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Hinab ins Herz der Finsternis

tauchen Kaltes Wasser, Felsen und Fische. Das «Tagblatt» wagte sich in die Tiefen des Zürichsees.

Ein Egli-Schwarm schwimmt an der Oberfläche. Tariert man gut, schwebt man im Wasser. Blick auf den Zürichsee von Herrliberg aus. Die Sichtweite beschränkt sich meistens auf wenige Meter. Bilder: Michael Hess Trüschen liegen gerne im kalten Wasser. von clarissa rohrbach Es tropft auf den See. Doch vor lauter Wasser spüre ich den Regen nicht. Ich spucke noch schnell in die Maske und ziehe meine Flossen an. Auch andere Taucher stehen am Ufer bei Herrliberg. Vor ihren Autos liegen Sauerstoffflaschen, Neopren-Anzüge und Kompasse. Zwei weiss-blaue Flaggen wehen im Wind: Damit wissen die Schiffe, dass sie mindestens 50 Meter Abstand halten müssen. Der «kleine Parkplatz» ist eine beliebte Einstiegsstelle. Die Taucher kennen die interessanten Orte am See auswendig. Über Generationen wurde das Wissen gesammelt, und die Tauchplätze wurden nach äusseren Merkmalen getauft. «Gut Luft!», wünschen wir uns. Dann verschwinden unsere drei Köpfe unter den Wasserspiegel. Um sinken zu können, lasse ich die Luft aus der Weste entweichen. Der schwere Bleigurt sorgt für den Rest. Die gewaltige Masse zieht mich langsam hinunter. Unter den Wellen spüre ich die 20-Kilogramm-Ausrüstung, die auf dem Land so schwer zu tragen war, kaum. Auf drei Meter Tiefe halten wir für einen letzten Check. Sorgfältig fülle ich die Weste per Knopfdruck mit Luft, bis mein Gewicht ausgeglichen wird und ich schwebe. Man fühlt sich leicht, schwerelos. Als ich mich an die Umgebung gewöhne, bemerke ich Pflänzchen und winzige Muscheln zwischen den Steinen. Ich will danach greifen, doch jede Bewegung ist wegen des Widerstands des Wassers verlangsamt. Man muss geduldig sein, sich dem Wasser fügen. Das Gefühl grenzenloser Freiheit vermischt sich mit Respekt dem Element gegenüber. Wir schwimmen weiter hinunter. Plötzlich sehe ich die helle Oberfläche des Sees nicht mehr. Das Wasser hat jetzt eine dunkelblau-schwarze Farbe. Nur noch was in den schmalen Strahl der Lampe fällt, ist sichtbar. Bei etwa sieben Meter spüren wir die erste Sprungschicht: Hier sinkt die Temperatur schlagartig von 18 auf 10 Grad. Das Wasser schimmert, wie Luft über heissem Asphalt. Eiskaltes Wasser schiesst mir in den Anzug. Doch der Körper heizt es schnell auf, sodass sich eine Schicht lauwarmes Wasser zwischen dem Neopren und der Haut bildet. Wir heizen uns selber auf. Nur die Oberlippe brennt vor Kälte, wie von Tausenden von Nadeln durchbohrt. Ruhig bleiben trotz Kälte und Druck Beim Abstieg merken wir jeden Meter. Es wird immer dunkler. Nur die Sandwand dient als Orientierung. Der Druck nimmt zu, das spürt man in den Ohren. Plötzlich habe ich Mühe mit dem Druckausgleich. Ich muss wieder ein, zwei Meter hoch und warten, bis sich die Ohren befreien. Doch beim Hochschwimmen wirble ich Sand auf. Die Wolke ist so dicht, dass ich nicht einmal mehr meine Tauchpartner sehe. Ich versuche ruhig zu bleiben: Wenn ich Panik habe, verbrauche ich zu viel Luft. Langsam atme ich und denke: Es ist alles unter Kontrolle, trotz Kälte, trotz Dunkelheit. Mein Tauchführer Michael Hess streckt mir ein O.-K.-Zeichen entgegen. In der Tauchsprache heisst das: «Ist alles in Ordnung?» Ich antworte mit einem O. K., allerdings nicht mit Daumen hoch, denn das bedeutet Auftauchen, sondern forme einen Kreis mit Zeigefinger und Daumen. Man erkundigt sich alle paar Minuten, ob es den anderen gut geht. Es herrscht ein solidarisches Gefühl. Man taucht nie allein, es braucht immer ein Partner. Wir erreichen 20 Meter Tiefe. Die Halde ist felsiger, das Wasser klarer. Den sogenannten Deckel aus Plankton haben wir über uns gelassen. Plötzlich sehen wir eine Trüsche, die auf dem Boden liegt. Das Glücksgefühl ist so gross, dass ich vergesse, an mich zu denken. Wie mir später meine Kollegin Andrea Keller erklärt, lieben diese Fische das kalte Wasser in der Tiefe. Es ist faszinierend, zu sehen, dass es sogar hier unten Leben gibt. Die Erde endet nicht an der Wasseroberfläche, sie windet sich weiter, zum Teil stürzt sie in steilen Hängen Dutzende von Metern in die Tiefe. Eine Welt unter der Welt. Nach zwölf Minuten friere ich. Der Körper hat keine Energie mehr. Wir drehen um. Ein Egli-Schwarm kommt auf uns zu. Sie lassen sich nicht stören, zirkulieren beschäftigt um uns herum. Einer von ihnen macht es sich auf unseren Gasflaschen gemütlich. Wir nicken begeistert, da wir mit dem Automaten im Mund schlecht lachen können. Nun haben wir nur noch 50 von den anfänglichen 200 Bar komprimierter Luft in unseren Sauerstoffflaschen. Wir hatten sie im Wassersportzentrum Tiefenbrunnen an der Air Fill Station aufgefüllt. Der Pfeil auf dem Messgerät ist bereits in der roten Zone. Das ist wie wenn beim Autotank das Benzin zur Neige gehen würde. Langsam gehts nach oben, an einem alten Blumentopf vorbei. Taucht man zu schnell auf, könnten sich Risse in der Lunge bilden, weil sich die Luft mit geringerem Druck ausdehnt. An der Oberfläche geht gerade die Sonne unter. Es hat aufgehört zu regnen, das Wasser ist ruhig. Eine Sekunde lang bin ich erstaunt, die Welt von oben zu sehen. Plötzlich ist alles wieder schwer. Durch den Stickstoff im Blut trage ich eine leichte Euphorie mit nach Hause. Im Bett habe ich wieder das Gefühl zu schweben. Wie die Fische, die jetzt wohl auch schlafen. n

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