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«Ich weiss schon, was ich mache»

Die Grasshoppers stecken im Abstiegskampf, und ihr Trainer steht in der Kritik. Fünf Tage mit Ciriaco Sforza und seinen Erklärungen zur Krise. Von Thomas Schifferle

Axpo Super League Montag: Die Breitseite Die Woche beginnt mit einem trainingsfreien Tag und einer Breitseite gegen Ciriaco Sforza. Auf 58 Zeilen wertet die «Neue Zürcher Zeitung» das Fernsehinterview, das Sforza am Samstag nach dem 1:4 in Basel gab. Sein «gestelztes Lächeln» gaukle Selbstsicherheit vor, seine Kommunikation sei nicht gut und seine Ausdrucksfähigkeit mangelhaft. Und: «Es ist der Versuch, klüger erscheinen zu wollen, als es seine Sprache zulässt, der zwanghaft wirkt.» Sforza liest das, handelt und bietet den Journalisten für Dienstag zur Aussprache auf. Er sagt: «Es ist ein Unterschied, etwas zu schreiben oder jemandem direkt in die Augen zu schauen.»Der Auftritt vor der Kamera, 43 Sekunden kurz, war typisch für Sforza. Seit je hat der 41-Jährige sein Talent als Schönredner gepflegt. Was er nach einem Spiel sagt, wirkt zuweilen so aufgesetzt wie die «Maske», die er nach eigener Darstellung in solchen Momenten trägt. Seine Glaubwürdigkeit leidet darunter, lange schon. Das nimmt er bewusst in Kauf. Er erklärt: «In Basel hätten harte Worte der Mannschaft nicht gut getan. Sie ist sensibel.» Klubberater Alain Sutter eilt ihm zu Hilfe: «Bei der Beurteilung eines Trainers muss anderes mehr zählen als ein Auftritt im Fernsehen.» Dienstag: Sforzas Ärger Es ist kalt und grau in Niederhasli, um zehn Uhr morgens. Die Einheit ist anspruchsvoll, 80 Minuten lang Konditionsarbeit mit zehn nahrhaften Sprints als Dessert. Johann Vogel hat sich nach einer Stunde abgemeldet und wird bis zum Ende der Woche nicht mehr auftauchen. Müde sei er, lächelt Sforza. «Die Spieler sind fit», sagt Alain Sutter als Beobachter beim Training. Es geht um einen dieser Vorbehalte, die Sforzas Arbeit in der Erfolglosigkeit begleiten. Dass seit dem Wechsel von Walter Grüter nach Luzern der Fitnesscoach spürbar fehle, dass die Trainings zu lasch seien und es darum dauernd viele Verletzte gebe. Sechs waren es in Basel: neben den Langzeitpatienten Cabanas, Callà und Abrashi auch Smiljanic, Vallori und Pavlovic. Sutter regt an: «Vielleicht müssen wir mehr in die Prävention investieren und die Kosten dafür einsparen, indem wir künftig auf ein, zwei Spieler verzichten.» Nach dem Training herrscht Sforza die Spieler an: «Ich habe euch gesagt: Jeder macht noch fünf Minuten lang das, was er braucht. Und was macht ihr? Ihr steht einfach herum. Euch muss ich das offenbar jeden Tag sagen. Stretchen.» Am Nachmittag analysiert er mit den Spielern die Niederlage von Basel, bevor sie in den Kraftraum gehen. Jetzt redet er anders als in der Öffentlichkeit und im Fernsehen, deutlicher, er sagt: «Wir haben viele Tore erhalten, weil wir wie Junioren denken.» Mittwoch: Leutwilers Mail Am Morgen schickt Präsident Roland Leutwiler ein Mail an die Mitarbeiter. Unter dem Betreff «Aus der Gerüchteküche…» schreibt er: «Unser Cheftrainer Ciriaco Sforza geniesst das Vertrauen des Verwaltungsrates und der Klubführung. Wir sind überzeugt, dass er der Richtige ist, um unsere junge Mannschaft zu führen und weiter zu bringen. Es gibt auch keinerlei Pläne, einen Sportchef einzusetzen.» Und am Ende: «Lassen wir uns durch Spekulationen und Provokationen in den Medien nicht von unserer Arbeit abhalten. &endash Euer Präsi, Roland Leutwiler.» Sforza sagt: «Ich habe intern schon erklärt, dass ich es von Präsident und CEO schätzen würde, wenn sie ein solches Bekenntnis für mich auch nach aussen abgeben würden.» Ein Sportchef wäre ihm willkommen. Er kann leben mit Alain Sutter und Nachwuchschef Mathias Walther als Gesprächspartnern vom Fach. Dass Leutwiler und CEO Marcel Meier öffentlich nicht wahrgenommen