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Konsumenten reagieren

Erste Zürcher wählen einen neuen Strommix – und verzichten dabei auf Atomkraft.

Von Stefan Häne Zürich – Sie haben es in der Hand: Die Zürcherinnen und Zürcher können bei ihrem Elektrizitätswerk den Strommix selber bestimmen. Den AKW-Unfall in Japan vor Augen, treffen sie ihre Wahl unter neuen Vorzeichen. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) erhält derzeit täglich rund 30 Bestellungen von Kunden, die ab sofort auf Atomstrom verzichten wollen. Ähnliches ist auch bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich (EKZ) zu beobachten. Am Mittwoch zum Beispiel haben sich mehr als 100 Kunden neu für einen atomfreien Strommix entschieden. «Wir erwarten, dass sich dies in der nächsten Zeit in ähnlichem Rahmen fortsetzt», sagt EKZ-Sprecherin Priska Laïaïda. Bis aus den Zürcher Steckdosen kein Atomstrom mehr fliesst, braucht es jedoch bedeutend grössere Umwälzungen. Die EKZ zählen 280 000 Kunden, 22 000 davon beziehen heute ausschliesslich atomfreien Strom. Beim Stadtwerk Winterthur sind es 6300 Kunden, also jeder achte. Beim EWZ sind es weit mehr: Von den rund 190 000 Privatkunden beziehen etwa 80 Prozent atomfreien Strom, wie Sprecher Harry Graf sagt. Die Differenz ist eine Folge des Strommix: Die Stadt Zürich ist weniger atomlastig als der Kanton (siehe Grafik). Der EWZ-Standardmix enthält denn auch keinen Atomstrom. Wer diese preisgünstigere Stromart beziehen will, muss sie beim EWZ eigens bestellen. Falls nun auch die restlichen Stadtzürcher auf Atomstrom verzichten würden, sähe das EWZ für die Beschaffung alternativen Stroms «Wege und Möglichkeiten». Graf: «Wir sind im Ökostrommarkt schon längere Zeit tätig und haben entsprechende Kontakte und Erfahrungen.» Rund ein Drittel der Energieproduktion erzeugt das EWZ in eigenen Wasserkraftwerken in Graubünden und an der Limmat. Die restliche Energie beschafft es durch Beteiligungen an diversen Wasser- und Kernkraftwerken. Zudem betreibt das EWZ Windkraftanlagen im Ausland. Bei wem das EWZ Zertifikate bezöge, um eine höhere Nachfrage nach ökologischem Strom zu decken, sagt Graf aus Rücksicht auf die Konkurrenzsituation nicht. Wer ist bereit, mehr zu zahlen? Problematischer wäre es hingegen, wenn Stadtzürcher Firmen grössere Ökostrommengen bestellen würden. «Die Beschaffung wäre nicht mehr so einfach wie vor dem Ereignis in Japan», sagt Graf und folgert: Wenn die Schweiz mit Europa auf erneuerbare Energien umstiege, wäre das nicht von heute auf morgen möglich. Auch die EKZ halten eine radikale Abkehr vom Atomstrom für nicht realisierbar. Würden sich alle Kunden gegen den Bezug von Atomstrom entscheiden, müssten gemäss EKZ andere Kraftwerkstypen die Leistung der Kernkraft ersetzen, etwa Gaskraftwerke. Wegen ihres hohen C02-Ausstosses waren diese in der Schweiz bislang allerdings verpönt. Den Ausbau der Wasserkraft halten die EKZ «nur für sehr begrenzt» möglich, neue erneuerbare Energien wie Biomasse seien ebenfalls limitiert oder wie im Fall von Solar- oder Windenergie nur als Zusatz möglich, «da diese nicht berechenbar produzieren», wie Sprecherin Laïaïda sagt. Dass die Konsumenten den Ausstieg alleine erzwingen können, glaubt selbst in den Reihen der Atomgegner niemand. Ein Komitee mit Vertretern der Grünen, der SP, GLP, CVP, EVP und der FDP macht deshalb auf politischer Ebene Dampf – mit der Initiative «Strom für morn». Der Kanton Zürich, die EKZ und die Netzbetreiber der Gemeinden, so die Forderung, sollen keine neuen Beteiligungen an AKW mehr erwerben. Bestehende sollen sie bis spätestens 2035 abstossen. Die Initianten halten es für möglich, den ganzen Strombedarf des Kantons ohne Atomkraft zu decken. Wie sich die Nachfrage nach atomfreiem Strom entwickeln wird, diktiert nicht zuletzt der Preis. Heute kostet EKZ-Strom aus reiner Wasserkraft nur wenig mehr als ein Mix mit Atomstrom. Massiv teurer wird es für Kunden, die nur Solarstrom beziehen wollen. Für Maddalena Pellegrino vom Stadtwerk Winterthur ist deshalb klar: «Vieles hängt von der Zahlungsbereitschaft der Kundinnen und Kunden ab.»

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