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Ich bin auch eine Kirche

Auf der Zürichsee-Fähre taufte der Meilemer Pfarrer am Sonntag fünf Kinder. Ein Unterfangen mit Tücken.

Von Daniel J. Schüz Meilen – Sonntagmorgen im Meilemer Fährhafen, kurz vor zehn Uhr: Auf der Rampe stehen zwei Männer, einer in Matrosenuniform, der andere im schwar-zen Pastorentalar. Sie zählen Menschen, die auf die Schwan strömen – gewöhnliche Passagiere für den einen, Gottesdienstbesucher für den anderen. «Hundertzweiundsiebzig», sagt der Fährenmann und klickt zum letzten Mal auf das Zählgerät in seiner Hand. «Ausserdem vier Hunde und fünf Babys.» Mathias Rissi, reformierter Pfarrer in Meilen, nickt zufrieden. Vor so vielen Gläubigen predigt er sonst nur an Weih-nachten. «Das ist das Schöne an diesem Gottesdienst: Es kommen Menschen, die sonst kaum in die Kirche gehen.» Gut die Hälfte der «Kirchen-Passagiere» sind Angehörige der Tauffamilien. Die Meilemer Fähren-Gottesdienste – vor zwölf Jahren von Pfarrer Benjamin Stückelberger lanciert und längst zur beliebten jährlichen Tradition geworden – sind vor allem für junge Eltern eine willkommene Gelegenheit, dem Taufritual eine besondere Note zu verleihen. Jugendliche Helfer schwänzen Dennoch ist Pfarrer Rissis Miene sorgenumwölkt. Für ihn ist dieser seemännische Gottesdienst eine Premiere – und eben hat er erfahren, dass zwei Mitglieder der Jugendgruppe Rise-up fehlen, die mit ihm die Liturgie bestreiten sollten. «Offenbar», sagt der Pfarrer, «ist ein Fussballmatch wichtiger gewesen.» Auch die Jugendband, die auf der Fähre den Organisten ersetzt, ist unvollständig angetreten – entsprechend dünn tönt Cat Stevens «Morning Has Broken» über das Schiffsdeck, bevor Rissi sinnigerweise Vers 22 aus dem 14. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zum Thema seiner Predigt macht: Die Jünger geraten auf einem Schiff in Seenot und nehmen entsetzt ihren Meister als «Gespenst» wahr. Jesus wandelt auf dem stürmischen See Genezareth über das Wasser. Auf dem Zürichsee funkelt derweil die spätsommerliche Morgensonne; die Schwan dümpelt wenige Hundert Meter vor dem Ufer – und der Pfarrer nimmt sich die Täuflinge vor. Klaglos lassen Elena Jasmine, Joya Jil, Lilly Anoush, Mael Fionn und Livia Martina die Prozedur über sich ergehen, während das Mikrofon des Pfarrers gegen die dröhnenden Ventilatoren keine Chance hat. Auch wenn das Schiff keine Fahrt macht, dürfen die Motoren nicht abgestellt werden – aus Sicherheitsgründen. Dennoch sieht man nur zufriedene Gesichter, als die Passagiere von Bord gehen. «Es gibt noch einiges zu verbessern», räumt Christian Vogt selbstkritisch ein, der als Meilemer Pfarrverweser den Fähren-Gottesdienst organisiert hat. Und Pfarrer Rissi fügt lakonisch an: «Ich wünsche mir fürs nächste Jahr eine leisere Fähre.» Junge Eltern haben die Gelegenheit genutzt, dem Taufritual auf der Schwan eine besondere Note zu verleihen. Foto: Silvia Luckner

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