werden, hilft ihm nicht. Das lädt ihm mehr Verantwortung auf, als gut ist: Er ist das einzige Gesicht, dass GC nach aussen repräsentiert. Im Morgentraining stehen kurze schnelle Spiele von 4 gegen 4 im Zentrum. Luzerns früherer Assistenztrainer Petar Alexandrow denkt sich als Zuschauer: «Da trainiert eine U-21.» GC ist gefährlich vom Jugendwahn ergriffen. Die Verantwortlichen nennen es lieber aufgesetzt «House of Talents»-Strategie. Meinen tut es das Gleiche: diesen (Irr-)Glauben, auf Dauer mit der Jugendförderung sportlichen und finanziellen Erfolg zu haben. Vor drei Wochen schrieb Meier in einer Mitarbeiterinformation: «Ja, unsere Nachwuchsabteilung hat in den letzten Monaten wieder eine Ambiance auf den Campus gezaubert, die wirklich Freude macht. Und ja, was Johann Vogel gerade für GC tut, das alles ist MAGISCH. Das ist unsere neue Kultur (…) Damit GC schon bald wieder die beste Talentschmiede der Schweiz hat und unsere 1. Mannschaft wieder zu den Titelanwärtern gehört. DANKE!» Das passt zu Meier, der von Marketing mehr versteht als von Fussball. Passt zu GC und dem Fantasieren von einer schönen Zukunft. Am Nachmittag verdrängt die Sonne das Grau. Die Spieler wärmen sich im beliebten Kreisspiel auf. Danach rennen sie ein paar Mal quer über den Platz, immer brav vorbei an den Körben mit den Getränkeflaschen, die ihnen im Weg stehen. Sforza trägt die Körbe zur Seite: «Nicht einmal das sehen sie. Das kann doch nicht sein…» 40 Minuten lang schult er die Defensivarbeit, er unterbricht und schiebt die Spieler herum, wenn sie sich falsch verhalten. Er ruft: «Redet miteinander. Sonst kommen wir nicht vorwärts.» Einmal rutscht ihm ein «Porca puttana!» heraus, «so eine verdammte Scheisse». Das ist deftig, Sforza sagt: «Ja und?»In der Pause des ersten fatalen Derbys diese Saison gegen den FCZ habe er die Spieler gar gedemütigt und aus Wut an die Wand geschlagen, erzählt ein naher Beobachter. Sforza will klarstellen: «Ich fragte die Spieler: ‹Was habt ihr mir am Morgen noch gesagt? Dass ihr wisst, was ihr machen müsst… Und jetzt das!› Ich sagte ihnen: ‹Ihr könnt dem lieben Gott dankbar sein, dass es nur 0:1 steht. Und jetzt habt ihr die Chance, alles gutzumachen.›» Er findet nichts weiter schlimm daran: «Auch ich darf enttäuscht und verärgert sein. Ich weiss schon, was ich mache.» Das Spiel endete 0:6.Die Sonne verschwindet. Das Training endet nach 65 Minuten. Donnerstag: Viele Vorwürfe An diesem Morgen steht ein Flanken- und Schusstraining auf dem Programm. «Konzentration, Zug, Technik, Schuss!», fordert Sforza. Die Einheit dauert fünf Viertelstunden. Bis hierhin standen die Spieler in dieser Woche genau fünf Stunden auf dem Platz. Für Sforza ist das genug. Später im ersten Stock des Campus-Gebäudes. Sforza hört sich all die Kritik an, die ihm entgegenschlägt, nicht nur wegen seines manchmal rauen Tons oder seiner Trainings. Irgendwann sagt er: «Wer ein Problem mit mir hat, darf gerne zu mir kommen.» Ein Vorwurf ist: Er sieht und spürt den Fussball, aber er hat Mühe, sein Wissen umzusetzen und in Lösungen zu verarbeiten. Er sagt: «Ich will Leute, die mich weiterbringen, aber sie sind nicht so einfach zu finden.» Ohne sein Einverständnis wird kein Spieler verpflichtet, «aber es geht nur das, was in einem bestimmten finanziellen Rahmen bleibt», sagt er. Der Rahmen ist so eng, dass neue Kräfte eigentlich keine Ablöse kosten dürfen. Fehler sind programmiert, Sforza ist einigen Fehleinschätzungen unterlegen, auch schmerzhaften, folgenschweren.Der Fall des Kroaten Davor Landeka ist dafür beispielhaft. Er begann mit dem Werben von GC um Vero Salatic, der vom Ausland träumte. GC legte ihm Ende letztes Jahr eine wirklich gute Offerte vor, ohne jedoch zu wissen, ob sie überhaupt finanzierbar sei. Im Sommer sagte der Klub Salatic, er habe einen Stellenwert wie Smiljanic, und machte ihm ein