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«Es ist nun mal nicht jeder Einstein»

Katharina Weiss lässt in ihrem neuen Buch Jugendliche über den Stellenwert von Schönheit, Körperkult und Diätwahn sprechen.

Mit Katharina Weiss sprach Bettina Weber Frau Weiss, finden Sie sich schön? Ich neige eher dazu, mit mir selbst unzufrieden zu sein. So ist auch die Idee für das Buch entstanden: Ich wollte wissen, wie es anderen in meinem Alter diesbezüglich so geht. Womit hadern Sie denn so? Das ist unterschiedlich. Das Gesicht ist natürlich immer ein Thema, ich wünsche mir manchmal die Nase von Keira Knightley. Und dann bin ich zwar nicht dick, denke aber dennoch hin und wieder, ach, die Beine könnten schlanker sein oder länger. Jugendliche haderten in der Pubertät stets mit ihrem Körper und machten sich Gedanken über ihr Aussehen. Inwiefern ist das heute anders, wo einem an jeder Ecke retuschierte Titelbilder und Werbeplakate entgegenlachen? Das Bewusstsein ist höher als früher. Das hat aber auch damit zu tun, dass beispielsweise die Nachkriegsgeneration mit ganz anderen Problemen konfrontiert war. Uns geht es gut, und deshalb ist das Thema so wichtig geworden. Es geht ja gar nicht immer um den Schönheitswahn; wie man abnimmt, welche Lebensmittel besonders wenig Fett haben – das sind alles Fragen, die mit dem Aussehen und dem gesteigerten Körperbewusstsein zusammenhängen und die ganze Gesellschaft interessieren. Offenbar durchschauen Jugendliche die Tricks der Werbeindustrie mit der digitalen Veränderung von Gesichtern und Körpern durchaus. Gleichzeitig möchten sie aber dem vermittelten Bild entsprechen. Die Werbung zeigt ja nicht irgendwas, sondern das, was sich die Menschen wünschen. Sie funktioniert als Spiegel und passt sich dem Zeitgeist an. Und idealisiert dann, was der gut findet. Einer Ihrer Protagonisten im Buch sagt, dass er Werbung mit einem dicken Model nicht wahrnehmen würde – ganz einfach, weil das nicht dem Ideal entspreche. Wir wissen, dass die Models auf den Plakaten verändert, schöner und dünner gemacht werden. Trotzdem ist es so, dass wir im ersten Moment glauben, ein Bild lüge nicht, weil wir ja sonst auch nicht an dem zweifeln, was wir sehen. Man muss also bei Bildern in Magazinen immer zuerst eine Denkleistung vollbringen, um darauf zu kommen, dass das Bild nicht echt ist. Das macht man aber nicht jedes Mal, und so findet schon eine gewisse Manipulation statt. Ein allgemeines Schönheitsideal scheint nicht zu existieren – mit einer Ausnahme: Schlank zu sein, ist ein absolutes Muss. Alle von Ihnen Porträtierten haben entweder schon eine Diät gemacht oder treiben bloss deshalb Sport, damit sie nicht hungern müssen. Das ist tatsächlich so. Es geht nicht darum, dürr zu sein, dieses Mager-Ding ist nicht so in, aber einen schlanken und gesunden Körper zu haben, ist schon sehr wichtig. Wenn jemand 30 Kilo zu viel mit sich herumträgt, wird das als Schwäche wahrgenommen, weil man denkt, der ist selbst schuld, wenn er zu faul ist, um Sport zu treiben. Die jungen Frauen gehen härter mit sich ins Gericht als die jungen Männer. Ist das so, weil Frauen immer noch stärker an ihrem Aussehen gemessen werden? Total. Aber Frauen werden ja in erster Linie von anderen Frauen taxiert. Oft hat man als Frau gar nicht vor dem männlichen Auge zu bestehen, sondern vor den anderen Frauen. Und weil halt Frauen mehr lästern, werden Schwachstellen eher aufgedeckt. Das macht den Druck wieder grösser. Dennoch scheinen die Ansprüche der jungen Männer ans andere Geschlecht flexibler zu sein als diejenigen der jungen Frauen, die sehr klare Vorstellungen haben, wie ein potenzieller Partner auszusehen hat. Woran liegt das? Das fand ich auch interessant. Aber es liegt vermutlich daran, dass die Frauen anspruchsvoller geworden sind. Und dann kommt noch hinzu, dass Mädchen dieses Fan-Sein stärker kultivieren als Jungs. Sie sind anfälliger für all diese Teeniestars, haben schon viel früher Idole, von denen sie träumen und an denen sie die normalen Jungs dann messen. Ich habe mir zum Beispiel über Ostern «Gossip Girl» angeschaut und mich ebenfalls dabei ertappt, wie ich dachte, ach, sind die Jungs da cool und gut angezogen und charmant, wieso gibts keine solchen Exemplare in meiner Umgebung? Schön sein wird oft mit sexy sein in Zusammenhang gebracht. Die Feministin Natasha Walter konstatiert in ihrem Buch «Living Dolls», dass Frauen heute lieber sexy sein möchten statt klug, weil Boxenluder wie Katie Price dank Silikonbrüsten Karriere machen. Kein einziges Mädchen, mit dem ich gesprochen habe, hat erwähnt, dass es gerne eine Figur wie Katie Price oder Pamela Anderson hätte. Dennoch: Wenn man sich die Castingschlangen für «Germany’s Next Topmodel» ansieht, scheint Walter so unrecht nicht zu haben. Es ist nun mal nicht jeder Einstein. Und da denkt man sich eben, dass es schon hilfreich sein könne, gut auszusehen. Es öffnet einem viele Türen. Das weiss man heutzutage einfach. «Das Äussere ist das Erste, das einem auffällt. Das Innere sieht man dann noch nicht», sagt einer der Porträtierten. Ihre Generation ist sich dieser Tatsache sehr bewusst. Es spielt auch eine grosse Rolle. Einer im Buch sagt ja sogar, dass er bei mündlichen Prüfungen immer bessere Noten bekomme als die Streber, weil er halt gut aussehe und das auch einzusetzen wisse. Es ist wichtig, dass man sich selbst gut verkauft, quasi wie eine Marke. Man muss dafür gut aussehen oder zumindest was aus sich machen. Bei Bewerbungsgesprächen hat man auch mehr Erfolg, wenn man gut frisiert und gekleidet daherkommt. Was ist der Nachteil, wenn man sich selbst als Marke begreift? Einen Nachteil in diesem Sinne sehe ich nicht. Es macht vielleicht die Kommunikation ein wenig oberflächlicher, und wenn man sich zu sehr aufs Äussere konzentriert, verpasst man möglicherweise wertvolle Menschen, weil sie nicht in den eigenen Raster passen. Ist es nicht auch furchtbar anstrengend? Jugendliche wirken mitunter so, als ob sie permanent gefilmt würden. Das stimmt ein bisschen. Man muss ja nur an Facebook denken, wo die Leute die Privatsphäre sehr gerne teilen. Wobei es gar nicht darum geht, ein Superstar werden zu wollen. Trotzdem rückt Ruhm so in greifbare Nähe, man bekommt Beachtung. Das ist sehr, sehr wichtig. Und schöne Menschen bekommen nun mal mehr Aufmerksamkeit. Was heisst das für jene, die nicht so schön sind? Für Leute, die jetzt rein äusserlich nicht so viel Glück hatten und es auch nicht verstehen, etwas aus sich zu machen, ist das natürlich blöd. Aber das war für mich die schönste Erkenntnis des Buchs: Viele fanden, dass kein Mensch für einen anderen zu schön sein kann. Dass also eigentlich jeder bei einem anderen, auch wenn dieser viel schöner ist, Chancen haben kann. Man kann zum Beispiel auch mit Stil punkten. Und je älter man wird, desto weniger spielt das überhaupt eine Rolle. Eine derart schönheitsbewusste Generation wird kaum entspannt reagieren, wenn dann die ersten Falten kommen. Diejenigen, die schon über 20 sind, sagten alle, dass ihnen ihr Aussehen mit 17, 18 wichtiger war als heute. Aber vermutlich haben Sie recht, dass man sich später dann wieder mehr Gedanken macht. Aber wir sind eine Generation, die vermutlich relativ schnell die plastische Chirurgie in Anspruch nehmen wird. Werden Operationen alltäglich? Nicht so, dass es endet wie bei Michael Jackson. Aber mit Botox und mit Hyaluronsäure hat wohl kaum jemand ein Problem. Und steht man dazu? Eine Freundin von mir hat sich eben die Nase machen lassen und begründete das mit einer schiefen Nasenscheidewand. Vielleicht wird sich das ändern: Man versteckt sich nicht mehr hinter dem Deckmäntelchen der Gesundheit, sondern sagt offen, worum es geht – um das Bedürfnis, schön sein zu wollen. «Die Werbung zeigt nicht irgendwas, sondern das, was sich die Menschen wünschen. Sie passt sich dem Zeitgeist an.» «Man versteckt sich nicht mehr, sondern sagt offen, worum es geht – um das Bedürfnis, schön sein zu wollen.» «Es ist wichtig, dass man sich selbst gut verkauft»: Teenager beim Schminken. Foto: Francine Fleischer (Corbis)

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