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Im Hexengarten wispert der Geschichtenroboter

Der Heil- und Giftpflanzengarten der Hochschule Wädenswil ist um eine Attraktion reicher. Besucher können an einem solarbetriebenen Automaten gruseligen Geschichten lauschen.

Von Sarah Sidler Wädenswil – Wer Regula Treichler zuhört, wenn sie Geschichten über die Pflanzen im Wädenswiler Hexengarten erzählt, kommt trotz warmer Frühlingssonne ins Frösteln. Die schöne Aussicht auf den Zürichsee und die idyllische Umgebung der Hochschule Wädenswil will nicht recht zu den traurigen, haarsträubenden und gruseligen Storys passen, die Treichler erzählt. Da ist die Geschichte eines Holzhackers aus dem 16. Jahrhundert, der seine schwere Verletzung mit Beinwell heilen kann, dem Raublattgewächs, das auch als Wallwurz bekannt ist. Diejenige von Sokrates, dessen letztes Getränk mit Schierling vergiftet wurde, und diese über einen Buben, der Tollkirschen gegessen hatte und daran starb. «Als ich den Heil- und Giftpflanzengarten plante, habe ich entdeckt, dass speziell die Pflanzengattung der Doldenblüten mit wahnsinnigen Geschichten verbunden ist», sagt Treichler. Sie ist an der Hochschule Wädenswil zuständig für die Weiterentwicklung der Gärten (siehe Box). Seit 1992 arbeitet sie in diversen Funktionen an der Hochschule über dem Zürichsee. Kurbeln, wenn die Sonne fehlt Die Wädenswilerin wollte dieses versteckte Wissen, den Volksglauben und die Mythologie rund um diese Pflanzen wieder ans Licht bringen und suchte nach geeigneten Wegen. «Infoblätter gibt es schon genug und Walkie-Talkies fand ich unpassend in dieser Umgebung», sagt die 47-Jährige. So kam ihr die Idee einer solarbetriebenen Audiosäule, die ihre Geschichten wiedergibt. Es ist ein Prototyp, den die Wädenswilerin gemeinsam mit einer Stadtzürcher Firma entwickelt hat. Scheint die Sonne einmal nicht, kann der Strom auch über eine Kurbel erzeugt werden, die sich an der Aussenwand der Säule befindet. «An unserer Hochschule kann erneuerbare Energie studiert werden. Da wollten wir eine entsprechende Lösung», sagt Treichler. Sie ist glücklich mit der Solarsäule.Die Infosäule erzählt Geschichten über 8 der insgesamt 200 Pflanzen im Hexengarten. Maximal fünf Minuten dauert eine Wiedergabe. Obwohl Treichler einzelne Erzählungen selbst erfunden hat, hätten alle genau so stattfinden können, sagt sie.Die Pflanzen im Heil- und Giftpflanzengarten sind nach Funktionen gruppiert: Es gibt Arznei-, Wetter-, Gift-, Orakel- und Liebespflanzen-Beete. Die meisten Gewächse darin sind unscheinbar. Doch wer genau hinsieht und -hört, erfährt Erstaunliches: Der Königskerze sagte man beispielsweise nach, man könne am Blätterstand ablesen, ob der Winter früh oder spät beginne. Eine typische Orakelpflanze ist auch das Margritli. Wer hat der kleinen Blume nicht schon die weissen Blütenblätter ausgezupft und «er liebt mich, er liebt mich nicht» dazu gemurmelt? Dem Maggikraut wurde eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt. Eisenhut wirkt narkotisierend. Altes Wissen nicht verlieren Auch die Wirkstoffe von geheimnisvollen Flug- und Hexensalben sind in den Beeten zu finden. Diese Salben waren die ersten fertigen Arzneimittel der Kulturgeschichte, die zum Teil mit gehörigen Mengen psychoaktiven Wirkstoffen versehen waren. «Früher waren die Menschen während rund dreier Stunden täglich mit Sammeln beschäftigt, um sich ernähren zu können», sagt Treichler. Entsprechend gross sei das Wissen um die Flora in ihrer nächsten Nähe gewesen. Leider gehe dieses Wissen immer mehr verloren. «Pflanzen sind mehr als nur Dekoration und Essware», sagt die Gartenverantwortliche. Die Hochschule Wädenswil sehe es deshalb als eine ihrer Aufgaben, das Wissen um unsere Pflanzen am Leben zu erhalten. «Pflanzen sind Teil unserer Kulturgeschichte», sagt Treichler. Ihre Heilpflanzengeschichten sollen diese für ein paar Jahre, vielleicht Jahrzehnte weitererzählen.

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