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Kunsthandwerk auf neuen Wegen

Vor 40 Jahren begann der Scherenschnittkünstler Ernst Oppliger mit traditionellen Motiven. Heute schneidet er Gletscher, Bäume und Tiere aus. Die Werke, zwischen Glasplatten geklemmt, stellt er in der Klinik Südhang aus.

Konzentriert sitzt Ernst Oppliger an seinem Arbeitstisch und schneidet mit dem Messer klitzekleine Stücke aus dem Papier. Mit einem Holzstift fixiert er das Papier, weil «die Finger zu klobig wären». Darauf skizziert ist der Entwurf für das aktuelle Sujet – ein feines Gewirr von Ästen. Der Scherenschneider arbeitet so bis zu zwölf Stunden täglich, manchmal im Atelier in seiner Wohnung, wenn es das Wetter erlaubt, auch draussen auf der Laube oder im Garten. «Um 23 Uhr ist Schluss», sagt der Künstler, der in Meikirch geboren und aufgewachsen ist. Die Arbeit mit dem Messer ist Neuland für den 59-Jährigen. Bis Anfang dieses Jahres schnitt er seine fragilen Werke ausschliesslich mit der Schere. Das Messer ermöglicht ihm, grössere Werke zu erschaffen, weil er das Papier nicht ständig wenden muss. Vor 40 Jahren begonnen Eine künstlerische Ader hat Ernst Oppliger, seit er ein kleines Kind ist. «Ich zeichnete Tiere, bevor ich lesen und schreiben konnte», sagt er. Durch die Verbundenheit seines Vaters mit Bauernmalerei und Kerbschnitzerei kam auch der Sohn bald zur traditionellen Volkskunst. Im Vorkurs der Kunstgewerbeschule merkte Oppliger jedoch, dass sein Zeichentalent nicht ausreichen würde, um zu verwirklichen, was ihm vorschwebte. So lernte er Fotolithograf, statt eine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule zu machen. Für den Künstler Oppliger bot sich im Gegenzug der ebenfalls traditionelle Scherenschnitt an. 1971 entstand mit der Schere des Sackmessers das erste Werk, 1976 folgte die erste Ausstellung. Ernst Oppliger lebt seither von seiner Kunst. Für grosse Sprünge reicht das Einkommen nicht, aber er ist zufrieden damit. «Es funktioniert, weil meine Frau mithilft, von wenig zu leben», umschreibt er die Situation. Ein Auto haben Oppligers nicht mehr, seit die drei Kinder grösser sind. In der Wohnung steht auch kein Fernseher. Die Lebensqualität ortet Oppliger anderswo: «Dafür kann ich am Sonntag sieben Stunden wandern gehen und mir neue Bilder ausdenken.» Ein Rückzugsort ist auch der grosse Gemüsegarten, der zum Unterhalt beiträgt. Weg von der Tradition In den 40 Jahren, die seit dem ersten Scherenschnitt vergangen sind, hat sich Ernst Oppliger von mancher Tradition gelöst. Die Symmetrie verlor sich mit der Zeit, ebenso die ornamentalen Ränder, die für traditionelle Scherenschnitte typisch sind. Auch die bäuerlichen Motive wie etwa der Alpaufzug sind in den Hintergrund getreten.«Es ist jedes Mal ein bisschen schmerzhaft, wenn ich mich auf Neuland wage», sagt Oppliger. Denn mit jeder Neuerung gehe ein Stück Tradition verloren. Trotz dieser Abschiede will Oppliger nicht stehen bleiben, denn die Tradition lebt auch von Veränderung: «Solange ich ein Werkzeug in den Fingern halten kann, will ich als Künstler weiter wachsen», sagt er. Was ist Kunst? In diesem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne stellt sich immer wieder die Frage, was eigentlich Kunst bedeutet. Oppliger selbst sieht sich als Handwerker, er sitzt bis zu zwei Monaten über einem Scherenschnitt: «Das ist einzig die mechanische Ausführung. Idee und Skizzen sind zusätzlicher Aufwand.» Trotz aller Bescheidenheit von Ernst Oppliger findet sein Werk auch international Beachtung. Gemeinsam mit anderen Scherenschnittkünstlern stellt er in China, den USA und bald auch in Russland aus. «Das ist nur, weil Scherenschneider dünner gesät sind als andere Kunstschaffende», wehrt er ab. Ausstellung im Südhang Alle drei Jahre stellt Oppliger seine neuen Werke aus. Dieses Jahr können knapp 60 Scherenschnitte im Kutscherhaus der Klinik Südhang in Kirchlindach angeschaut und auch gekauft werden. Die Preise für die Werke bewegen sich zwischen einigen hundert und mehreren tausend Franken. Diese festzulegen ist nicht immer einfach: Nebst dem künstlerischen Wert müssen auch Kriterien wie Aufwand, Grösse sowie die Nachfrage berücksichtigt werden. Die ausgestellten Werke stammen aus den letzten zwei Jahren. In dieser Zeit entwickelte Oppliger die Idee, die Scherenschnitte zwischen zwei Glasplatten ohne Rahmen auszustellen. Diese Technik unterstreicht die Fragilität der Sujets, die Oppliger inhaltlich darstellt. Anna Tschannen>

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