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Mit eisernem Willen in die Klotener Hauptrolle

Als Victor Stancescu fünf war, flüchtete seine Familie aus Rumänien. 20 Jahre später ist er zum Captain der Flyers aufgestiegen.

Von Etienne Wuillemin, Kloten Das Jahr 1989 neigt sich dem Ende zu. Die Mauer in Berlin ist gefallen. Und in Rumänien kommt es zur Revolution. Die Armee verbündet sich mit den Demonstranten gegen das Regime von Nicolae Ceausescu. Am 25. Dezember wird der kommunistische Diktator erschossen. «Ceausescu hat Rumänien mit seinen irrwitzigen Ideen in den Ruin getrieben», sagt Victor Stancescu. Um unabhängig zu werden, wollte Ceausescu alle Staatsschulden zurückzahlen. «Darum wurden sämtliche wertvollen Güter exportiert», fährt Stancescu fort. «Für die Rumänen war es nicht mehr möglich, Fleisch zu bekommen – ausser Hühnerfüssen und Hühnerhälsen.» Stancescu flüchtete zusammen mit seinem Zwillingsbruder Tudor und seiner Mutter nach den Wirren der Revolution nach Hamburg. Endlich durfte Vater Constantin, der schon eine Weile in Hamburg lebte, seine Familie nachziehen. Fünf war Victor, als er Rumänien verliess. 20 Jahre später, eben zum Captain der Kloten Flyers ernannt, erinnert er sich im Zentrum von Kloten an die damaligen Gepflogenheiten. Der «liebe Vater» Ceausescu In Rumänien arbeiteten beide Eltern, «ein Lohn reichte für Wohnen und Heizen», die Kinder besuchten ab drei Jahren eine Tagesschule – und bereits dort wurde ihnen die kommunistische Lehre eingetrichtert. Das führte so weit, dass Klein Victor und Tudor eines Abends, als sie im Fernsehen Diktator Ceausescu erblickten, riefen: «Mama! Das ist unser grosser, lieber Vater, der schaut, dass es uns gut geht.» Den Eltern standen die Haare zu Berge. Trotzdem: Geprägt haben Victor Stancescu die Jahre in Rumänien nicht gross. Offen und stets mit einem Lächeln erzählt Stancescu von seinen Kindheitserinnerungen. Zum Beispiel, dass die beiden Brüder jeden Tag vor der Schule einen Löffel Nutella, das der Vater aus Hamburg geschickt hatte, naschen durften. Oder dass sie, in Hamburg angekomen, zu Bananenliebhabern wurden, «die gab es in Rumänien nicht». Immerhin: Das typisch rumänische Faible für feines (und viel) Essen hat auch Stancescu. Und Freundin Livia mag die vom leidenschaftlichen Koch Victor zubereiteten rumänischen Spezialitäten. Nachdem Vater Constantin einen Job in der Schweiz gefunden hatte, zügelten die Stancescus nach Zug, wenig später nach Dietlikon. In dieser Zeit schloss sich Victor der Juniorenabteilung der Kloten Flyers an. Bald schon, mit 16, folgte der Sprung in die erste Mannschaft. Sein erstes Spiel absolvierte er in jener Saison, als Felix Hollenstein seinen Abschied als Spieler gab. «Bei meinem Debüt auswärts gegen Lugano durfte ich im Bus neben ihm sitzen. Jeder Platz war besetzt, und ich hatte keine Ahnung, wohin ich sollte – da hat er mich zu sich gerufen.» Das Vertrauen von Hollenstein Zehn Jahre später ernannten Hollenstein und Eldebrink den torgefährlichsten Klotener der vergangenen Saison (23 Treffer) zum Captain. «Ich bin das Scharnier zwischen Team, Sportchef und Management. Zuständig für Fragen wie: Was ziehen wir an? Was und wann essen wir? Oder: Welche neuen Geräte brauchen wir im Kraftraum?» Stancescu interpretiert seine neue Rolle so, wie es sich für einen offenen, kommunikativen Menschen gehört: «Ich gehe auf die Spieler zu, versuche zu hören, was sie zu sagen haben, und leite das weiter.» Natürlich spreche er auch vor den Spielen zum Team, «aber das habe ich schon vorher getan». Hollenstein beschreibt seinen neuen Captain als «starken Charakter, der intelligent, ehrgeizig und humorvoll ist und alle seine Ziele mit einer beeindruckenden Konsequenz verfolgt». Das gilt für die Arbeit auf dem Eis, das gilt aber auch für das Leben neben dem Eis. In diesem November schliesst Stancescu sein Jus-Studium ab. Mit eisernem Willen setzt er sich jeden Morgen vor dem Training zwei Stunden hinter die Bücher. Am Nachmittag lernt er weitere vier Stunden. Diese Beharrlichkeit ist bewundernswert. Für Stancescu ist sie eine Selbstverständlichkeit. Erste Gedanken über die Zeit nach seiner Eishockeykarriere hat er sich bereits gemacht. Etwas mit Sportrecht oder Privatrecht soll es sein. Einmal Einzelrichter zu werden wie Reto Steinmann, kann er sich dagegen nicht vorstellen. «Da wäre ich wohl zu befangen als ehemaliger Klotener.» Vergangene Saison war Victor Stancescu der torgefährlichste Klotener, nun wurde der kräftige Stürmer zum Nachfolger des zurückgetretenen Captain Frédéric Rothen ernannt. Foto: Nicola Pitaro

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