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«Mein Traum ist, ein Jahr mit Urvölkern zuleben»

Anders Eldebrink hat die Kloten Flyers an die Spitze geführt. Doch für den Schweden gibt es auch ein Leben jenseits des Rinks.

Anders Eldebrink Persönlich Geboren am 11. Dezember 1960 in Södertälje (Sd). Geschieden, lebt mit seiner neuen Partnerin Agneta. Zwei Söhne: Tim (20) und David (26). Erfolge als Spieler Dreimal Schweizer Meister mit Kloten (1993 bis 95), schwedischer Meister mit Södertälje (1985), Stanley-Cup-Final mit Vancouver (1982), WM-Gold (1987), Olympiabronze (1988). Erfolge als Trainer Olympiasieger mit Schweden (2006, als Assistent), Playoff-Final mit Kloten (2009). Mit Anders Eldebrink sprachen Simon Graf und Silvan Schweizer, Kloten Anders Eldebrink, bei den Flyers läuft fast alles perfekt. Was müssen Sie als Trainer tun, um die Mannschaft immer wieder zu stimulieren? Die beste Stimulation geschieht innerhalb des Teams. Wenn einer seinen Job nicht macht, muss ihn ein anderer stupsen und sagen: Hey, was machst du? Komm, arbeite wieder härter. Die Spieler müssen einen positiven Druck aufeinander ausüben. Das ist besser, als wenn ich es sage oder Fige (Hollenstein). Wir sind auf Rang 1, das ist schön, doch es ist erst die Hälfte der Qualifikation gespielt. Aber natürlich tun die Punkte gut, so können wir ruhig arbeiten, ohne Stress junge Spieler integrieren. Hat das Team Sie überrascht? Ja, das hat es. Was mich überrascht hat, ist, wie konstant es über eine lange Zeit gespielt hat. Wir haben inklusive Vorbereitung erst 6 Spiele verloren, 6 von 35. Das ist nicht so schlecht. Aber wir wollen den Titel. Denken Sie noch ans siebte Finalspiel gegen den HCD 2009? Ja, das war schade. Wir waren spielerisch besser. Aber die Davoser hatten etwas mehr Erfahrung in so grossen Spielen. Sie waren cleverer. Wir hatten viele Chancen, hätten mehr Tore schiessen müssen. Aber ich habe grossen Respekt vor den Davosern. Wenn alle gesund sind, ist der HCD für mich auch diesmal Favorit. Sie schätzen ihn höher ein als Bern? Bern und Zug sind auch stark. Auch Zürich hat viel Potenzial. Aber Davos hat viele Torschützen und viel Energie im Spiel, das ist eine gute Kombination. Was macht mehr Spass, Spieler oder Trainer in Kloten zu sein? Wir hatten eine gute Zeit, als ich Spieler war, einen ausgezeichneten Zusammenhalt im Team. Und wir haben gutes Eishockey gespielt. Aber ich habe auch Freude am Trainerjob, pflege zu allen ein gutes Verhältnis. Mit Fige sowieso, den Spielern, dem Staff, Tomas (Tanfal), dem Trainer der Elitejunioren. Sicher ist: Es bedeutet mehr Arbeit, Trainer zu sein. Wie äussert sich das? Man muss mehr denken, vorbereiten, vorhersehen, was passieren könnte. Die Gedanken kreisen fast immer ums Eishockey, ums nächste Spiel. Es ist eine komplexe Arbeit. Man muss dafür sorgen, dass alle Freude haben. 25 Spieler, der Vorstand, sogar die Journalisten. (lacht) Wichtig ist, dass man versucht, die Spieler zu verstehen. Sie ticken anders als wir früher. Sie sitzen im Bus mit dem iPod oder schauen auf dem Laptop einen Film. Wir sprachen noch miteinander. Für mich ist wichtig, dass die Spieler Freude haben, wenn sie zur Eishalle kommen. Und in Ruhe arbeiten können. Ich will, dass sie das Vertrauen spüren und wissen, woran sie bei mir und Fige sind. Für mich ist ein guter Trainer, wer ein gutes Herz und eine feste Hand hat. Können Sie neben dem Eis gut