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«Ich habe keinen Grund zu jammern»

Der 85-jährige Thuner Korber Walter Jöhr blickt auf ein bewegtes Leben mit vielen Höhen und Tiefen zurück. Noch immer ist er in seinem Laden an der Waisenhausstrasse tätig. Sein Fazit: Geld ist nicht die Quelle des Glücks.

«Arbeit ist für mich Therapie», sagt Walter Jöhr, während er in seinem Laden an der Waisenhausstrasse 8 ein Serviertablett flicht. 1924 ist er im Oberdiessbacher Spital zur Welt gekommen. Wie sein Bruder Fritz hat Walter Jöhr von Geburt an kein Augenlicht. «Mit 17 Monaten bin ich in die Privatblindenanstalt Spiez gekommen», sagte Jöhr. Nur während der siebenwöchigen Sommer- und Winterferien durfte er damals nach Hause gehen. Der Thuner Korber hat sich seit seiner Kindheit für Musik interessiert. Als er 10 Jahre alt war, erhielt er Geigen- und Klavierunterricht im Blindenheim. Zwischen 1940 und 1943 absolvierte er die Lehre als Korbflechter. An diese Zeit erinnert sich Walter Jöhr mit Wehmut: «Mein Lehrmeister war sehr streng. Er hatte keine lobenden Worte, sondern schimpfte nur, wenn er etwas an meiner Arbeit auszusetzen hatte.» Trotz dieser schweren Jugendzeit sagt der 85-Jährige heute: «Ich habe keinen Grund zu jammern.» Lieber KlavierstimmerZur Zeit seiner Korbflechterlehre habe Jöhr keine Freude an seinem Beruf gefunden. Dies sei zu einem grossen Teil auch die Schuld des Lehrmeisters gewesen. «Ich wusste damals einfach, dass ich diese Lehre machen musste.» Nach erfolgreichem Abschluss arbeitete der Korber 10 Jahre lang für einen bescheidenen Stundenlohn von 15 Rappen. Im Alter zwischen 18 und 22 Jahren schenkte ihm seine Gotte Cellounterricht. Walter Jöhr spielte gerne Schubert und Mozart. «Ich hätte gerne Klavierstimmer oder etwas mit Musik gemacht. Ich habe ein gutes Musikgehör. Für Masseur hätte ich wohl zu wenig Kraft in den Händen gehabt», sagte Jöhr. Als der Korber von Thun vor einigen Jahren eine elektronische Technics-Orgel ab Fabrik kaufen konnte, ging für ihn ein grosser Wunsch in Erfüllung: «Wenn ich Orgel spielen kann, so fühle ich mich für zwei, drei Stunden als Musiker, nicht als Korbermännchen.» Bereits im Blindenheim hätte er gerne Orgel gespielt, doch der Organist sagte ihm, dass dies zu teuer sei. Neue Lieder lernt er, indem er sie auf einer CD hört, um sie dann auswendig zu spielen. Geld ist nicht allesIn seinem Leben habe er viel Schlechtes erlebt. Zum Beispiel wurde er mehrmals beraubt. Trotzdem besinnt sich der Korber immer wieder auf das Positive. «Ich habe zu essen und ein Bett zum Schlafen. Was kann man davon mitnehmen, wenn man einmal geht? Geld ist wirklich nicht alles.» Die Einnahmen aus Warenverkäufen reichen oft nur knapp, um die Ladenmiete zu bezahlen. Trotz seines hohen Alters denkt er nicht daran, seinen Beruf aufzugeben. «Ich habe Freude gefunden an meiner Arbeit.» Seit rund 20 Jahren hat der Korber in Thun einen Laden gemietet. Humor und WünscheWalter Jöhrs Humor ist frisch und quicklebendig. Während er einen Zopf flicht, erzählt er einen Witz: «Es trafen sich einmal zwei Freunde. ‹Machst du immer noch in die Hosen?›, fragte der eine. Der andere bejahte. ‹Geh doch mal zum Psychiater, das hilft vielleicht.› Als sich die beiden später einmal wieder treffen, fragte der eine, ob der Psychiater geholfen habe. ‹Nein, ich mache immer noch ins Bett›, sagte der andere. ‹Nun habe ich aber Freude daran›.» Nebst seinem Humor hat Walter Jöhr auch noch einige Wünsche: «Ich hätte gerne eine einfache, kleine Hütte am Waldrand, um den Vögeln zuzuhören. Ich mag besonders die Amseln. Ausserdem sollte dort ein Apfelbaum gepflanzt werden, damit ich die Äpfel bei ihrem Wachstum spüren kann.» Adrian Maurer>

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