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Kopfloses Europa

Was für eine Nummer! Giorgos Papandreou hat mit einer Serie von barocken Coups alle Glaubwürdigkeit verspielt und sich in kurzer Zeit selber demontiert. Griechenlands Premier gab gestern den Plan auf, das Volk über den Verbleib in der Währungsunion abstimmen zu lassen. Das Referendum war eine so couragierte wie riskante Idee gewesen. Der schnelle Rückzug macht nun aber alle verrückt, Freunde und Gegner, und dürfte Papandreous Sturz besiegeln. Was dann kommt, ist völlig ungewiss &endash problematisch ungewiss in diesen volatilen Zeiten. Nicht nur in Griechenland. Die Eurozone wirkt im dramatischsten Herbst ihrer Geschichte denkwürdig kopflos. Die Schuldenkrise, diese Quittung für allzu sorgloses Regieren in vielen südlichen Ländern des Kontinents, zieht sie alle in die Tiefe. Eine kleine Rundschau offenbart das Ausmass der politischen Krise. Portugals Regierung stürzte über ihr ärmliches Krisenmanagement. Spaniens Premier Zapatero gab frühzeitig auf und machte den Weg für vorgezogene Neuwahlen frei, weil ihm die Bürger nach dem langen Schönreden der Krise alle Gunst entzogen hatten. Italiens Ministerpräsident Berlusconi steht kurz vor dem Fall: vollends entzaubert, als tragische Lachnummer auf dem internationalen Parkett. Frankreichs Präsident Sarkozy bemüht sich zwar mit viel Engagement, den Glauben der Welt in den Euro zu stärken. Doch im eigenen Land verhallt sein Diskurs: In einem halben Jahr droht ihm die Abwahl. Bleibt Deutschlands Kanzlerin, die einzige einigermassen stabile Grösse in Europa. Doch auch Angela Merkel baut mittlerweile mehr auf die Vernunft der linken und grünen Opposition als auf ihren arg geschwächten Koalitionspartner von der FDP. Es überrascht also nicht, wenn die Welt und die Märkte an Europa zweifeln, wenn sie dessen Führungspersonal beargwöhnen. Die Völker Europas zweifeln nämlich auch an ihren Leadern, drängen sie zum Abgang. Sollte die Rettung des Euro trotzdem gelingen, dann zu einem hohen Preis &endash zum Preis einer geopferten Illusion: Europas Politiker sind den Dämonen nicht gewachsen, die sie selber aufgezogen haben. Die Schuldenkrise rafft viele von ihnen weg. Kommentar Oliver Meiler, Mittelmeer-Korrespondent, über die Schuldenkrise als politische Krise.

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