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Freie Seesicht ist in Wädenswil nur 90 000 Franken wert

Mit einer illegalen Baumfällaktion sorgte eine Baufirma für bessere Fernsicht. Nun sind die Baumfrevler mit einem blauen Auge davongekommen.

Von Ruedi Baumann Wädenswil &endash In einer Nacht-und-NebelAktion wurde am 29. August 2007 ein Wäldchen aus 29 Bäumen abgeholzt und damit die Fernsicht für die künftigen Bewohner der halb fertigen Überbauung Seewies oberhalb von Wädenswil verbessert (der TA berichtete regelmässig). Die Generalunternehmung Stipa in Winkel übernahm die Verantwortung, wurde mit 20 000 Franken gebüsst und zur Wiederaufforstung verpflichtet. Damit wars aber noch lange nicht getan: Bezirksstatthalter Armin Steinmann wollte von der Stipa 5,45 Millionen Franken zugunsten der Staatskasse einziehen. Begründung: Die Firma habe für ihre 20 Wohnungen dank illegaler Methoden einen klaren Mehrwert erzielt. Die Stipa ihrerseits argumentierte, die 5,45 Millionen seien absurd hoch und würden die Firma in den Ruin treiben. Der Streit ging vor das Bezirksgericht, dieses reduzierte die 5,45 Millionen auf 90 000 Franken, der Statthalter zog das Urteil weiter. Im letzten Sommer bestätigte das Obergericht die 90 000 Franken Mehrwert; das Urteil ist nun rechtskräftig.Auffallend am Streit um den Mehrwert einer guten Aussicht ist die hohe Diskrepanz zwischen Statthalter und Gerichten. Statthalter Armin Steinmann, der auch SVP-Kantonsrat ist, hatte 60-mal mehr verlangt, als vom Gericht schliesslich verfügt wurde. Stipa-Mitinhaber Christoph Lenz sagt es so: «Das ist, wie wenn die Anklage auf lebenslang plädiert und der Delinquent mit ein paar Monaten bedingt davonkommt.» Der Statthalter hatte für jeden Quadratmeter Wohnfläche 2000 Franken Mehrwert veranschlagt. Er hat dabei alle 20 Wohnungen berücksichtigt, obschon zum Zeitpunkt der Fällaktion 13 schon verkauft waren. Sein Argument: «Die Käufe waren noch nicht im Grundbuch eingetragen, die Stipa war also noch immer offizielle Besitzerin.» Steinmann hat vor Gericht zudem mit dem Verkaufsprospekt argumentiert: «Sicht auf den Zürichsee und die Voralpen» sei den Käufern versprochen worden. Mit dem Baumfrevel habe die Stipa ihr Versprechen eingelöst und dank höherem Marktwert einen höheren Gewinn erzielt. Seine Berechnungsmethode basiere auf aktuellen Preisen für Grundstücke mit Seesicht. SVP-Politiker gegen Gewerbe Ganz anders sieht das Stipa-Mitinhaber Christoph Lenz. «Es ist traurig, wenn ausgerechnet ein SVP-Politiker mit realitätsfremden Entscheiden ein KMU in den Ruin treiben will.» Gemäss Lenz hat die Stipa nur mit Mühe vermeiden können, dass Banken und Handwerker abgesprungen seien, als das «5-Millionen-Damoklesschwert» über der Firma hing. Bei Käufern und Handwerkern habe &endash so Christoph Lenz &endash «eine Weile lang grosse Verunsicherung geherrscht». Die Baumfällaktion sei zwar ein grosser Fehler und fürs Image der Firma schädlich gewesen, von einem Mehrwert habe die Firma jedoch kaum profitieren können. Das sahen offenbar auch die Richter so, die sich zusätzlich auf ein Gutachten des Hauseigentümerverbands stützten. Bei den 13 bereits verkauften Wohnungen habe der Generalunternehmer keinen Mehrwert erzielt, da im Vertrag Fixpreise vereinbart worden seien. In den Genuss der besseren Aussicht seien höchstens die Käufer gelangt. Laut Obergericht sei das Versprechen «Sicht auf Zürichsee und Voralpen» eine «reklamehafte Anpreisung» und keine rechtlich bindende Zusicherung für alle Wohnungen. Im Kaufvertrag sei zudem keine Garantie betreffend Fernsicht zu finden. Der Frevel nützte nicht allen Das Obergericht hat die Argumentation der Stipa mehrheitlich bestätigt. Auch der Hauseigentümerverband hatte festgestellt, dass nicht alle Wohnungen gleichermassen von den umgesägten Bäumen profitieren. Gemäss Christoph Lenz handelte es sich bei den 13 zuerst verkauften Wohnungen um jene mit den besten Aussichten. Bei der Überbauung gebe es auch Wohnungen mit Fenstern nach hinten hinaus oder solche mit eingeschränkter Aussicht, weil andere Gebäude im Weg stehen. Zudem habe jede Wohnung Flächen ohne Fenster &endash etwa Besenkammern. Das habe der Statthalter in seiner «Milchbüchleinrechnung» &endash so Lenz &endash nicht berücksichtigt. Inzwischen ist das Wäldchen wieder aufgeforstet. Die Stipa hat das weitere 30 000 bis 40 000 Franken gekostet. Allerdings brauchen diese Bäume noch mehrere Jahrzehnte, bis sie den Eigentümern der oberen Wohnungen wieder die Sicht auf See und Alpen versperren.

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