abschalten? Ja, das mache ich gut. Viele Trainer haben nur Eishockey im Kopf. Ich habe viel Eishockey im Kopf, aber auch anderes. Es ist gut, andere Dinge zu tun. Aber natürlich ist man nach der Saison müde. Sie sagen, Sie hätten fast zu viele Hobbys. Wie ist das zu verstehen? Als ich von der Schweiz nach Schweden zurückkehrte, fuhr ich eine Harley-Davidson. Ich spielte Golf. Jagte, fischte, spielte Tennis. Das war zu viel. Jetzt konzentriere ich mich auf Jagen und Fischen. Es ist wichtig, dass man Hobbys hat. Fige hat die Hunde. Wenn er in die Halle kommt, strotzt er vor Energie. Es ist egal, was man tut. Man kann auch Briefmarken sammeln. Das gilt auch für die Spieler. Man kann nicht nur immer in der Kabine sitzen und über Eishockey sprechen. Nach Ihrer Rückkehr nach Schweden traten Sie auch in einer TV-Serie auf. Wie lief das genau ab? Es waren drei Episoden von einer Stunde. Ich war der Mentor des Protagonisten, der 27 Jahre alt war, in einer Lastwagenfabrik arbeitete und in einem Unihockeyteam spielte. Er hatte immer Probleme, mit der Freundin, der Arbeit. Ich gab ihm Tipps, trat in einem Hockeyleibchen auf. Diese Staffel wurde schon dreimal ausgestrahlt, 2002, 2004 und 2007. Ich hatte mich nicht aufgedrängt, wohlgemerkt. Als mich der Regisseur anfragte und sagte, ich würde für diese Rolle gut passen, sagte ich zuerst ab. Als er mich später wieder anrief, sagte ich: Okay probieren wir es. Es war eine gute Erfahrung. Ich erschien ungefähr zwölfmal in dieser Serie, wie ein Engel aus den Wolken trat ich auf und sprach zum Hauptdarsteller. Ich habe die Videos zu Hause, meine Söhne schauen sie ab und zu an. Sie wirken schon elf Jahre in der Schweiz als Spieler und Trainer.Was gefällt Ihnen hier? Die fünf Jahre in Kloten waren die besten meiner Spielerkarriere. Deshalb sagte ich sofort zu, als mich Peter Lüthi fragte, ob ich als Trainer kommen wolle. Welche Erinnerungen haben Siean die Duelle mit Fribourg? Wir hatten einen starken Block mit Fige, Micke (Johansson), Limi (Wäger) und Daniel Sigg. Micke und ich spielten in jedem Einsatz gegen Bykow und Chomutow. Micke mehr gegen Bykow, ich gegen Chomutow. Und Fige und Limi warteten auf die Konter, waren ausgezeichnet im Abschluss. Wir gewannen die Pucks in der Ecke und lancierten sie. Haben Sie noch Kontakt mit Bykow? Natürlich, an der WM in Bern sahen wir uns. Ich war auch an seinem Abschiedsspiel in Freiburg. Er ist ein guter Typ. Schade ist nur, dass er nicht mehr so gut auskommt mit Chomutow. Ich sagte ihm, er solle doch seinen Stolz vergessen. Was ist der Unterschied zwischen dem Eishockey von damals und heute? Es ist viel schneller heute. Die Schüsse sind härter, auch dank der neuen Stöcke. Und es gibt viel mehr Checks, auch gefährliche gegen den Kopf. Der Respekt hat abgenommen. Wenn ein Spieler zur Bande steht, wird er oft attackiert. Auch an der Bande hat der Respekt abgenommen. Was halten Sie davon, wie Zug-Trainer Shedden den Davoser Coach Del Curto beleidigte? Ich habe es nicht gehört, nur in der Zeitung gelesen. Aber man muss schon sehen: Davos spielt manchmal sehr respektlos, Spieler wie Forster oder Joggi. Auf eine gewisse Weise verstehe ich Shedden. Aber natürlich sollte man das nicht via Presse abwickeln. Sind Sie manchmal auch so emotional nach dem Spiel? Manchmal schon. Aber anders. Ich rege mich vielleicht über die Schiedsrichter auf. Aber ich gehe nicht in den Clinch mit anderen