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Im Wirbel eines Angsttraums

Wenn der beschauliche Alltag gespenstisch ins Surreale kippt: In seinen neuen Roman «Das Leben der Wünsche» entwirft Erfolgsautor Thomas Glavinic ein ausgebufftes Schauerszenario.

Stellen Sie sich vor, ein Kerl mit Goldkettchen und Bierfahne setzt sich in der Mittagspause zu Ihnen aufs Bänkli und macht Ihnen ein märchenhaftes Angebot: Er erfüllt Ihnen drei Wünsche. Nur, was wünscht man sich da auf die Schnelle? Das Standardpaket Glück, Liebe, Weltfrieden? Oder doch etwas Raffinierteres wie Zeitreisen? Oder den Sinn des Lebens zu begreifen? Jonas, der Protagonist aus «Das Leben der Wünsche», hat den ultimativen Wunsch parat: Er will, dass alle seine Wünsche in Erfüllung gehen. Natürlich nimmt er den Fee spielenden Gigolo nicht ernst und vergisst ihn bald – nichts ahnend, dass jene Begegnung der Anfang vom Ende war. Der letzte Mensch «In meinen Büchern geht es immer um Ängste», meinte der österreichische Autor Thomas Glavinic vor zwei Jahren im Interview mit dieser Zeitung. Damals hatte er gerade seinen Bestseller «Das bin doch ich» veröffentlicht, in dem sich ein neurosengeplagter und schriftstellernder Thomas Glavinic mit einer Buchpublikation abmüht. Es war ein cleveres literarisches Experiment, das dem Leser humorvoll vorgaukelte, die Autobiografie eines phobischen Losers zu sein. Weit drastischer lotete der 37-Jährige das Thema Angst in «Die Arbeit der Nacht» (2006) aus. Damals erwachte ein gewisser Jonas in einem wahren Schauerszenario – als einziger Mensch in einer untergegangenen Welt. Dass die Hauptfigur im aktuellen Roman ebenfalls Jonas heisst, ist natürlich kein Zufall. «Das Leben der Wünsche» kann man durchaus als eine Art Vorgeschichte von «Die Arbeit der Nacht» lesen. Jonas hat nämlich die Schnauze voll von seinem Leben. Die Ehe mit Helen dümpelt vor sich hin, der Job als Werbetexter ödet ihn nur noch an. Seine beiden Söhne hingegen liebt er abgöttisch, genauso wie Marie, seine ebenfalls verheiratete Geliebte. Kurzum: Jonas steckt in einer Situation, die geradezu nach einer Wunschfee schreit. Wunsch oder Zufall? Doch vorerst passiert nichts. Jonas sitzt seine Arbeitszeit ab, entlüftet mit den Jungs die Heizung, macht Lammbraten, vögelt mit Marie. Dann aber wird er am TV Zeuge eines Seilbahnunglücks, obwohl er sich so sehr gewünscht hat, dass die Gondel nicht abstürzt. Gleichzeitig steigen endlich seine Aktien, und die Jungs bekommen den lang ersehnten Wachstumsschub. Wundersames Eigenleben Der Leser hat sein Sensorium für Jonas Wünsche längst aufs Maximum hochgefahren und versucht beflissen, Glavinics rätselhafte Fährten zu deuten. Als Helen dann aus heiterem Himmel an Herzversagen stirbt, beschleicht den Leser zum ersten Mal das Grauen. Wollte Jonas sein Frauenproblem insgeheim auf diese Weise lösen? Thomas Glavinic wagt einmal mehr ein Experiment, das bis zum Äussersten geht: Was wäre, wenn auch unbewusste Wünsche in Erfüllung gehen – samt all jenen, die wir im Leben nie verwirklichen würden? Dass sich Glavinic für dieses Horrorszenario einen Allerweltstypen in einer Lebenskrise ausgesucht hat, verleiht seiner Versuchsanordnung eine geradezu schauerliche Dimension. Im Gegensatz dazu fällt der Erzählgestus wohltuend lakonisch aus, was eine irritierende Spannung erzeugt. So begegnet Jonas auf einer Wiese seinem Doppelgänger, nachts irrt er in menschenleeren Krankenhäusern umher, im Wald wird sein Nebenbuhler von Eichhörnchen aufgefressen. Als Jonas irgendwann dämmert, dass seine Wünsche ein unberechenbares Eigenleben führen, ist es bereits zu spät. Oder wünscht er sichs nicht anders? Bis auf einen Wunsch Natürlich kommt man einem Illusionisten wie Thomas Glavinic nie ganz auf die Schliche. Zu raffiniert streut er die seltsamen Vorkommnisse in die Realität ein, bevor er Jonas’ Alltag endgültig aus den Angeln hebt und langsam ins Surreale kippen lässt. Jonas Erlebnisse werden dabei immer unheimlicher, bis sie schliesslich zu einem existenziellen Albtraum verschmelzen. «Das Leben der Wünsche» ist eine grossartig ausgetüftelte Angstmaschinerie, die schlicht genial wäre, hätte sie nicht einen kleinen Systemfehler: Ein Albtraum geht bekanntlich immer schlimm aus, und ergo ist auch das Romanende vorhersehbar. Das ist etwas ernüchternd, zumal der Leser nach all den überraschenden Drehs und doppelten Böden insgeheim hofft, Glavinic habe sich den alles über den Haufen werfenden Geniestreich für den Schluss aufgespart. Diesen Wunsch kann der Autor nicht erfüllen – das bleibt aber auch der einzige. Lucie MachacThomas Glavinic: Das Leben der Wünsche. Roman, Hanser Verlag, 320 Seiten.>

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