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Härtetest für die neue SBB-Betriebszentrale

Die Bahn war gestern im Raum Zürich wegen einer Panne im Ausnahmezustand. Ausgerechnet an diesem Tag besichtigten die Medien die neue Betriebszentrale Ost beim Flughafen.

Von Liliane Minor Kloten – Vor dem Fenster rollen gemächlich Flugzeuge vorbei. Aber die Leute drinnen, die vor grossen Bildschirmen mit blauen, roten und orangefarbenen Punkten sitzen, haben kein Auge dafür. Sie steuern den Bahnverkehr. Und es ist ein hektischer Tag. Hier im Operation Center 1 beim Flughafen ist die neue Betriebszentrale Ost der SBB untergebracht. «Herzstück» der SBB nennt sie Bruno Stehrenberger, Leiter der Abteilung Betrieb, stolz: «Es ist die modernste Betriebszentrale der Welt.» Ab 2015 wird von hier aus der gesamte Bahnverkehr zwischen Brugg und Chur und von Schaffhausen bis Zug gesteuert. Drei von acht regionalen Sektoren sind bereits in Betrieb, die übrigen kommen sukzessive dazu. 210 Menschen arbeiten hier, im Vollausbau werden es 480 sein. Am gestrigen Dienstag wollte man das Wunderwerk der Technik den Medien vorführen. Ausgerechnet. Denn als die Medienleute um 9 Uhr eintreffen, geht es auf dem Bahnnetz rund um Zürich drunter und drüber. In Schlieren ist eine Fahrleitung gerissen (siehe Text rechts), und die Bahnstrecke zwischen Bülach und Schaffhausen ist gesperrt, weil eine Stromschiene im Neuhauser Tunnel repariert werden muss. Im Zürichbergtunnel ist zudem eine Lok stecken geblieben, und bei Schinznach hat sich ein Personenunfall ereignet. Mitarbeiter unter Stress Im Kontrollraum, den die Medienleute besuchen, geht es zu und her wie in einem Bienenhaus. Im Sektor Limmat bemühen sich sieben Zugverkehrsleiter, der Disponent und sein Assistent, den aus dem Takt geratenen Zugverkehr wieder neu aufzugleisen. Der Kenner bemerkt mit einem einzigen Blick auf die Monitore die vielen Verspätungen. Der Laie sieht nur farbige Punkte sowie sich kreuzende, helle Linien. Christian Tobler, einer der leitenden Mitarbeiter der Betriebszentrale, erklärt: «Jeder Punkt stellt einen Zug dar. Hell eingefärbt sind jene Züge, die eine Verspätung über der Toleranz haben.» Der Monitor zeigt dem Disponenten aber noch viel mehr: etwa wie lang und wie schwer die Züge sind. Das System errechnet auch eine Prognose für die künftige Fahrt. An diesem Morgen steht der Disponent vor schwierigen Entscheidungen. Um diese Uhrzeit müssten die langen S-Bahn-Kompositionen eigentlich an den Wendebahnhöfen getrennt werden, damit ein Teil gereinigt werden kann. Um die Verspätungen wieder aufzuholen, wäre es hingegen sinnvoll, Züge vorzeitig zu wenden. Aber das hat weitere Konsequenzen, wie Tobler sagt: «Der Disponent muss den Passagieren einen anderen Reiseweg anbieten können.» Vieles ist eine Mischung aus Knobeln, Interessen-Abwägen und Alternativen-Aushandeln. Zwar gibt es Betriebskonzepte für Störfälle. Aber ein solches Konzept kann nicht alles vorhersehen. Was der Disponent in seinem Sektor anordnet, setzen sieben bis acht Zugverkehrsleiter um. Normalerweise stellen die Züge ihre Weichen und Signale selbst. Aber an einem Tag wie gestern müssen die Zugverkehrsleiter manuell sicherstellen, dass die Züge so eingefädelt werden, wie der Disponent das möchte. Zwei weitere Mitarbeiter sind für die Durchsagen an den Bahnhöfen verantwortlich. Auch sie stehen unter Stress. Manchmal steckten sie in einem Dilemma, sagt SBB-Sprecher Reto Schärli: «Es gilt genau abzuwägen, was man sagt. Wenn die Passagiere alle fünf Minuten über die neuste Entwicklung informiert werden, verwirrt das unter Umständen mehr, als dass es etwas bringt.»Weniger hektisch ist es im technischen Zentrum. Aber auch dort werden weitreichende Entscheidungen getroffen: Die SBB koordinieren hier Reparatur- und Unterhaltsarbeiten. Ist etwa eine Schiene gebrochen, stellt sich immer die Frage, ob die Strecke langsam befahren werden kann oder gesperrt werden muss. Beides hat Einfluss auf den Bahnverkehr. «Wir sind schneller geworden» Früher waren die vielen Abteilungen auf Dutzende Standorte verteilt. Gerade bei Störungen bereitete das Probleme: Die Kommunikation lief nicht so gut wie gewünscht. Markus Feldmann, Leiter Operation bei den SBB, ist zufrieden mit den bisherigen Erfahrungen in der neuen Betriebszentrale: «Was wir uns erhofft haben, nämlich mehr Nähe zwischen Zugverkehrsleitern und Disponenten, ist eingetroffen. Wir sind schneller geworden.» Spätestens 2016 soll das gesamte SBB-Bahnnetz von vier Zentralen aus gesteuert werden: Neben Kloten sind dies Lausanne (bereits in Betrieb), Olten und Pollegio im Tessin. Hektik bei den SBB: Ein Kurzschluss hat bei Schlieren die Fahrleitung durchtrennt und ein Fahrzeug beschädigt. Foto: Newspictures.ch Neue Betriebszentrale Ost in Kloten: Derzeit die modernste der Welt. Foto: Keystone Bilder – Das SBB-Chaos iPhone: Tagi-App auf TA+ Mobile: SMS mit Text Plus an 4488

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