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Für Peter Eidenbenz sang ein Chor von wahren Engeln Ganz Ohr für selbstbewusste Solos und intime Duos The Human League: Alte Freunde aus der Steinzeit Nick Joyce Der dandyhafte Zauber des «Eugen Onegin»

Rubrik Klassikkonzert Zürich, Tonhalle – Singts oder singts nicht? In den ersten Takten von Verdis «Requiem» ist das die Frage, wenn nach dem Orchestereinsatz der Chor beinahe unhörbar, auf einem Ton drei kleine Silben summt: «Re-qui-em». Damit ist alles ausgelegt: das Unerbittliche wie das Unglaubliche, leise Trauer und nicht zuletzt ein Grausen über den Skandal des Sterbens, dem kein Mensch entgeht. Der Agnostiker Verdi bietet keinen Trost durch Musik. Sondern er führt höchst subjektiv sämtliche Facetten des Sterbens vor. Ohne Distanz, höchst dramatisch. Und zum Sterben schön. Und somit auch bestens geeignet für einen Interpreten, der aufhört, ohne ein «Aufgehörter» (wie Tucholsky sagt) zu sein. Etwa Peter Eidenbenz, der mit diesem Konzert die Leitung des Zürcher Bach-Chors abgibt (siehe TA vom 14. 4.) Und vielleicht wohnt ja nicht nur jedem Anfang, sondern auch jedem Ende ein Zauber inne. Der Chor jedenfalls glänzte tatsächlich – und zwar in allen Farben: Das «Kyrie» schmolz in zartem Piano, im «Dies Irae» hörte man Gnome oder sonstige Unterweltsgenossen ihr Unwesen treiben, und das «Sanctus» tönte so leicht, luftig und einfach, dass man unwillkürlich singende Engel vor sich sah. Nur wenn es laut auf laut ging, konnten die Sänger nicht mit der Wucht von Profis mithalten. Aber da sprang jeweils das Tonhalle-Orchester in die Bresche, indem es ein tragendes Fundament bot oder kompakt die Akkorde auf und niederfuhr. Grosse Oper also in dieser Totenmesse.Genau das dachte sich wohl auch das Solistenquartett (Ingeborg Greiner, Helena Zubanovich, JunHo You und Dimitry Ivashchenko), wenn es bisweilen das schönste Dauervibrato aufsetzte oder mit strahlendem Heldentenor dem Jüngsten Gericht zu trotzen versuchte. Hier hätte etwas konzertante Zurückhaltung nicht geschadet. Aber Verdi bleibt eben Verdi. Und da wird genauso gestorben wie gelebt oder geliebt: nämlich über die Massen. Anna Kardos Jazzfestival Zürich, Maiers Theater – Sechs Doppelkonzerte mit intimer Besetzung waren vom 12. bis zum 17. April am kleinen Jazzfestival «Maiers Ohr» im Maiers Theater am Albisriederplatz zu hören. Die meisten von Zürcher Jazzmusikern. Darunter waren drei Soloauftritte (von Vera Kappeler, Christian Wolfarth, Jan Schlegel), aber auch solche von Duos. Am Freitagabend konnte man geschärften musikalischen Ichs bei kammermusikalischen Zwiegesprächen zuhören: In zwei dreiviertelstündigen Sets musizierten so der Saxofonist Donat Fisch und der Perkussionist Christian Wolfarth; dann die Saxofonistin Andrea Oswald und die Pianistin Gabriela Friedli. Fisch und Wolfarth verbinden bei ihrem Auftritt jeweils drei Stücke zu einem Klangabschnitt, Fisch spielt auch mal weit ausschwingende Melodielinien auf Tenor- und Altosax – doch öfter noch verwirbelt er die Töne, das Ekstatische ist ihm auch im Duo nicht fremd. Markant ist vor allem Wolfarth an seinem Perkussionsset, das nur aus zwei in Quinten gestimmten Trommeln und drei kleinen Cymbals besteht. Wo man in einer kargen Duokonstellation in einen Horror Vacui und einen Aktionismus verfallen könnte, da wählt Wolfarth den umgekehrten Weg: Wie ein Asket isoliert er einfache rhythmische und klangliche Elemente, arbeitet mit ihnen gewissermassen aus der Stille heraus. Und so mischt sich in diesem Duo der Erzählduktus eines Lakonikers mit dem eines Rhapsoden.Auf der gleichen Erzählebene sprechen im zweiten Duo Gabriela Friedli und Andrea Oswald. Zumeist ist da ein Sturzbach aus Tönen. Andrea Oswald stellt zudem eine Verbindung aus Strukturalismus und dionysischem Spielwitz dar: Sie