Zum Hauptinhalt springen

Man wähnt sich im falschen Film

Michael Widmer

Ganz Grosses Kino haben uns die Schweizer Behörden diese Woche geliefert. Der weltweit bekannte und gefeierte Regisseur Roman Polanski wurde am Zürcher Flughafen verhaftet. Die Story bietet alles, was den geneigten Kinogänger im Normalfall begeistert: ein Star hinter Gittern. Ein Star, der tief fällt. Ein Star, der auch nur ein Mensch ist. Schockierte Fans. Tieftraurige Bewunderer. Erzürnte Berufskollegen und Politiker. Eine knüppelharte Justiz, die trotz Widerständen keine Unterschiede macht. Peinlichkeiten, Hoffnung und Drama. Das Einzige, was dieser Geschichte fehlt, ist eine Prise Humor. Tatsächlich gibt es nichts zu lachen.Besonders eine Darstellerin, für die eigentlich eine Nebenrolle vorgesehen war, steht in einem etwas grellen und schiefen Licht: die Schweiz. Der Fall Polanski ist primär eine Sache zwischen der US-Justiz, dem Regisseur, Frankreich und Polen. Nachdem Polanski 1977 eingestanden hatte, in Los Angeles eine 13-Jährige sexuell missbraucht zu haben, der Fall dann aber doch nicht abgeschlossen wurde, flüchtete er 1978 aus den USA nach Frankreich. 1933 als Raymond Liebling in Paris geboren, hatte der jüdische Filmemacher 1975 die französische Staatsbürgerschaft erhalten, welche ihn nun vor einer Gefängnisstrafe bewahrte. Auch in Polen hatte er nichts zu befürchten. Weil die Eltern mit dem dreijährigen Sohn nach Krakau gezogen waren, wurde er später auch Staatsbürger Polens. Polanski schützen internationale Verträge, wie sie auch die Schweiz kennt: Landsleute werden nicht an andere Staaten ausgeliefert. Normalerweise wird den Gesuchten in ihrem Heimatstaat allerdings dann doch der Prozess gemacht, sofern die begangene Tat nach nationalem Recht gesühnt werden kann. Warum also blieb Roman Polanski in Paris und Warschau seit Ende der 70er-Jahre unbehelligt? Weil er ein Starregisseur war und berühmte Leute nichts zu befürchten haben? Wohl kaum. Zum einen ist es nicht ganz so einfach, einen solchen Prozess durchzuführen. Das Verfahren kann wegen der grossen Distanz, auf Grund von fehlenden Beweisen oder wegen Problemen beim Ersuchen von Rechtshilfe erschwert sein. Die USA haben bei Polanski ja stets auf die Anwesenheit des Angeklagten vor ihren Gerichten gepocht. Neben simplen technischen Gründen ist da aber auch noch eine politische Dimension. Die persönliche, familiäre Geschichte Polanskis ist eng mit einer heiklen geschichtlichen Phase Frankreichs und Polens verbunden. Ein Prozess hätte Ende der 70er-Jahre grosses öffentliches Interesse geweckt und ein politisches Risiko darstellen können. Den politischen Aspekt hat die Schweiz beim Entscheid, Roman Polanski festzunehmen, nur am Rande einbezogen. Aus rechtlicher Sicht ist das Vorgehen absolut korrekt: Der Mann hat seine Tat gestanden, ein Urteil steht noch aus, es gibt einen internationalen Haftbefehl, gar einen konkreten Haftbefehl für Zürich, einen Auslieferungsvertrag zwischen der Schweiz und den USA. Diplomaten bemängeln aber zu Recht, die Schweiz sei mit der Verhaftung ein Risiko eingegangen. Das Justiz- und Polizeidepartement hat dem Vernehmen nach gehandelt, ohne das Aussendepartement in den Fall einzubeziehen. Das mag aus juristischer Sicht korrekt sein. Doch aus politischer Sicht ist es nur schwer nachvollziehbar. Bei den zuständigen Experten in der Justizabteilung hätten beim Namen «Roman Polanski» alle Alarmglocken läuten müssen. Nicht, weil der Mann ein Star ist. Sondern, weil die Verhaftung dieses französisch-polnischen Doppelbürgers mit heikler Vergangenheit für die Schweiz auch eine politische Dimension hat. Zumal sie das Recht im Interesse der USA vollzog und einen offiziell eingeladenen Gast festnahm. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, wenn die Justizministerin erst am Abend vor der Festnahme und die Aussenministerin gar nicht ins Bild gesetzt wird. Die Meinungen der Diplomaten aus dem Aussendepartement wären in dieser Sache relevant gewesen. Die Schweiz hätte auf politischer Ebene eine Güterabwägung vornehmen müssen. Andere Staaten, in denen sich Polanski die letzten Jahre aufhielt, haben offenbar nicht nur die juristischen Herausforderungen gescheut, sondern auch die politischen Konsequenzen gewichtet. Wie ist es sonst zu erklären, dass Polanski trotz internationalen Haftbefehls in Europa Filme drehen oder Ferien geniessen konnte? Die Schweiz hätte die Aktion in Zürich nicht durchführen müssen. Es gibt international keine direkte Möglichkeit, ein Land zu belangen, das einem zwischenstaatlichen Abkommen nicht Folge leistet. Das Bundesamt für Justiz hätte die US-Behörden betreffend den Haftbefehls für Polanski also nicht kontaktieren müssen. Unser Land hätte sich passiv verhalten können, wie die Jahre zuvor auch. Wer einwirft, da werde mit zweierlei Ellen gemessen, und sich über die Ungleichbehandlung von Stars und Fussvolk mokiert, der sollte zweierlei bedenken: Es geht in der Diplomatie nicht darum, Berühmtheiten zu schützen, sondern die Interessen der Schweiz zu sichern sowie Schaden von der Schweiz und ihren Bürgern abzuwenden. Der Fall Ghadhafi zeigt eindrücklich, wie man auf internationalem Parkett mit einem rein juristischen Vorgehen Nachteile für ein ganzes Land einfahren kann. Juristisch ist das Vorgehen der Schweiz mit Hannibal Ghadhafi in Genf korrekt, politisch ein Desaster. Die Länder der Welt setzen ihre Interessen teils mit massivem diplomatischem Druck durch. Im Februar haben die USA von der Schweiz die Daten von amerikanischen Bankkunden erhalten, obwohl rein juristisch bislang nicht klar ist, ob diese die Steuerbehörden ihres Landes hintergangen haben. Zumindest sei hier festgehalten, dass für die Schweiz auf Grund der Verhaftung Polanskis bisher gravierende politische Konsequenzen ausgeblieben sind. Frankreich und Polen buchstabieren nach ersten emotionalen Reaktionen zurück. Bleibt es dabei, kommt Bundesbern mit einem blauen Auge davon. Und trotzdem müssen die Bundesräte und ihr Departement dringend über die Bücher. In den letzten Wochen fiel einmal mehr auf, wie sie sich öffentlich widersprechen und ihre eigenen Gärtchen pflegen. Man wähnt sich zeitweise im falschen Film. Das war bei Ghadhafi so, das war beim UBS-Deal so, das ist bei Polanski so. Gefordert ist mehr Absprache und zumindest Einigkeit gegen aussen. Schliesslich steht nichts weniger auf dem Spiel als eine zentrale Errungenschaft: der exzellente Ruf einer stabilen und souveränen Schweiz in der Welt. michael.widmer@bernerzeitung.ch>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch