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«Hochbegabung ist ein Geschenk, das belastend sein kann»

Für die Uetikerin Nadine Zimet dreht sich vieles um Intelligenzquotienten. Als Psychotherapeutin begleitet sie hochbegabte Kinder.

Mit Nadine Zimet sprachMirjam Bättig-Schnorf Ist eine Hochbegabung Garantie für ein erfolgreiches Leben? Hochbegabung ist nur eine Facette einer ganzen Persönlichkeit. Ich finde es ganz wichtig, diese besondere Begabung als Aspekt einer Person zu betrachten und nicht als Etikettierung. Hochbegabung ist ein Geschenk, das belastend sein kann. Dass ein Mensch in seinem Umfeld aufgehoben ist, erachte ich als viel wichtiger als die Leistung, die er erbringt. Freundschaft und Beziehung stehen an allererster Stelle. Was fasziniert Sie an dieser Arbeit mit hochbegabten Kindern Die Auseinandersetzung mit diesen Kindern finde ich unglaublich spannend und bereichernd. Ich will meinen Klienten helfen, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln und mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Weshalb setzen Sie sich für die Interessen hochbegabter Kinder ein? Es gibt sehr viele Missverständnisse über hochbegabte Kinder. Ich will dazu beitragen, diese aufzuklären. Können Sie ein Beispiel nennen? Etwa die Vorstellung von Wunderkindern, die auf der Überholspur unterwegs sind und denen alles zufliegt. In Wirklichkeit gibt es nur wenige Überflieger. Auch die Annahme, dass nur diejenigen Kinder zur Gruppe der Hochbegabten zählen, die in der Schule sichtbare Hochleistungen erbringen, halte ich für falsch. Es gibt eine Dunkelziffer von sehr klugen Kindern mit Lernschwierigkeiten und Teilleistungsdefiziten. Wenn diese Kinder erkannt sind und richtig begleitet werden, ist es ihnen möglich, ihr Potenzial zu entfalten. Existieren auch Vorurteile? Hochbegabten Kindern wird manchmal nachgesagt, dass sie überheblich und eingebildet oder verschroben und seltsam seien. In Wirklichkeit sind sie oft sehr einsam. Sie empfinden in der Schule oder beim gemeinsamen Spielen mit Kindern aus für sie unerklärlichen Gründen ein Fremdheitsgefühl. Hochbegabte Kinder lieben andere Spiele, erfinden gern Neues und gehen gern in die Tiefe. Sie sind autonom, stellen Normen infrage und hinterfragen Regeln und Traditionen. Dies führt zu Missverständnissen auf beiden Seiten, die erklärt und besprochen werden können. Wie kann eine Hochbegabung erfasst werden? Eine erste Groberfassung wird mithilfe von IQ-Tests durchgeführt. Hochbegabung ist jedoch ein ganzheitliches Phänomen und betrifft auch die emotionale sowie die soziale Intelligenz. Meist sind solche Kinder körperlich, emotional, intellektuell und sozial hochsensibel, da ihr ganzer Sinnesapparat durchlässiger ist. Sie reagieren schneller und differenzierter auf Umweltreize, was manchmal als Störung missverstanden wird. Für eine Diagnose müssen viele Aspekte wie etwa Denkstil, Beziehungsverhalten, Sensibilität oder Schulerfahrungen des Kindes mit einbezogen werden. Ich unterscheide zwischen Potenzial, Talent und Hochbegabung und Lernen. Was meinen Sie damit? Es gibt normal begabte Kinder, die sehr talentiert und leistungsstark sind. Dann gibt es hochbegabte Kinder, die sozial kompetent sind und hohe Leistungen erbringen. Andere auch hochbegabte Kinder dagegen sind ungleichzeitig entwickelt. Ihr biologisches, emotionales, intellektuelles und soziales Alter passen nicht zueinander. Die unterschiedlichen Entwicklungsniveaus zusammenzubringen, ist für das Kind und für die Gesellschaft ein unheimlich schwieriges Unterfangen. Diese Kinder wollen sich integrieren, geliebt werden, Freunde haben. Dafür müssen sie jedoch eine unglaubliche Anpassungsleistung erbringen. Als Nichtbetroffener kann man sich kaum vorstellen, wie schwierig dies für ein solches Kind ist. Es muss sich fühlen wie ein blaues Kind in einer grünen Welt: Nichts passt. Es entsteht ein Dilemma auf allen Seiten. Wird dies nicht erkannt und aufgefangen, finden laufend Beziehungsabbrüche statt. Aus Verzweiflung, Angst oder Unsicherheit. Nadine Zimet führt in Zürich ein Zentrum für Begabtenförderung. Foto: Reto Schneider

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