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Gefangen im eigenen Bordell

Kommentar Von Oliver Meiler Ein Schnellverfahren also. So klar sind die Indizien. So stichhaltig ist das Dossier der Mailänder Staatsanwälte gegen Silvio Berlusconi, Italiens Ministerpräsidenten. Man muss diesen hehren Amtstitel immer im Kopf behalten, wenn man sich die Anklagepunkte anhört: Prostitution mit Minderjährigen und Amtsmissbrauch. Der betagte Ministerpräsident dieses grossen europäischen Landes, Mitglied der G-8-Staatengemeinschaft, wird stark verdächtigt, sich einen Harem junger und sehr junger Liebesdienerinnen gehalten zu haben, dessen Vertuschung ihm so wichtig war, dass er seine öffentliche Macht missbrauchte, um Ruby Rubacuori, ein minderjähriges marokkanisches Escortgirl, mit einer Lüge aus den Händen der Polizei zu pressen. Es gibt Zeugnisse, Mitschnitte von Telefongesprächen, vielleicht gar Bilder. Sie dokumentieren den bizarren, vulgären, viel zu lange geratenen Herbst einer schillernden Karriere. In den letzten 17 Jahren hat Berlusconi viel Zeit, Geld und Macht aufgewendet, um sich mit Tricks und Gesetzen der Justiz zu entwinden. Er mochte sich nie gerne im Gerichtssaal verteidigen, dafür umso heftiger in den Medien: mit Attacken gegen die Gerichtsbarkeit, mit der Fantasterei über richterliche Coups, mit der Beschwörung eines Bürgerkriegs gar. Nun ist es Zeit, dass er sich der Justiz stellt. Im Tribunal, vor seinen drei Richterinnen. Am besten wäre es, Berlusconi würde zuvor demissionieren, wie das wohl jeder westliche Politiker an seiner Stelle tun würde. Er könnte sich dann auf seine Verteidigung konzentrieren. Im Gericht. Doch in diesem Fall ist alles anders. Vernunft zählt nichts. Würde auch nicht. Italien ist zur Bühne von Berlusconis Bordellisierung geworden, zur Projektionsfläche aller seiner Fantasien. Er lächelt jede institutionelle Schamlosigkeit weg, als wären es Bagatellen, senkt alle moralischen Standards. Nun könnte man natürlich sagen, dass jedes Volk die Regierenden hat, die es verdient. Nur: Die jüngsten Erkenntnisse öffnen neue Abgründe. Und gleichzeitig die Hoffnung, dass sich die Fremdscham der Italiener für ihren allzu nackten Ministerpräsidenten wie eine Decke über diese Ära legt. Am besten bei den nächsten Wahlen.

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