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«Ich bin mehr Rock»

Gestern gingen in Winterthur die 22. Afro-Pfingsten zu Ende. Zu den Höhepunkten zählte der schillernde Vieux Farka Touré aus Mali.

Von Benedetto VigneDie Stimme ist ein wenig verhalten, scheint gegen den kraftvollen Sound anzukämpfen, gegen Schlagzeug und Bass, die übermächtigen. Sie singt von Lebensbäumen, die angepflanzt werden sollten («Touri»), und von den Ungerechtigkeiten, die allenthalben herrschen («Gido»), aber selbst wer die fremde Sprache beherrscht, hätte jetzt wohl Mühe, etwas zu verstehen. Nur die elektrische Gitarre, die schlängelt souverän über die ganze Fläche, unterstützt von der Ngoni, dem traditionellen kleinen Saiteninstrument. Diese glöckelt klar und filigran durch den Nachmittag, dieser Ton, den wir so vertraut afrikanisch verorten möchten und manchmal sogar den Blues aus Mali zu nennen pflegen, und der heute, am Pfingstsonntag, doch irgendwie sehr bluesfern und universell klingt. Er sei etwas müde, übernächtigt vom Touren, sagt der Barde später im Gespräch, zudem sei die Band in Paris ziemlich zufällig angeheuert, da seiner eigenen Gruppe die Visa vorenthalten wurden. Die improvisierte Formation ist dem Quartett freilich kaum anzumerken. Der Königssohn Vieux Farka Touré heisst der Chef auf der Bühne. Er ist der Sohn des grossen, 2006 verstorbenen Ali Farka Touré, der von Ry Cooder geförderten, mit mehreren Grammys ausgezeichneten malischen Koryphäe, auch «König des Wüsten-Blues» genannt. Strampelt sich da wieder mal ein Sohn aus dem Schatten seines Übervaters? «Mein Vater war viel traditioneller als ich, er ist zum Beispiel nie mit Schlagzeug aufgetreten, hat sich stets nur von der Kalebasse begleiten lassen.» Aber eigentlich muss sich Boureima Farka Touré, der seinem Vater gar nicht ähnlich sieht und der seinen Übernamen «Vieux» («ein Respektname in Mali») von seinem Grossvater geerbt hat, gar nicht rechtfertigen, er ist seit je seinen eigenen Weg gegangen. Seine Kindheit hat Vieux bei einem Onkel weit entfernt vom Geburtsort Niafunké verbracht, die ersten musikalischen Erfahrungen sammelte er als Perkussionist in der Band seines Cousins Afel Bocoum. Beinahe wäre er – auf Wunsch seines Vaters – in die Armee eingetreten. Dann aber verspürte der junge Mann Lust auf musikalische Bildung, er schrieb sich als Achtzehnjähriger beim INA ein, dem Institut National des Arts in Malis Hauptstadt Bamako, um das Gitarrenspiel zu studieren. «Ich habe sehr hart gearbeitet», erklärt der Musiker, und an seinen virtuosen Läufen auf dem Gitarrenhals lässt sich dies nachempfinden. Nach dem vierjährigen Studium tourte er eine Zeit lang in der Band des befreundeten Kora-Spielers Toumani Diabaté. Die Bekanntschaft mit dem kanadischen Produzenten Eric Herman ermöglichte die Aufnahme eines ersten Albums, das im Frühjahr 2007 erschien. Es enthält unter anderem letzte Zusammenspiele mit Vieux’ damals schwer krankem Vater Ali. Aufsehen erregte dann auch ein nachgeschobenes Remix-Album, das auf die stilistische Offenheit des jungen Musikers hinweist. Es ist aber insbesondere die Livereputation, die dem fleissvollen Malier vorauseilt. Sie bescherte ihm, nebst einem Konzertalbum, einen prominenten Auftritt an der Eröffnung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika.Vor einigen Wochen erschien nun Vieux’ drittes Studioalbum «The Secret», aufgezeichnet in Bamako sowie in New York. Der dreissigjährige Gitarrist und Sänger attestiert seinen diversen Produktionen eine rasante Entwickung und meint dabei insbesondere die jüngsten Gastspiele von illustren Kollegen wie John Scofield, Derek Trucks, Eric Krasno und Dave Matthews. Das grosse Geheimnis der Musik Solche Zusammenarbeiten würde Vieux in Zukunft gern noch öfter pflegen, um die malische Tradition noch mehr mit den Stilen der Welt zu vermengen. Eine Tradition, die angesichts der vielen Ethnien, der Bambara, der Songhai, der Dogon, der Dioula und wie sie alle heissen, an sich schon enorm vielfältig sei. Und sind diese malischen Wurzeln, ja, eben auch der Einfluss des Vaters, bei den Studioaufnahmen noch allemal deutlich herauszuhören, scheint sich beim Konzert jene andere Seite nach vorne zu kehren, die Vieux im Gespräch mit der schlichten Aussage «ich bin mehr Rock» umschreibt. Da ist plötzlich eine Indieband, die einen noisenahen, ragaähnlichen Klangteppich, wenige Akkorde, viele Noten, in die Winterthurer Halle 53 hinausbreitet. Nur gegen Schluss hin ertönen mit «Walaidu» die Spuren eines waschechten Blues, erinnern entfernt an die anderen wichtigen Väter, John Lee Hooker, Muddy Waters und wie sie alle heissen. Alles andere sei «The Secret» der Musik, sagt Vieux, geheimnisvoll schmunzelnd, und darüber könne man gar nicht reden. Vieux Farka Touré verzaubert auf der Winterthurer Bühne. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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