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«Für reale Probleme gibt es keine Musterlösungen»

Patrick Moser (23) aus Horgen gehört zu einer Gruppe von acht Maschineningenieur-Studenten der ETH, die einen vollautonomen Segelroboter entwickelt haben. Das vier Meter lange Boot segelt ohne menschliches Zutun und wird mit Solarenergie angetrieben. Das Boot namens Avalon ist das sogenannte Fokus-Projekt der Studenten, entstanden im letzten Jahr ihres Bachelorstudiums. Ziel der Gruppe, die sich SSA (Students Sail Autonomously) nennt, ist die Überquerung des Atlantiks im Rahmen der Microtransat Challenge 2009, der Transatlantik-Regatta für vollautonome Segelboote. Gestartet wird Mitte September an der Südwestküste Irlands, Ziel ist die Karibik. Je nach Wind und Wetter muss das Boot bis zu 7000 Kilometer zurücklegen. Um sich auf das Rennen vorzubereiten, haben die Studenten im Juli an der World Robotic Sailing Championship in Portugal teilgenommen.

Vor drei Wochen sind Sie von einem Testrennen in Portugal zurückgekehrt. Wie schlug sich Ihr Boot Avalon? Das Segeln lief super. Unser Boot war etwa doppelt so schnell wie alle anderen. Probleme gab es aber bei der ersten Boje. Das Boot drehte sich plötzlich nur noch um die eigene Achse. Einmal verloren wir das Segel, und ein anderes Mal setzte der Motor aus, weil er überlastet war. Zum Glück muss Avalon bei der Atlantiküberfahrt nicht um Bojen fahren. Und die Steuerung erproben wir noch in drei intensiven Testwochen. Wie wird das Schiff wissen, welche Strecke es zwischen Irland und der Karibik wählen muss? Wir programmieren ihm gewisse Checkpoints ein, denn der direkte Weg von Irland in die Karibik ist aus Wettergründen nicht ideal. Wir schicken Avalon von Irland aus die spanische und die portugiesische Küste hinunter, an den Kanarischen Inseln vorbei bis zu den Kapverden. Dort wird das Boot mit dem Passatwind Richtung Westen segeln. Die Steuerung zwischen den Checkpoints vollzieht es autonom. Wie? Indem es selbstständig Wetter- und Winddaten auswertet. Auf dem Mast ist ein Ultraschallsensor montiert, der Geschwindigkeit und Richtung des Windes misst. Per Mail kann Avalon selbstständig Wetterprognosen herunterladen. Die Navigation erfolgt mittels GPS. Was ist das Schlimmste, das dem Boot zustossen könnte? Problematisch ist sicher der Schiffsverkehr. Avalon kann zwar grosse Schiffe orten und seine Route anpassen. Schwierig wird es bei kleinen Einmannseglern, deren Captain in der Nacht schläft, oder bei verlorenen Containern. Unser Boot ist zwar äusserst stabil gebaut, aber wenn es einen Einmannsegler rammt, kann das sowohl für den Captain als auch für Avalon übel enden. Wie sichern Sie sich dagegen ab? Wir haben alles daran gesetzt, dass das Boot weit herum sichtbar ist. Wir haben es mit einem auffälligen Orange bemalt und ein grosses Navigationslicht montiert. Zudem ist ein Radarreflektor installiert. Das heisst, Schiffe mit Radar sehen uns schon aus grosser Distanz. Wir überlegen uns auch, andere Schiffe mit einem automatischen Funkspruch zu warnen, dass ein unbemanntes Boot unterwegs ist, das sich nicht an die Seeverkehrsregeln hält. Wie viel Wind verträgt Avalon? Bei 8 Beaufort - gegen 70 km/h - stellt das Boot das Segel wie eine Fahne in den Wind, sodass es kaum mehr Widerstand gibt. Wir haben das Boot so ausgelegt, dass es Winde bis 10 Beaufort unbeschadet überstehen kann. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Boot die Karibik erreicht? Wenn wir nicht in einen Hurrikan geraten und keinen Container rammen, ist eine erfolgreiche Überquerung bestimmt möglich. Allerdings ist zu Beginn der Überquerung noch Hurrikansaison im Zentralatlantik. Wir sind uns im Klaren, dass wir Avalon verlieren könnten. Aber wir sind zuversichtlich. Was bringt es der Menschheit, wenn ein Boot selbstständig über den Atlantik segelt? Es gibt viele Möglichkeiten, wie das System nach der Überquerung Verwendung finden könnte. Vor allem bei der Sicherheit für Einmannsegler. Angenommen, der Skipper geht über Bord und trägt einen GPS-Sender auf sich. Das Boot merkt: Mann über Bord. Nun kann es ihn orten und retten. Auch als Autopilot könnte das System Verwendung finden. Oder für die Meeresforschung - als Steuersystem für Bojen, die Daten zu Strömung oder Wasserqualität sammeln. Überlegen Sie sich, das System zu vermarkten? Für uns ist es bloss ein Projekt, wir alle wollen danach zu etwas Neuem übergehen. Unser Ziel ist es, den Atlantik zu überqueren. Aber das Projekt bleibt an der ETH. Es liegt an ihr, was sie damit macht. Wie haben Sie das Projekt finanziert? Avalon kostete etwa 210 000 Franken. Die Hälfte davon sind Sponsoringbeiträge, die andere Hälfte Materialsponsoring. Eine Firma fertigte beispielsweise das Segel an, eine andere stellte uns das Material für den Mast zur Verfügung. Zudem bekamen wir technische Unterstützung von Firmen, die in der Segelbootkonstruktion arbeiten, und durften oft auch deren Infrastruktur benutzen. War es schwierig, Sponsoren zu finden? Wir schrieben etwa 250 Firmen an. Zugesagt haben ungefähr 15. Diese zeigten sich sehr grosszügig, sodass wir in jedem Bereich die Luxuslösung wählen konnten. Das Segel etwa wurde aus einem Tuch hergestellt, das sonst nur für 30-Meter-Boote verwendet wird. Es stammt aus der Segelmacherei, die auch schon Alinghi belieferte. Wie haben Sie sich in der Gruppe organisiert? Wir teilten uns in zwei Teams auf. Das eine beschäftigte sich mit der Software, das heisst mit der Programmierung der Steuerung und Regelung. Das andere kümmerte sich um die Mechanik. Ich zum Beispiel habe alle Teile des Unterwasserschiffes konstruiert, also Kiel und Ruder. Zudem war ich für den Innenausbau zuständig. Wie haben Sie die Arbeit koordiniert? Wir arbeiteten alle gleichzeitig in der Werkstatt. So wusste jeder, was der andere gerade machte. Es kam manchmal zu skurrilen Situationen: Während einer am Schleifen war, sass ein anderer mit der Staubschutzmaske vor dem Computer und programmierte einen Steuercode. Was hat Ihnen das Projekt persönlich gebracht? Vieles. Während des Studiums ist alles Theorie, Theorie und nochmals Theorie, und zu jedem Problem gibt es eine Musterlösung. Eine solche gab es hier nicht. Wir machten Fehler, lernten daraus, machten neue Fehler. Man lernt, etwas richtig anzupacken. Wir haben gesehen, was uns nach dem Studium erwartet.

Hofft auf eine erfolgreiche Atlantiküberquerung: Patrick Moser mit seinem vollautonomen Segelboot Avalon.

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