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Hintergründe eines Freispruchs

Der verwahrte Serienvergewaltiger Albert G., der im Hafturlaub Prostituierte sexuell attackiert haben soll, wurde von diesem Vorwurf freigesprochen. Warum es aber zum Strafverfahren kam, ist eine ganz andere Geschichte.

Von Thomas Hasler Zürich/St. Gallen – Gleich auf Seite 2 der 31-seitigen Anklageschrift legt der Gossauer Untersuchungsrichter Christian Bächle ein zentrales Bekenntnis auf den Tisch: «Das eigentliche Strafverfahren lief erst an, nachdem die Kantonspolizei Zürich, die [Albert G.] als verwahrten Sexualstraftäter kannte, vom Vorfall Kenntnis erhielt.» Das «entscheidende Moment», das die Strafuntersuchung wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung in Gang brachte, «war also die Vorgeschichte des Angeschuldigten», notierte Bächle. Mit dem Typ stimmt etwas nicht Am Abend des 18. Februar 2006 hatte es noch ganz anders ausgesehen. Was sich in der Nähe von Gähwil SG zwischen Albert G. und der Teilzeitprostituierten «Gloria» zugetragen hatte, führte an jenem Abend weder zu einem Polizeirapport noch zu einem Protokoll. Erkennbar war nur ein kleiner Kratzer an «Glorias» Hals, der aufgrund der Umstände bestensfalls den Verdacht der Tätlichkeit oder der einfachen Körperverletzung gerechtfertigt hätte. Doch «Gloria» verzichtete ausdrücklich darauf, einen Strafantrag zu stellen. Für die St. Galler Polizei war der Fall damit erledigt. Monate später begründete «Gloria» ihren Verzicht auf eine Anzeige unter anderem mit der Befürchtung, ihr Freund hätte von ihrem Doppelleben und Albert G. ihren richtigen Namen erfahren. Immerhin sagte «Gloria» schon am 18. Februar zwei Polizeibeamten ausdrücklich, Albert G. habe nichts Sexuelles von ihr gewollt. Ihre Schlussfolgerung: Mit diesem Typ stimmt etwas nicht. Nachdem es am 13. März noch einmal zu einem Gespräch zwischen «Gloria» und der St. Galler Polizei gekommen war, wollte das zuständige Untersuchungsamt das Verfahren gegen Albert G. einstellen. Dies belegt eine Aktennotiz vom 19. Mai. «Verblüffenderweise am gleichen Tag», so G.s Verteidiger, ging ein Polizeirapport der Kantonspolizei Zürich ein. Thema: versuchte sexuelle Nötigung. Wie dieser Bericht zustande kam, ist bis heute ungeklärt: Der rapportierende Feldweibel legte nicht offen, woher er seine Informationen hatte und wie er zu einer Telefonnummer und einer Adresse von «Gloria» gekommen war. Beides war in den offiziellen Akten nicht enthalten. «Auffälliger Gesinnungswandel» «Gloria» wurde noch einmal befragt – von der Kantonspolizei Zürich, im Auftrag der St. Galler Kollegen. Was die Prostituierte plötzlich schilderte und später in den Einvernahmen durch den Untersuchungsrichter im Wesentlichen bestätigte, klang nun ganz anders: Sie war scheinbar «ohne Vorwarnung» angegriffen und mehrfach in den Schwitzkasten genommen worden. Sie sei gewürgt worden, habe eine Zerrung am Hals und eine angeknackste Rippe erlitten. Sie habe keine Luft mehr bekommen, ihre Augen seien beinahe herausgequollen, sie habe Todesangst verspürt. Nur in einem Punkt blieb sie standhaft: Albert. G habe kein sexuelles Interesse gehabt. Da war «tote Hose». G.s Verteidiger spricht von einem «höchst auffälligen Gesinnungswandel». Die Frau habe plötzlich ein «Schreckensszenario ganz anderen Ausmasses» geschildert. Für den Verteidiger gibt es dafür auch eine Erklärung, wie er vor dem St. Galler Kantonsgericht ausführte: «Gloria» habe ein Hintergrundwissen gehabt, dass über das Wissen der polizeilichen Computerinformationssysteme hinausging. Einem Einvernahmeprotokoll fügte sie handschriftlich hinzu: «Herr G. ist gefährlich und sollte weggesperrt werden. Da er unverbesserlich ist, sollte er keinen Freigang bekommen.» Für das fragwürdig anmutende Aussageverhalten von «Gloria» hatte Untersuchungsrichter Bächle eine andere Erklärung: «Die Ausgangslage für eine Aussage änderte sich (. . .), als feststand, dass es sich beim Angeschuldigten um einen vorbestraften Sexualstraftäter handelte.» Tipps aus der Pöschwies? Doch woher hatte «Gloria» ihre intimen Kenntnisse über Albert G.? Die Frau hatte im Frühling 2006 Kontakt zu einem Gefängnisaufseher in der Pöschwies, wo Albert G. einsass. Aus der Gefängniszelle des Verwahrten verschwanden damals Dokumente, insbesondere auch Akten aus früheren Gerichtsverfahren gegen den sechsfachen Vergewaltiger. Der Diebstahlsverdacht richtete sich gegen den Gefängnisaufseher. Die Anklagekammer des Obergerichts hielt den Vorwurf des Aktendiebstahls für so stichhaltig, dass sie weitere Abklärungen anordnete. Doch dann folgte ein zweiter Beschluss der Kammer: Dem Gefängnisaufseher könne mangels Beweisen ein strafbares Verhalten wohl nicht vorgeworfen werden. Als die Anklagekammer den zweiten Beschluss fasste, war das Arbeitsverhältnis mit dem Gefängnisaufseher bereits aufgelöst. Der Mann verlegte seinen Wohnsitz ins Ausland. Die Pöschwies-interne Untersuchung veranlasste den Direktor immerhin, dem Verteidiger schriftlich zu bestätigen: «Ich bin mit Ihnen einer Meinung, dass die Indiskretionen ein untolerierbares Ausmass angenommen haben.» Vorstrafen als Beweis Untersuchungsrichter Bächle führte die Strafuntersuchung fort – nach dem Bericht aus Zürich insbesondere wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung und versuchten Vergewaltigung. Dass «Gloria» sexuelle Absichten von G. immer bestritten hatte, irritierte ihn nicht. Die Frau übersehe einfach, dass es Albert G. «nicht um Sex oder Gewalt, sondern um Sex und Gewalt ging». Bächle anerkennt zwar, dass an der ärztlich festgestellten Impotenz des schwerkranken Mannes «nicht zu zweifeln» ist. Daraus zog er dann den Schluss: Albert G. hat es «nicht am Wollen, sondern lediglich am Können gefehlt». Stärkstes Indiz, dass Albert G. «Gloria» zweifellos vergewaltigen wollte, war für den Untersuchungsrichter aber der Umstand, dass G. in den Jahren 1982 bis 1990 sechs Prostituierte und Taxichauffeusen vergewaltigt oder dies mindestens versucht hatte. Doch sowohl das Kreisgericht Toggenburg im Oktober 2009 wie auch das Kantonsgericht St. Gallen im Januar 2011 haben Albert G. vom Vorwurf der sexuellen Nötigung und der versuchten Vergewaltigung der Prostituierten «Gloria» freigesprochen. Während das Kantonsgericht dies nicht näher begründete, hielt das Kreisgericht fest, die Aussagen von «Gloria» seien «nach den Gesetzen der Vernunft» glaubwürdig – insbesondere auch ihre Angaben, dass es Albert G. «nicht um Sex gegangen» sei. Laut Gericht ist es der Frau «durchaus zuzutrauen, dass sie sachgerecht einzuschätzen vermag, was der Angeschuldigte im betreffenden Zeitpunkt von ihr forderte». Albert G. habe nie Forderungen sexuellen Inhalts gestellt. Mehrfach im Schwitzkasten Was sich am 18. Februar 2006 in der Ostschweiz zutrug, führte dennoch zu einer Verurteilung. G. hatte am Nachmittag bei einer Begleitagentur in Zürich eine Frau zum Bahnhof Wil bestellt. Als «Gloria» dort eintraf, fuhren die beiden in ihrem Wagen Richtung Gähwil. Umstritten ist, ob ein Restaurant besucht oder das Ferienhaus eines Bekannten von G. angesteuert werden sollte. Als man beides nicht fand und sich etwas verloren in einem bewaldeten Gebiet aufhielt, entschloss sich die Frau – nach Rücksprache mit der Telefonistin der Begleitagentur – zur Umkehr. Der Telefonistin sagte «Gloria» noch: «Ja, ich mache das, sofern das möglich ist.» In diesem Moment packte Albert G. die Frau und nahm sie in den Schwitzkasten. «Von jetzt an machst du alles, was ich sage», soll er gerufen haben. Insgesamt dreimal soll er sie auf diese Weise gewürgt haben. Die Frau sagte später, die ganze Angelegenheit habe zweieinhalb Stunden gedauert. Gemäss Gerichtsurteil kann von einer Dauer von höchstens zwanzig bis dreissig Minuten ausgegangen werden. Damit G. nicht mit ihrem BMW wegfahren konnte, warf «Gloria» den Zündschlüssel in den Wald. Gemäss ihren eigenen Aussagen versuchte sie in der Folge, gute Stimmung zu machen: Sie habe bei ihm rumgefummelt, ihn küssen und sich ausziehen wollen. Auf die sexuellen Avancen habe er aber nicht angesprochen. Sie seien ihm peinlich oder unangenehm gewesen. Schliesslich habe sie ihn beschwichtigen und überreden können, mit ihr wieder nach Gähwil zurückzufahren. Kopfvoran aus dem Auto Bei einem Restaurant in Gähwil fuhr sie rasant auf den Parkplatz und stieg mit der Begründung aus, sie müsse dringend auf die Toilette. Auf dem Weg dorthin schloss sie mit dem Zündschlüssel den Wagen ab. In diesem Moment fuhr ein Polizeiauto vorbei, das von der Telefonistin der Begleitagentur alarmiert worden war. Albert G. geriet in Panik. Da es ihm nicht gelang, die Autotür zu öffnen, schlug er die Seitenscheibe ein, kletterte kopfvoran aus dem Fahrzeug und versuchte, sich zu entfernen. Auf sein Verhalten später angesprochen, sagte er nur: «Wissen Sie: Strafvollzug, Urlaub, Polizei, Scheisse.» Fazit des Gerichts: Die Attacke von G. während «Gloria» das Fahrzeug wenden wollte und die Angstsituation, die er durch das Würgen und das Drohen schuf, verunmöglichte es der körperlich unterlegenen Frau «während rund zwanzig bis dreissig Minuten, ihre geplante örtliche Verschiebung durchzuführen». Diese Einschränkung der Bewegungsfreiheit wurde als Freiheitsberaubung beurteilt. Beide Gerichte hielten eine unbedingte Freiheitsstrafe von zwölf Monaten für angemessen. Der Fall Albert G. brachte Justizdirektor Markus Notter und sein Team im Spätsommer 2006 in arge Bedrängnis.Foto: Dieter Seeger

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