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Fidos Figaros

Auch beim Scheren des Pudels zählt vor allem die Nüchternheit. Das zeigte die Schweizer Meisterschaft der Hundecoiffeure in Winterthur. Und so bleiben Schweizer Hundefriseure Mittelmass.

Von Beat Metzler (Text) und Sabina Bobst (Bilder) Wozu brauchen Pudel einen Coiffeur? Damit sie aus ihren Augen sehen. Wie menschliches Kopfhaar wächst Pudelfell ins Endlose. Liesse man ihnen die Locken spriessen, sähen sie aus wie überdimensionierte Haarknäuel. Doch zum Pudelwohl gibt es Hundecoiffeusen. Deren Scheren verwandeln die Knäuel in stupsnasige Ballerinas auf vier dünnen Beinen. «Continental» heisst der klassische Pudelschnitt im Jargon. Letztes Wochenende massen sich mehr als 20 Hundecoiffeusen an der Schweizermeisterschaft. Umgeben von den Messeständen der Hund 11 in Winterthur – an der Hündeler alles finden, was die Existenz ihrer vierbeinigen Lebensabschnittspartner betrifft –, schnipselten, strählten, rasierten und föhnten die «Groomer» (englisch für Pfleger) Hunde verschiedener Rassen. Stoische Frisurenmodels Dabei geht es um mehr als freie Sicht für Pudelaugen. Es gewinnt, wer die klassischen Schnittvorlagen am genausten umsetzt. Bei den Pudeln heissen sie «Scandinavian», «Modern» und eben «Continental». Bis zu zweieinhalb Stunden Zeit beansprucht das perfekte Hundestyling. Und anders als in Salons für Menschen verläuft die Prozedur in völliger Stille. Die Frauen arbeiten andächtig wie Skulpteure. Man hört Scheren ratschen, auf dem roten Teppich sammeln sich Büschel aus weissem Hundefell. Die Hundemodels, auf einem Podest stehend, lassen die Prozedur stoisch über sich ergehen. Mehrere Zuschauer, alles Hundebesitzer, rufen aus: «Ach, die armen Tiere!» Mit diesem Eindruck sind sie nicht allein: Letztes Jahr rückte «10 vor 10» die Coiffeusen in die Nähe von Tierquälerinnen, die wehrlosen Hunden ein absurdes Aussehen verpassen. Die Coiffeusen wehren ab. Die Hunde würden kaum ruhig stehen, wenn sie unter dem Schneiden litten. Es gehe vor allem darum, den Besitzern ein «gepflegtes Tier» zu präsentieren. Ausserdem könnten Hundecoiffeusen gesundheitliche Probleme früh erkennen. Die Schweiz als Schwellenland Die Frisuren seien alles andere als unnatürlich, sondern hätten einen praktischen Ursprung. Pudel waren früher Apportierhunde, die die von Jägern geschossenen Enten aus dem See fischten. Damit sich das Pudelfell beim Schwimmen nicht mit Wasser vollsog und das Tier in die Tiefe zog, wurden gewisse Stellen geschert. Damit die Hunde im kalten Wasser nicht froren, liess man die Haare an anderen Stellen wachsen. Daraus habe sich der «Continental-Look» entwickelt, der – perfekt ausgeführt – zur Haute Couture in Sachen Hundefrisuren gehöre, sagt Jury-Präsidentin Nicole Kramer. In Sachen hündischer Couture gilt die Schweiz als Schwellenland. An internationalen Meisterschaften haben hiesige Groomerinnen nur geringe Chancen. Oft kommen die Gewinner aus den USA. Dort sind Grooming-Wettkämpfe Spektakel mit Hunderten von Zuschauern, an denen Coiffeure wirre Fantasien in Hundefell verwirklichen: Pudel werden zu giftgrünen Drachen gestylt, zu Kamelen mit Fellhöckern oder Hühnern «umgestaltet». In Winterthur herrschte dagegen Nüchternheit. Mit Haarsprays oder Färbemitteln nachzuhelfen, war verboten. Einzig die Genauigkeit des Schnitts entschied über Sieg oder Niederlage. Einen Hauch internationalen Glamours trug der Engländer Colin Taylor in die Eulachhalle. Der breite Mann mit schmalem Ziegenbart hat fast alle Titel gewonnen, die man im Wettkampf-Grooming abräumen kann. In Winterthur gehörte er zur Fachjury. Etwas verloren sass er hinter dem Richtertisch, konsultierte regelmässig sein Smartphone und musterte die sich abzeichnenden Frisuren: «Some will be amazing.» Taylor bildete eine weitere Ausnahme. Er war der einzige Mann in der Arena der Hundecoiffeusen. Im Gegensatz zu den USA finde man hierzulande fast keine männlichen Groomer, sagt Nicole Kramer. Das Prestige sei wohl zu klein. «Kein Mann sagt gerne, sein Beruf sei, Pudel zu strählen.» Im Alltag lieber sportlich Die fehlende Weltklasse der Schweizer Groomer hänge auch mit der Ausbildung zusammen, meint Kramer. «Hundecoiffeuse» ist kein geschützter Berufstitel: Jeder, der will, kann einen Hundesalon eröffnen. Es gebe viele Kurse, die nur mangelhafte Kenntnisse vermittelten. Weltklasse-Kompetenz ist im Alltag vieler Hundecoiffeusen auch nicht gefragt. «Ich mache viele sportliche Schnitte», sagt Jacqueline Meier, Besitzerin des Salons Dolly im Kreis 4. Extravagante Wünsche müsse sie selten umsetzen. Die meisten wollten einfach ein sauberes Tier, das nicht «müffele». Den Schweizer Meistertitel erschnitt sich übrigens Doris Kapferer vom Hundesalon Esprit in Kreuzlingen. «Warum es keine männlichen Groomer gibt? Kein Mann sagt gerne, sein Beruf sei, Pudel zu strählen.» Nicole Kramer, Jury-Präsidentin Vorgegebener Schnitt: Eine Coiffeuse verpasst ihrem Pudel einen «Continental». Konzentration: Die Hunde haben gelernt, stillzuhalten. Fellflocken: Die geschnittenen Pudelhaare werden nicht weiterverwendet. Fransen schneiden: Wer schön sein will, muss stillhalten, manchmal stundenlang. Feinschnitt: Die Ausführung der Details ist entscheidend.

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