Trainern. Und ich mache keine Show. Nicht wie Del Curto. Was meinen Sie mit Show? Dass man an der Bande herumschreit. Die Spieler machen die Show. Die Leute kommen, um die Spieler zu sehen. Nicht den Trainer. Sie sagten, das Schweizer Eishockey sei Ihnen zu kanadisch geprägt. Mögen Sie die Kanadier nicht? Ich habe nichts gegen die Kanadier. Aber ich finde, es tut einer Liga gut, wenn in ihr verschiedene Philosophien gepflegt werden. In Schweden haben wir nur schwedische Trainer, das finde ich auch nicht gut. Es wäre besser, wir hätten noch zwei Kanadier, einen Arno Del Curto und einen Hans Zach. Als ich 1981 an meiner ersten WM in Göteborg erstmals auf die Sowjets traf und die mit einer beeindruckenden Schnelligkeit und Präzision spielten, öffnete das meinen Horizont. Und dann folgten die Tschechen, die nur defensiv spielten und auf Konter lauerten. Und die Kanadier, die stets direkt aufs Tor fuhren. Ich traf auf drei, vier verschiedene Philosophien. Das war eine fantastische Erfahrung für mich. Vermissen Sie das Leben in Schweden manchmal? Dies ist nun schon mein 13. Jahr ausserhalb von Schweden. Zwei Jahre in der NHL, elf hier. Ich kann überall leben. Aber natürlich vermisse ich meine Söhne und meine Eltern. Und das Jagen. Aber sonst habe ich alles in der Schweiz. Per Internet kann ich alle Neuigkeiten aus Schweden erfahren, ich empfange schwedische TV-Sender. Als ich Spieler war, gab es noch kein Internet, kein Natel, man bekam nur wenig aus Schweden mit. Wie kann man sich das vorstellen, wenn Sie fischen oder jagen? Fliegenfischen gefällt mir sehr. Das tun ich und meine Partnerin jeweils einmal pro Jahr. Wir fliegen im Helikopter in Lappland an einen geeigneten Ort und lassen uns dort absetzen für eine Woche. Wir fischen die ganze Nacht, schlafen am Tag im Zelt, bringen Bier mit, vergessen die Zeit. Es ist unglaublich schön in Nordschweden oberhalb von Kiruna. Eine Woche in der Mitte des Niemandslandes, das ist wunderbar. Kein Natel, kein Computer, keine Verpflichtungen. Heute ist man jede Sekunde erreichbar. Das ist nicht nur ein Vorteil, sondern bedeutet auch viel Stress. Könnten Sie sich vorstellen, ein Jahr in der Natur zu leben? Absolut. Mein Traum ist, ein Jahr lang jeden Monat mit einem Urvolk zu leben. Mit einem Indianerstamm, den Aborigines, den Samen in Schweden, den Inuit. Lernen zu jagen, zu überleben, die Kultur kennenzulernen, das Denken dieser Leute. Sich vom Materiellen zu lösen. Sie feiern bald den 50. Geburtstag. Was bedeutet dies für Sie? Nichts Besonderes. Ich habe keine Midlife-Crisis. Ich achte darauf, dass ich mein Gewicht halten kann. Aber ich habe kein Problem mit dem Älterwerden. Ich arbeite noch fünf, sechs Jahre als Trainer, dann übernehme ich ein Juniorenteam und gehe oft jagen und in den Wald. Das ist mein Plan für die nächsten zehn Jahre. Am Tag, an dem ich 50 werde, spielen wir gegen Davos. Ich hoffe, dass Arno dem den gebührenden Respekt zollt. (lacht) «Die Spieler sitzen imBus mit dem iPod oder schauen auf dem Laptop einen Film. Wir sprachen noch miteinander.» «Ich arbeite noch fünf, sechs Jahre als Trainer, dann übernehme ich ein Juniorenteam und gehe jagen und in den Wald.» Spielerisch hat Anders Eldebrink mit den Flyers abgehoben, persönlich bleibt er auf dem Boden. Ein Ausflug mit dem Schweden auf die Aussichtsplattform des Flughafens Kloten.Foto: Reto Oeschger

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