kultiviert auf ihrem Altsaxofon alle möglichen Sounds. Sie liebt Effekte am äussersten Ende des Free-Spiels, wo Klang und Geräusch eins werden, wo das Saxofon gar wild tost und tobt. Und gerade bei dieser wunderbar quirligen jungen Zürcher Musikerin hatte man den Eindruck: Ja, hier musiziert ein ausgewachsenes Ich. Christoph Merki Popkonzert Zürich, Komplex 457 – Nichts altert so schnell wie die Zukunft. Entsprechend kurz war die Zeit, in der The Human League als futuristischer Vorreiter der elektronischen Popmusik galten. Bereits Mitte der 80er-Jahre hatten spannendere Gruppen das britische Trio aus der ersten Liga des sogenannten Synthpop verdrängt. Der Grund für den abrupten Profilverlust ist schnell gefunden: Philip Oakey, Susan Ann Sulley und Joanne Catheralls Musik hatte nicht die intellektuelle Doppelbödigkeit der Pet Shop Boys oder die melodische Raffinesse von Depeche Mode. Ihre grossen Hits «Love Action» und «Don’t You Want Me» hatten stattdessen eine amateurhaft anmutende Gradlinigkeit, als hätte The Human League die Klangkonzepte der deutschen Pioniere Kraftwerk für den Einsatz in der Karaoke-Bar gestrafft. Beim Zürcher Konzert vom Samstagabend erwies sich Oakey, Sulley und Catheralls Hang zum programmierten Dilettantismus aber als Vorteil: Ihre vor einer brodelnden Videowand und drei Zusatzmusikern gekläfften Gesänge und gewundenen Tanzschritte verliehen dem Auftritt gerade dort eine unbeholfene Menschlichkeit, wo die begleitenden Sounds aus der Steinzeit des Synthpop leicht in die kühle Gleichförmigkeit hätten abgleiten können. Wobei die gurgelnden Oszillatoren, furzenden Bassriffs und stampfenden Maschinenrhythmen so vertraut wirkten, dass sie wie alte Freunde daherkamen. Wie übrigens der Grossteil des aufgeführten Repertoires, ein lustvoller Hitreigen mit ein paar eingestreuten Songs aus dem aktuellen Album «Credo». Überraschend nur, dass sich Neuheiten wie «Never Let Me Go» und «Night People» wie Klassiker aus einer längst vergangenen Zukunft anhörten. Lucerne Festival Luzern, KKL – Das Leben ist ein Leben der verlorenen Illusionen. Das hört man in Tschaikowskys konzertanter Aufführung der Oper «Eugen Onegin» schon gleich zu Beginn. Wenn da die ersten Violinen des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks das ortlose, sehnsüchtig-verträumte Streicherthema ansatzlos intonieren, wenn sie dann tief Luft holen für die von Sekundseufzern durchsetzten Moll-Phrasen, dann ist das keine opernhafte Setzung. Viel mehr wächst aus diesem flüchtig erheischten Einfall ein weitverzweigter Seelenkosmos hervor. Dennoch sind die Grenzen klar, ja beinahe brutal, an denen diese Innenwelt abprallt wie an der festgefügten gesellschaftlichen Realität: Polonaise, Walzer, Bauern- und Mädchenchöre erstrahlen in grellem «diesseitigem» Kontrast zu den emotionalen Berg-und-Tal-Fahrten Tatjanas. Veronika Dzhioeva gestaltet mit ihrem sinnlichen Sopran die Veränderungen ihrer Persönlichkeit vom naiven Mädchen zur Grande Dame äusserst geschmeidig. Marius Brenciu als Fürst Lensky wäre dagegen ein bisschen mehr Zutrauen in die eigene Gestaltungskraft zu wünschen gewesen. Und Bo Skohus als Onegin ein bisschen weniger! Denn über die im Detail liegenden Nuancen dieser Musik – ihre dandyhaften Gesten, die vielseitigen Klangchiffren der Décadence – singt der Bariton formvollendet hinweg. Alles tüchtig dick aufgetragen, ohne doch zu berühren, grob und sentimental; bis an den Rand der Larmoyanz, gegen die der Schatten des «Ennui» keine Chance hat. Glücklicherweise ist das Orchester unter der Leitung von Mariss Jansons ganz anderer Ansicht. Da ist die Oper keine Verzweiflungsorgie, sondern ein verletzlicher Seelentraum. Tom Hellat The Human League: Ein bisschen wie Kraftwerk in der Karaoke-Bar. Foto: PD

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