Zum Hauptinhalt springen

Händler mit Würsten und Brüsten

Jean-Claude Mas, Fabrikant platzender Brustimplantate, gab sich vor der Polizei skrupellos. Und gestand den Betrug unumwunden.

Von Oliver Meiler Betrüger neigen ja in der Regel dazu, ihren Betrug zu leugnen oder ihn zumindest mit vermeintlicher Naivität zu umhüllen. Jean-Claude Mas, 72 Jahre alt, mit einer langen Karriere als flamboyanter Verkäufer von Würsten und Brustimplantaten, ist eine Ausnahme. Als ihn Marseilles Gendarmerie zum Vertrieb nicht zugelassener und platzanfälliger Silikonkissen einvernahm, die seine damals liquidierte Firma Poly Implant Prothèse (PIP) in Südfrankreich fabriziert hatte, gestand er mit entwaffnender Offenheit: «Ich wusste natürlich immer, dass unser Gel nicht zugelassen war, doch ich habe es bewusst eingesetzt, weil es billiger und besser war.» Die Ermittler fragten, wie er Qualitätssicherungsbehörden wie den deutschen TÜV täuschen konnte. Darauf sagte Mas: «Die kündigen ihren Besuch ja zehn Tage im Voraus an. Das war reine Routine. Ich gab jeweils die Order raus, dass alle Dokumente über das nicht zugelassene PIP-Gel verschwinden mussten. Und was die Container betrifft – die haben die Angestellten einfach vor den Prüfern versteckt.»Das Verhör fand schon vor einem Jahr statt. Der Polizeirapport wurde aber erst gestern Freitag publik und zeugt vom Zynismus des Mannes, dessen offenbar gewissenloses Geschäften seit einigen Wochen Zehntausende Frauen in Sorge versetzt, weltweit, und ihm eine Anklage wegen schweren Betrugs und fahrlässiger Tötung eintrug. Von den 30 000 Französinnen, die PIP-Implantate tragen, haben sich bereits mehr als 2000 als Klägerinnen für den Strafprozess registrieren lassen, der im kommenden Herbst beginnen soll. Allen 30 000 rät die Regierung, die Kissen zu entfernen. Auch deutsche Mediziner und die tschechische Regierung raten den Frauen, die Implantate vorsorglich entfernen zu lassen. Die britische Regierung schliesst sich diesen Empfehlungen nicht an. Nur Kohle zählt Mas zeigte nie viel Verständnis für die Probleme seiner Kundinnen. Als vor fünf Jahren die ersten Massenklagen britischer Frauen eintrafen, deren Implantate geplatzt waren, ärgerte er sich über die angebliche Larmoyanz und Geldsucht der Klägerinnen. In der Erzählung früherer Mitarbeiter interessierte Mas nur «le fric», die Kohle. Und die wurde schnell mehr, als er vor 20 Jahren die Branche wechselte – von den Spirituosen und Wurstwaren zu den Brustimplantaten. Auf die Idee kam er mit einem Freund, einem Schönheitschirurgen aus Toulon, den er aus der Zeit kannte, als er noch als Aussendienstmitarbeiter medizinische Apparaturen verkaufte. Der Chirurg, der mittlerweile verstorben ist, lieferte ihm wohl die Expertise für die Entwicklung des billigen Gels. Wie viel Mas selber von der problematischen Zusammensetzung des produzierten Silikons verstand, ist ungewiss. Ebenfalls unklar ist, ob er seine Angestellten und womöglich gar seine beiden Kinder täuschte, die im Unternehmen arbeiteten. Er könnte alles verkaufen So viel aber ist klar: Seine Produkte machten Jean-Claude Mas zum Global Player in einem einträglichen Geschäftssektor. Er tourte zunächst durch Südamerika, bevor er den europäischen Markt anging – und gehörte bald zu den grössten Produzenten von Brustimplantaten. In guten Jahren zahlte er sich einen Monatslohn von 30 000 Euro aus. Es eilte ihm der Ruf voraus, ein brillanter Verkäufer zu sein, einer, der den Leuten alles andrehen konnte. Sogar Brüste. Und er mochte auch nicht davon ablassen, als schon alles darauf hinwies, dass mit diesen Brüsten etwas nicht stimmte. Nun harrt Mas seines Prozesses, irgendwo in Südfrankreich, wo er sich zur Kur aufhält. In der Öffentlichkeit zeigte er sich seit dem Beginn des Skandals noch nie. Jean-Claude Mas auf dem Fahndungsbild. Foto: Key

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch