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«Gerichtsurteil setzt Opfer unter Generalverdacht der Simulation»

Schleudertrauma Leserbriefe zum Gerichtsurteil, TA vom 17./18. September Jeden Fall einzeln beurteilen. Der Bundesgerichtsentscheid in Sachen Schleudertrauma hat so viel Verunsicherung, Unruhe und Empörung ausgelöst, dass ich mich als Arzt und zertifizierter Gutachter zu einer klärenden Stellungnahme veranlasst sehe. Dass in diesem Bereich ein grosser Rentenmissbrauch betrieben wird, ist Tatsache. Dem kann und darf aber nicht so begegnet werden, dass das Krankheitsbild «Schleudertrauma» aus rein juristischer Begründung grundsätzlich infrage gestellt oder gar negiert wird (nach dem Motto: was man optisch im MRI nicht sehen kann, ist nicht). Schleudertraumafolgen sind nicht einfach «eingebildet» und durch reine «Willensanstrengung überwindbar». Jeder Facharzt und Physiotherapeut weiss um die komplexen Zusammenhänge in der oberen Halswirbelsäule sowie das vielfältige Beschwerdebild, das oft lange Reha-Zeiten erfordert und die Arbeitsfähigkeit auf längere Zeit einschränken kann. Für den – grundsätzlich möglichen – Heilungserfolg ist entscheidend, dass der Verunfallte mit «Willensanstrengung» an einer «aktiven Bewältigung (Coping)» seiner Beschwerden mitarbeitet und sich diesen nicht passiv ausgeliefert fühlt und sich resignativ geschlagen gibt (was leider häufig zu beobachten ist und dann zur Berentung führt). Auch muss er lernen, mit allfälligen Restbeschwerden und Schmerzen zu leben, die seine Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit einschränken können. Bezüglich Versicherungsleistungen muss jeder Einzelfall für sich (medizinisch) beurteilt werden. Die jetzige juristische Entscheidung tut allen echten Schleudertraumaopfern Unrecht und setzt sie unter den Generalverdacht der Simulation. Dies traumatisiert den Verunfallten ein zweites Mal und setzt ihn – wegen fehlender Versicherungsleistungen – zusätzlich unter Stress und Druck, was dem Heilungsverlauf schadet und zur Entwicklung von sekundären Depressionen führen kann, die die Schmerzproblematik ihrerseits verstärken. Dieser Teufelskreis fördert dann die Gefahr einer stressbedingten Chronifizierung und schlussendlich Invalidisierung. Solche Verläufe sind leider häufig. Dr. med. Ralph Kaiser, Dielsdorf Professorale Kollegenschelte. Wer sich gegen die rechtsungleiche Praxis des Bundesgericht stellt, riskiert professorale Kollegenschelte mit dem Grundton: Das gehört sich nicht. Frau Prof.?Riemer Kafka äussert sich in ihrem Leserbrief zum Fall, ohne dass sie die Rechtsschriften gesehen hätte. Nur soviel dazu: Die Frage der rechtsgleichen Behandlung ist natürlich Thema. Prof. Erwin Murer bringt in seinem Leserbrief einmal mehr seine Argumente vor. Er soll uns doch einmal erklären, was ihm als von der öffentlichen Hand bezahltem Jusprofessor so daran liegt, dass die globalisierten Haftpflichtversicherer (um die geht es letztlich) nach Schleudertraumata keine Leistungen mehr erbringen müssen, dafür aber die Sozialhilfe in die Pflicht genommen wird. Er beklagt, es sei ungerecht, dass es Personen gebe, die bloss eine IV-Rente erhielten und andere wesentlich höhere Versicherungsleistungen. Der Ball sei an ihn zurückgespielt: Es wäre ihm während seiner professoralen Karriere ohne weiteres möglich gewesen, Vorschläge für die notwendige gerechtere Versicherungskoordination einzubringen. Schliesslich noch zum scheinbaren Killerargument Schleudertrauma im Welschland: Dass es chronische Verläufe nach Schleudertraumata gibt, ist international anerkannt. Ansonsten wäre es kaum erklärbar, weshalb die um Margen kämpfende Autoindustrie Millionenbeträge in Anti-Schleudertraumasitze verwendet (z. B. Volvo, Saab). Sollte es denn tatsächlich so sein, dass im Welschland weniger Fälle gemeldet sind, so heisst das nicht, dass es das Beschwerdebild nicht gibt. Die Tatsache, dass eine Krankheit – nehmen wir Hautkrebs – in der Ukraine weniger diagnostiziert wird, heisst auch nicht, dass es sie dort überhaupt nicht gibt. David Husmann, Zürich Vorstandsmitglied Rechtsberatungsstelle für Unfallopfer und Patienten «Schleudertraumafolgen sind nicht einfach eingebildet und durch reine Willensanstrengung überwindbar.»

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