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Mit Hirntraining gegen die Rechenschwächeta9999_mut.diskalkulie

Psychologen warnen vor der Lernschwäche Dyskalkulie und empfehlen Therapien.Andere kritisieren den Hang, rechenschwache Schüler zu Kranken zu ernennen.

Von Monica Mutti Noemi Fierz* besucht in Küsnacht die dritte Klasse. Mathe gehört zu ihren Lieblingsfächern. Das war nicht immer so, denn das Rechnen bescherte ihr und ihrer Familie einen langen Leidensweg: Kurz nach dem Eintritt in die erste Klasse wollte Noemi nicht mehr zur Schule. Sie sprach kaum noch, zog sich zurück. Die Lehrerin meinte, das wachse sich aus. Man versuchte es mit Konzentrationstraining, Neurofeedback, Homöopathie und schliesslich Ritalin. Es gab viel Streit in der Familie, schliesslich litt Noemi gar unter Angstzuständen. «Es war der Horror für uns alle», sagt die Mutter, Eva Fierz*, rückblickend. Als Ritalin keine Besserung brachte, suchte sie Hilfe im Kinderspital, und die Abklärung zeigte eindeutig eine schwere Dyskalkulie (siehe Kasten). Die Diagnose und zielgerichtete Dyskalkulietherapie brachten Erleichterung und Noemi die Gewissheit: «Ich bin nicht dumm.» Nach Monaten der Verunsicherung konnte sie ihr Selbstbewusstsein wieder aufbauen. Störung bleibt lange unerkannt Dass die Lernschwäche in Familien zu Extremsituationen führen kann, bestätigt auch Dr. Karin Kucian. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kinderspitals Zürich und Verfasserin einer Studie über Dyskalkulie. «Die Frustration bei Rechenschwäche kann zu Ängsten, Schulverweigerung und schweren Depressionen bis hin zur Suizidgefahr führen», sagt Kucian. Rechenschwäche sei genauso häufig verbreitet wie die Sprachstörung Legasthenie oder die Aufmerksamkeitsstörung AD(H)S. Etwa 6 Prozent aller Kinder seien betroffen. Weshalb Dyskalkulie kaum erforscht ist, kann sie nur vermuten: «Wenn jemand nicht gut lesen oder schreiben kann, fällt das rasch auf. Beim Rechnen kann man das eine Weile kaschieren, beispielsweise mit Auswendiglernen.» Die Studie zeigt, dass gewisse Hirnregionen bei dyskalkulischen Kindern beim Rechnen weniger aktiv sind als bei gesunden Kindern. Mit dem speziell entwickelten Training «Rette Calcularis» konnte die entsprechende Hirnregion aktiviert und die Rechenleistung signifikant gesteigert werden. Auch fünf Wochen nach Abschluss des Trainings waren die Resultate stabil. Mit einem weiteren Test soll nun überprüft werden, ob die Leistung auch über längere Zeit erhöht bleibt. Sobald die Resultate der Studie veröffentlich sind, soll «Rette Calcularis» für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dank Frühförderung im Kindergarten könnten gravierende Lernschwächen erkannt werden, bevor sie sich negativ auswirkten, sagt Melanie Grigoleit, Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes Meilen (SPD). So könne aber auch ein Trend entstehen, Kinder abzuklären, die sich nicht «der Norm» entsprechend entwickelten. «Wir können verunsicherte Eltern beruhigen oder bei Bedarf gezielte Fördermassnahmen einleiten.» Grigoleit empfiehlt, durch «Alltagsmathematik» positive Zahlenerlebnisse zu schaffen: «Kuchen backen macht Spass, und das Kind lernt Gewichts- und Mengenverhältnisse kennen. Sogar beim Aufräumen können Kinder Grössenverhältnisse lernen: Lange Stifte in die rote Schachtel, kurze in die blaue legen.» Nicht auf Kernfächer reduzieren Häufig finden Dyskalkulie-Abklärungen im SPD ab der 3. Klasse statt, wenn im Rechnen der 1000er-Schritt eingeführt wird. Bei diesen Zahlen reichen die Strategien wie zum Beispiel das Auswendig- lernen nicht mehr aus, und die Rechenschwäche wird offensichtlich. Christoph Daum, pensionierter Mittelstufenlehrer in Männedorf, stört sich am Trend, alles sofort zu pathologisieren: «Man darf die Fähigkeiten der Kinder nicht auf die Kernfächer reduzieren.» Natürlich könne man als Lehrer viel mehr Gelassenheit aufbringen als die besorgten Eltern, sagt Daum. «Womöglich ist an der Goldküste der Druck auf Lehrer und Schüler auch stärker als andernorts.» Eltern mit guter Bildung würden mehr individuelle Förderung erwarten und das Gespräch mit den Lehrern suchen. «Bitte fördern Sie meinen Sohn im Rechnen, das ist uns wichtig im Hinblick auf die Zukunft», hörte Daum kürzlich einen Vater zur Kindergärtnerin sagen – beim Räbelichtlischnitzen. * Namen von der Redaktion geändert.

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