neues, reduziertes Angebot über gut 300 000 Franken; das war nur rund die Hälfte dessen, was Smiljanic bezieht.Salatic ging, für das defensive Mittelfeld kam die kroatische Billigkraft Landeka. «Wir hatten gute Informationen über ihn», sagt Sforza, «aber seine Verpflichtung ist ins Auge gegangen.» Der Vorwurf an Sforza heisst nun: Er habe sich zu wenig um Salatic bemüht &endash so wie schon bei Grüter oder Goalie-Trainer Patrick Foletti. Er sagt: «Entscheidend war einzig das Finanzielle.» In der sportlichen Not reifte die Idee, Johann Vogel zu reaktivieren. Sie ist ein Hilfeschrei und steht für Verzweiflung. Vogel hat seit dem 5. Januar 2009 kein Spiel mehr bestritten, bald wird er 35. Für ein Comeback fehlt ihm vorderhand die Lizenz von der Liga. Der Mannschaft fehlt die Achse, die sie trägt: eine Achse, wie sie Smiljanic, Salatic, Cabanas und Zarate im erfolgreichen Frühjahr 2010 bildeten. Sforza gibt zu: «Dem traure ich nach.» Jetzt wäre er nur schon zufriedener, neben Salatic noch Innocent Emeghara zu haben. Doch dem Stürmer verdrehten die Gehaltszahlen aus Lorient den Kopf. Sforza hat den Ruf, misstrauisch zu sein, keinem richtig zu vertrauen, ausser sich selbst. Diesen Ruf hat er seit je. Er lächelt: «Ich entwickle mich doch weiter. All dieses dumme Gebabbel über solche Sachen! Das ist doch unnötig.» Freitag: Das Beispiel Zuber Auch das sechste Training der Woche findet ohne Steven Zuber statt. Er ist wie Izet Hajrovic seit Montag in der Sportler-RS in Lyss. Und er ist einer der Spezialfälle bei GC: Er reibt sich mit Sforza, weil er sich in seiner Entwicklung weiter sieht, als der Trainer das tut. Sforza versucht, ihm am Video, im Gespräch, im Training die Flausen und Absatztricks auszutreiben. Bis jetzt hat er damit nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Sforza gibt nicht auf: «Geduld ist wichtig bei den Jungen. Und ich habe Geduld.» An diesem Morgen übt Sforza Angriffsauslösung und Abschluss. Er ist engagiert, präzise, Endogan Adili fragt er: «Kleiner, geht es noch?» Und Frank Feltscher erklärt er das Verhalten am Flügel so lange, bis der es begriffen hat. Um 12 Uhr mittags ist der Medientermin für das Spiel am Sonntag gegen den FC Sion, das 14. diese Saison nach bislang 9 Niederlagen und 11:31 Toren. Zwei Journalisten sind da. Sforza sagt: «Sion ist vom Potenzial her ein Kandidat für die Meisterschaft. Aber es ist nicht so, dass wir Sion nicht besiegen können. Wir brauchen Enthusiasmus, wir müssen alle zusammenhalten und die Fehler reduzieren.» Eine Frage gibt es noch an Sforza: Wie lange er bei GC bleiben möchte. «Was heisst lange? Bis Ende Saison?», entgegnet er und sagt, das sei von der Philosophie des Klubs und seinem Gefühl abhängig. Auf jeden Fall möchte er sich nächsten Sommer nicht mehr 25 Zu- und Abgänge antun wie jetzt, nicht mehr wieder bei null anfangen müssen. Allein den Gedanken daran empfindet er als «mühsam». Plötzlich bricht er ab: «So weit denke ich nicht. Erst müssen wir den Ligaerhalt schaffen.» Er zweifelt keinen Moment, dass ihm das mit der Mannschaft gelingt. Er sagt: «Ich bin ein guter Trainer.» Heute Lausanne - BaselTC 2 17.45 Thun - LuzernTC 3 17.45Morgen GC - Sion16.00 Xamax - FC ZürichTC 2 16.00 Servette - Young BoysTC 3 16.00 Mögliche Aufstellungen. GC: Bürki; Menezes, Kehl, La Rocca, Bertucci; Toko, Lang; Feltscher, De Ridder, Zuber; Mustafi.FCZ: xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Sforza zweifelt keinen Moment am Ligaerhalt. Er sagt: «Ich bin ein guter Trainer.» Sforza hat den Ruf, misstrauisch zu sein. Er sagt: «Dieses dumme Gebabbel ist unnötig.» Untendurch: Ciriaco Sforza auf dem Campus in Niederhasli. Foto: Reto Oeschger 1. Basel 1428 2. Luzern 1428 3. Sion 1426 4. YB 1425 5. Xamax 1419 6. Servette 1418 7. Thun 1416 8. FC Zürich 1314 9. GC 1310 10. Lausanne 148

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