonnenkönig. Sie ist sein lästiger Schatten. «Sarkozy spürt die ‹France profonde› nicht. Von dort erreicht uns die Botschaft: ‹Es reicht! Stoppt die Regierung!›» Mireille Chessa

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch