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Liebeserklärungen an den Thurgau

Die kleine Geschichte Der Kanton versucht, mit einer neuen Imagekampagne Zürcher anzulocken. Historiker sprechen von einem «ereignisarmen Landstrich». Und auch das Bild, das die übrige Schweiz vom Thurgau hatte, war lange Zeit nicht viel besser: Was auf der landwirtschaftlich geprägten und sanft geschwungenen Landschaft zwischen Bodensee und Alpstein passierte, interessierte schon in Zürich oder im Aargau niemanden mehr. Dafür fehlt eine Stadt, die über die Region hinausstrahlt. Und auch die Thurgauer Politik sorgte selten für Skandale oder Schlagzeilen. Meist setzte man in Frauenfeld brav um, was in Bern befohlen wurde. So war es denn keine Überraschung, dass der Thurgauer Regierungsrat vor einigen Jahren ins Grübeln geriet und den Beistand von Marketingexperten suchte. Mit jährlich wiederkehrenden Imagekampagnen, wie sie noch kein Kanton zuvor lanciert hatte, wollte man der übrigen Welt und vor allem den benachbarten Zürchern zeigen: Wir haben mehr als ein paar Obstbäume! Abwechselnd wurden die tiefen Bodenpreise, die «erfrischend anderen Ideen» oder die «Mehr-Sicht» auf den Bodensee gepriesen. Bald wusste auch in Winterthur jeder: In Mostindien sind die meisten im Saft. Die Kritik, dass man trotz Millionen aus den Töpfen des Finanzausgleichs die Frechheit habe, dem Nachbarn mit so durchsichtigen Kampagnen gute Steuerzahler abzuwerben, liess man unbeirrt an sich abprallen. Und auch der Frage, wer denn die guten Strassen und Schienen in den Thurgau baue, begegnete man mit Desinteresse.Die Wogen haben sich in der Zwischenzeit wieder geglättet. Aber die Thurgauer tun es auch in diesem Jahr wieder: Ab nächster Woche werden im Grossraum Zürich Plakate hängen, welche die Schokoladenseiten des Kantons zeigen. «Ich mag ihn . . .», bekennen sich Mister Schweiz Luca Ruch (Frauenfeld) oder Hackbrettvirtuose Nicolas Senn (Romanshorn), malen einen roten Apfel aufs Plakat und meinen natürlich den Thurgau. Ruch, gemäss Kampagne der schönste Wirtschaftsstudent der Schweiz, versprach gestern bei der Lancierung in Frauenfeld: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich irgendwann mal irgendwo anders lebe.» Es sei einfach zu schön im Thurgau. Senn schätzt an seinem Kanton, dass er Tradition mit Moderne verbindet. Solche Bekenntnisse freuen die Regierung. Weil sie auch gegen innen wirken sollen, werden die Plakate neuerdings auch im Thurgau selber aufgehängt. Das macht auf den ersten Blick vielleicht stutzig, doch wer sich mit den Besonderheiten Mostindiens auskennt, weiss: Die Suche nach einer gemeinsamen Identität ist in einem Kanton ohne Gravitationszentrum nach wie vor ein schwieriges Unterfangen. Die einzelnen Regionen wollen voneinander nicht viel wissen und gehen meist fremd: Die Oberthurgauer orientieren sich an St. Gallen, die Kreuzlinger an Konstanz, und die Frauenfelder schielen nach Winterthur. Solches muss die auswanderungswilligen Zürcher jedoch nicht kümmern. Viel wichtiger für sie ist: Der Kanton bietet gemäss Eigenwerbung nicht nur unbebaute Landschaften, er macht auch wirtschaftlich ständig Boden gut. Im Steuerranking, bei der Ansiedelung von neuen Unternehmen, bei den Verwaltungskosten oder bei der interkantonalen Zuwanderung. Mit diesem Aufwärtstrend legen die Thurgauer mittlerweile auch einen Teil ihrer fast schon angeborenen Zurückhaltung und Bescheidenheit ab. Regierungspräsident Kaspar Schläpfer sagt, ohne mit der Wimper zu zucken: «Der Thurgau war noch nie so attraktiv wie heute.» Dies zeigt sich beispielsweise auf dem Stellenportal der kantonalen Wirtschaftsförderung, das den derzeitigen Fachkräftemangel ziemlich genau widerspiegelt. Hunderte von Jobs sind ausgeschrieben. Also, liebe Schweissfachingenieure, Autolackierer oder Primarlehrerinnen, packt die Koffer, und macht euch auf in den Thurgau! Gut möglich, dass ihr an der übernächsten 1.-August-Feier in Steckborn oder Wigoltingen aus vollen Kehlen «O Thurgau, du Heimat» singt. Jürg Ackermann «O Thurgau, du Heimat»: Hackbrettspieler Nicolas Senn.

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