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Gemeinden wissen nicht, wie viele Krippen sie brauchen «Gutes Angebot ist ein Standortvorteil»

Seit Anfang Jahr sind die Gemeinden verpflichtet, für Krippenplätze zu sorgen – wenn ein Bedarf danach besteht. Oetwil erhält im Mai die erste Kinderkrippe.

Kein Patentrezept Von Jacqueline Surer und Seraina Sattler Bei der Kinderbetreuung ist Oetwil noch ein weisser Fleck auf der Karte: Als einzige Gemeinde im Bezirk Meilen verfügt sie über keine eigene Kindertagesstätte. 2003 wurde die einzige Krippe des Dorfes geschlossen, weil sie nicht den Vorschriften genügte. In wenigen Monaten könnte sich die Lücke wieder schliessen Falls die Gemeinde einen Antrag bewilligt, wird die erste Krippe Oetwils am 2. Mai eröffnet. Die Idee, eine Kinderbetreuungsstätte zu gründen, hatte Marianne Ingold schon seit längerem. Nun hat die Initiantin an der Wilikonerstrasse 3 geeignete Räumlichkeiten gefunden. Ab dem 1. April kann sie die Räume oberhalb der Brockenstube beziehen – doch nur für zwei Jahre. Dann wird das Haus abgerissen. Ingold besitzt bereits aber die Zusage, dass sie die Krippe im Ersatzneubau weiterführen kann. Ob sich die Gemeinde finanziell am Angebot beteiligt und damit subventionierte Plätze ermöglicht, ist noch unklar. Für die nächsten vier Jahre jedoch ist die Finanzierung gesichert: Bis 2015 wird sie vom Impulsprogramm des Bundes unterstützt. Ingold kann in ihrer Tagesstätte bis zu 12 Kinder betreuen. Die Krippe wird wohl nicht lange die einzige Betreuungsstätte in Oetwil bleiben. Seit Anfang Jahr sind die Zürcher Gemeinden nämlich verpflichtet, für ein bedarfsgerechtes Angebot an familienergänzender Betreuung von Kleinkindern zu sorgen. Noch ist allerdings nicht viel passiert, denn den Gemeinden wird eine Übergangsfrist von drei Jahren gewährt. Und so sagt denn Peter Wettstein, Gemeindeschreiber von Küsnacht, stellvertretend für viele Gemeindevertreter: «Wir beobachten die Lage.» Und Peter Zuberbühler vom Sozialsekretariat der Horgner Berggemeinden doppelt nach: «Wir haben ja noch etwas Zeit.» Der Knackpunkt des Gesetzes ist, dass eine Definition der Vorgabe «bedarfsgerecht» fehlt. Im geänderten Jugendhilfegesetz heisst es zwar, die Gemeinden und die Eltern müssten die familienergänzende Betreuung gemeinsam finanzieren. Doch da das Gesetz den Gemeinden nicht vorschreibt, wie stark sie sich an den Kosten beteiligen müssen, kann eine Gemeinde theoretisch vollständig auf Subventionen verzichten – und sich dann auf den Standpunkt stellen, es bestehe kein Bedarf an den teuren Krippenplätzen. Gemäss Gesetz dürfen von den Eltern allerdings höchstens kostendeckende Beiträge verlangt werden. Ein Krippenplatz kostet zwischen 110 und 130 Franken pro Tag. Region schneidet gut ab Am Zürichsee gibt es zurzeit 64 Krippen: 34 im Bezirk Horgen und 30 im Bezirk Meilen. 26 werden von der jeweiligen Gemeinde subventioniert. Im kantonalen Vergleich schneidet die Region mit diesem Angebot gut ab. Auf der Rangliste des aktuellen Kinderbetreuungsindexes 2009, in dem die Anzahl Kinder pro Platz und die Subventionen pro Kind bewertet werden, sind mehrere Gemeinden wie Zumikon, Rüschlikon oder Uetikon auf den vorderen Rängen zu finden. Doch auch in diesen Gemeinden sind die Wartelisten der bestehenden Krippen lang. Und eine Studie der Bildungsdirektion vom März 2010 kommt zum Schluss, dass das Nachfragepotenzial in den Seebezirken Meilen und Horgen deutlich über dem kantonalen Mittel liegt. Zudem gibt es am See Gemeinden, in denen es noch gar keine Krippe gibt: Oetwil, Schönenberg und Hütten. Ein sehr bescheidenes Angebot findet sich in Hombrechtikon, Hirzel und Langnau. Mit Beatrix Frey-Eigenmann sprach Sereina Sattler In Kursen informieren Sie Gemeindevertreter darüber, wie sie die neuen Vorgaben zur Betreuung von Kleinkindern umsetzen können. Wie sollen die Gemeinden ihrer Ansicht nach vorgehen? Da die Unterschiede zwischen den Gemeinden sehr gross sind, habe ich nicht einen Vorschlag, der für alle gilt. Jede Gemeinde muss für sich klären, welche Rolle sie in der familienergänzenden Betreuung spielen will: Beschränkt sie sich auf das gesetzliche Minimum oder spielt sie eine aktive Rolle, indem sie beispielsweise den Aufbau gemeindeeigener oder privater Krippen finanziell fördert? Diesen Grundsatzentscheid müssen die Stimmbürger der einzelnen Gemeinden fällen. Sie müssen sich einfach bewusst sein: Ein gutes Angebot an familienergänzender Betreuung ist ein Standortvorteil. Im Gesetz heisst es, die Gemeinden müssten für ein «bedarfsgerechtes Angebot» an Betreuungsplätzen sorgen. Wie sollen die Gemeinden den Bedarf erheben? Wer schon Institutionen hat, kann den Bedarf aufgrund der Wartelisten und allfälliger Kundenbefragungen in den bestehenden Krippen abschätzen. Systematische Bedarfsabklärungen sind vor allem in Gemeinden nötig, die noch keine Erfahrungen mit familienergänzender Kleinkinderbetreuung haben. Da die Kosten die Nachfrage stark beeinflussen, sollte in einer solchen Umfrage erhoben werden, wie viel Familien bereit sind, für einen Krippenplatz zu bezahlen. Mit dem geänderten Gesetz haben Sie nicht nur als Unternehmensberaterin zu tun, sondern auch als Gemeinderätin in Meilen. Wird das Krippenangebot hier vergrössert? Obwohl das Angebot in Meilen schon recht gut ist, sind wir unabhängig von der Gesetzesänderung laufend daran, es auszubauen. Der Zenit ist noch nicht erreicht. Doch wir haben nicht genau festgelegt, wie viel Geld wir in Zukunft in die familienergänzende Kleinkinderbetreuung investieren wollen. Diesen Entscheid müssen auch wir in den nächsten zwei Jahren gemeinsam mit den Stimmbürgern fällen. Beatrix Frey-Eigenmann Unternehmensberaterin und Gemeinderätin in Meilen (FDP).

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