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Moë, Noé, Zoë

Gerlinde Michel

Vor kurzem traf ich eine Bekannte, die soeben Grossmutter geworden war. Ich gratulierte ihr zum Enkelglück und fragte nach dem Namen des Kindes. Etwas verlegen meinte sie, man habe sie natürlich nicht konsultiert, sonst hiesse der Kleine jetzt nicht Moë, mit Doppelpunkt auf dem e. Da wisse ja kein Mensch, ob das ein Bub oder ein Mädchen sein solle, habe ihr Mann gebrummt. Aber freuen tue sie sich trotzdem. Seither sammle ich Vornamen von Neugeborenen. Die Namensevolution seit unseren eigenen Kindertagen ist eindrücklich. Als ich zur Schule ging, war ich die einzige in meiner Klasse mit einem exotischen Namen, und lange habe ich meinem Vater den Griff in Richard Wagners Mottenkiste übel genommen. Alle Freundinnen hiessen Ursi, Käthi, Vreni oder Susi, nur ich nicht. Dass die Lehrer meinen Namen als ersten aus einer Schar von 32 Kindern im Kopf behielten und mich alle Mitschüler mitleidig anglotzten, gefiel mir gar nicht. Heute wäre das anders, ich wäre ein unauffälliges Blümchen in einer bunten Wiese voller Aléas, Nur Sorayas, Yaëlles, Miro Ches, Meret Onnas, Atoms, Merlins und Numa Ilions und würde mich garantiert viel wohler fühlen. Erlaubt ist heute bei den Vornamen, was gefällt. Der Trend kommt, woher denn sonst, aus den USA. Hier blüht seit langem eine Freiheit bei der Namensgebung, die uns bis vor kurzem fremd war. So werden US-Girls etwa nach dem Geburtsort ihrer Mutter oder Grossmutter benannt, selbst wenn das in nicht überaus mädchenhaften Namen wie Rochester, Travis oder Truro resultiert. Bill Clintons Tochter heisst wie ein trendiges Londoner Quartier, seine Frau wie der Erstbesteiger des Mount Everest. Bei den Promis tönt es besonders kreativ. Angelina Jolies eigene und adoptierte Kinder heissen zum Beispiel Maddox (keltisch: wohltätig), Pax (lateinisch: Friede), Shilo Nouvel (hebräisch: friedvoll) und Zahara (arabisch: Blume). Der Musiker Bob Geldof verlegte sich eher aufs Lautmalerische und Alliterative, als er seine Kinder Pixie Froufrou, Fifi Trixibelle und Heavenly Hirani Tiger taufte. Nicht extrem erfinderisch, sondern in der Tradition der Königsdramen verhaftet blieb Michael Jackson, King of Pop, als er seine Söhne Prince Michael I und Prince Michael II nannte – fast wie bei Shakespeare, nur heissen dort die Protagonisten Henry und Richard. Seltener bei den juwelenbehangenen Promis doch vielmehr allgemein beliebt sind die Namen von Edel- und Halbedelsteinen für Mädchen, und all die Ambers, Rubys, Berylls, Diamonds, Opals und Jades würden zusammen mit den (tierischen) Pearls ganze Schatzkammern füllen. Eine hübsche Anekdote belegt, dass die Amerikaner in Sachen kreativer Namensgebung höchstens noch von den Chinesen übertroffen werden (zu China später mehr): Die Freundin einer Bekannten entschloss sich nach der sechsten Geburt zur Unterbindung; das letztgeborene Mädchen nannte sie sinnigerweise Theenda (poetisch für ‹Das Ende›). Zurück in die Schweiz. Die Variationen heutiger Vornamen folgt möglicherweise neuen Deklinationsregeln. Denn wie sonst kommt man von Chloë zu Zoé zu Moë zu Noë zu Noé zu Noël zu Noëlle zu Joëlle? Oder von Mio zu Nio zu Neo zu Nevio? Und wem das alles zu bunt wird, der mag sich damit trösten, dass die Hitparade der beliebtesten Vornamen nach wie vor erstaunlich konservativ ausfällt: Seit Jahren hält sich zum Beispiel die wohlklingende Laura weit oben, umgeben von den ebenso klangvollen Lara, Lena, Sara, Leonie, Nina, Anna, Elena, Alina und Lea. Bei den Buben sieht es ähnlich aus, denn Tim, Luca, Leon, David, Nico, Simon, Jan, Noah und Lukas kann man kaum als besonders exotisch bezeichnen. Und der besorgten Grossmutter, die sich nicht vorstellen kann, wie sich ihre gutschweizerische Enkelin Beyoncé Rindlisbacher mit ihrem Namen fühlen mag, möchte ich zuzwinkern: Sie wird sich wunderbar fühlen. Denn in der Bankreihe vor ihr sitzen Malina Manea Ramseier und Yakim Tschümperli, hinter ihr Eskil Jann Rothen und Taylor-Sue Amacher, neben ihr Madonna Gutjahr, Emel Sasyele, Gunasingham Chithaka und Ninoslav Kovacic. Lauter Indizien dafür, wie sehr die Schweiz mittlerweile Teil der weiten Welt ist, auch wenn das ein paar Miteidgenossen nicht so gerne sehen. Falls sich China, wie es viele Beobachter einschätzen, eines Tages zur Weltmacht Nr.1 entwickeln und dann weitgehend die globalen Trends bestimmen sollte, wird das auch für die Namensgebung Folgen haben. Die totale Freiheit wird Einzug halten, verzweifelnde Standesbeamtinnen hin oder her. Für unsere ungeschulten Ohren tönen die chinesischen Namen zwar alle ähnlich. Aber hinter den fremden Lauten verbergen sich die allerbuntesten aller Vorstellungswelten, halbe Biografien bis hin zu eigentlichen Lebensprogrammen. Es gibt Chinesinnen und Chinesen, die tragen stolz den Namen IPhone, Stahl, Mädchen-Nummer-Zwei, Aufbau des Landes, Teil-der-Seele-meines-Vaters, Rot, Hundekacke, Armee, oder Sterne-Mond-Meer. Goethe und sein Faust, der seinerzeit noch sinnierte, «Name ist Schall und Rauch», sind hier endgültig weg vom Fenster. E-Mail: g.michel@hebamme.ch redaktion-bo@bom.ch>

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