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Leise zischt das Sturmgewehr

In der Zürcher Agglomeration zeigt sich das grösste Schützenfest der Welt als familiärer Vereinsanlass in ländlicher Idylle.

Ortstermin Im Schützenhaus von Aeugst am Albis anlässlich des Eidgenössischen Feldschiessens Von Philipp Muschg,Aeugst am Albis Kühe grasen, Glocken bimmeln, ein Greifvogel landet im halbhohen Gras. Der hügelige Ortsrand von Aeugst am Albis präsentiert sich an diesem Frühsommermorgen wie in einem Schweizer Tourismusprospekt. In Wahrheit aber ist es eine Schweiz, die nur wenige Touristen je zu sehen bekommen: ein Panorama, das von den Mauern eines Schützenhauses umrahmt wird und in dessen Zentrum vier Zielscheiben stehen. Über dem Aeugster Holzgebäude flattert eine rot-weisse Fahne, Tag 2 des Eidgenössischen Feldschiessens steht bevor. «Die Ersten sollen sich bereit machen», ruft der Präsident der veranstaltenden Schützengesellschaft in den abgedunkelten Raum, in dem sich kurz nach 9 Uhr ein halbes Dutzend Personen befinden, alle mit Gehörschutz. «Sechs Schuss einzeln», fährt Hans Spinner fort. Kurz darauf fallen die ersten Schüsse, hängt der Geruch von heissem Metall und Pulver in der Luft.Das jährlich stattfindende Eidgenössische Feldschiessen gilt als grösstes Schützenfest der Welt. Auch dieses Jahr wurden 135 000 Schützen und Schützinnen erwartet, von denen sich allein jene im Kanton Zürich auf 48 Plätzen messen. Geschossen wird mit Armeewaffen, wobei auf dem 300-Meter-Stand in Aeugst nur Gewehre zum Einsatz kommen – vom 1911er-Karabiner bis zum Sturmgewehr 90. Silhouette als Ziel Das Ziel ist die kombinierte Feldscheibe B4, die eine menschliche Silhouette zeigt; die Disziplinen sind Einzelfeuer, Kurzfeuer, Schnellfeuer. 72 Punkte sind das Maximum, ab 70 gibt es die begehrte Stapfermedaille, ab 53 eine Anerkennungskarte. Seinen Ursprung hat das Feldschiessen im späten 19. Jahrhundert, als wegen schlechter Schiessergebnisse in der Armee ein – anfangs obligatorischer – ausserdienstlicher Anlass geschaffen wurde. Felix Gutzwiller, Ständerat und Oberst im Stab des Oberfeldarztes, nimmt an diesem Morgen zum dritten Mal am Feldschiessen teil. Er besucht zusammen mit weiteren Honoratioren verschiedene Schiessplätze im Bezirk Affoltern. «Zwischen 40 und 50 Punkte» seien ihm gelungen, erinnert sich der FDP-Politiker, dessen sportliche Vorliebe eher dem Velofahren und dem Fitnessprogramm Tae Bo gilt. Mit seinem Resultat von 41 verpasst er zwar die Anerkennungskarte, doch über einen «glatten halben Tag auf dem Land» freut er sich trotzdem.Nachdem die Ehrengäste weiter Richtung Obfelden und Mettmenstetten gezogen sind, wird es ruhiger in Aeugst. Gut 30 Schützen werden bis zum Nachmittag gezählt, was vielleicht auch am stetig besseren Wetter liegt. «Zu schön ist nicht gut für die Teilnehmerzahl», sagt einer, der schon lange dabei ist, «dann gehen die Bauern aufs Feld, und die Väter verbringen den Tag mit ihrer Familie.» Plus an Ehrenmitgliedern Das Wetter ist indes nicht das einzige Problem des Schiesssports in der Agglomeration. Nur noch 15 aktive Schützen zählt der älteste Verein in Aeugst; er ist nicht der einzige in der Gegend, bei dem die Zahl der Ehrenmitglieder jene der Aktiven weit übersteigt. Früher sass die Dorfgemeinschaft nach dem Fest bis 3 Uhr morgens zusammen, heute bleibt nur der harte Kern länger im Schützenhaus. Die Grundstückspreise sind in den letzten Jahrzehnten von 2.70 Franken pro Quadratmeter auf bis zu 1000 gestiegen, es gibt viele Neuzuzüger, die am Leben im Dorf kaum teilnehmen. Reduzierter Lärm Der Schiessverein hat sich den Umständen angepasst. Dass wie heute an einem Wochenende geschossen wird, ist die Ausnahme – meist wird die Schützenstube für 250 Franken pro Tag an Private vermietet. Um den Lärm für die Umgebung zu reduzieren, wurden Tunnel zur Dämmung des Mündungsknalls installiert. Und von der meistgebrauchten Waffe, dem 90er-Sturmgewehr, sollen die Nachbarn bis zum Einschlag des Projektils nur noch ein leises Zischen vernehmen. Auch das grösste Schützenfest der Welt unterliegt diesem strukturellen Wandel, will nicht mehr wie einst Demonstration des Wehrwillens sein, sondern Schaufenster für den Schiesssport. Nicht nur Felix Gutzwiller kann bezeugen, dass dieser Sport schon anspruchsvoll genug ist. Feldschiessen am Samstagmorgen – im kleinen Kreis und durch eine Lärmreduktionsröhre. Foto: Michael Trost

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