Zum Hauptinhalt springen

«Murder Ballads» in Bern: Maulhelden im Bluteimer Das Tonhalle-Orchester wagt sich an Bach heran Kriege, Bordelle und die freie Wahl Erst stürmischer Empfang, dann Buh-Rufe für «The Fall»

Kurz & kritisch Theater Bern, Stadttheater Bern – Bodycount am Schluss: 74 menschliche Opfer, dazu der Hund und zwei weitere, nicht namentlich genannte Tiere sowie eine unbekannte Anzahl Bewohner eines in Brand gesteckten Slums. Und doch kein einziger Tropfen Blut auf der Bühne. Das Stadttheater Bern hat am Samstag Abend «Murder Ballads» angerichtet, mit den Liedern des gleichnamigen Albums von Nick Cave und Texten von Rebekka Kricheldorf (TA vom Freitag). Herausgekommen sind Schauergeschichten, für die man keine allzu starken Nerven braucht – der «blutige Abend» ist auch ein bunter. Er mutet einem weder den Blick in den Abgrund einer Mörderseele zu noch eine Auseinandersetzung mit der Welt draussen vor der Tür der in Sägemehl halb versenkten Bar auf der Bühne. Hier gibt unter anderem ein Irrer den «Song of Joy», er handelt von einem Mann, der eines Nachts heimkommt, seine Frau und seine drei Töchter abgestochen findet und seither vom Schrecken verfolgt durchs Land streift. Dann und wann ein Gänsehautmoment, aber meistens ist es lustiger, als man gedacht hätte. Während Nick Cave seine Balladen fast durchwegs in eine düsterromantische Innigkeit, ja Innerlichkeit tunkt, gewinnt man ihnen hier, unter der Regie von Erich Sidler und der musikalischen Leitung von Michael Frei, eine neue Seite ab: das Showformat. Dafür sorgen auch Los Hermiolos, die Theaterband, die hinten in der Bar zu Werke geht. Vorne an der Rampe merkt man derweil, dass nicht alle Schauspieler auch gleich gute Sänger sind; geschätzte fünfzig Prozent der Liedtexte gehen auf dem Weg zum Publikum verloren. Macht aber nichts: Es geht ums Gefühl, um dieses Schmachtfetzengefühl. Daniel Di Falco Klassik Zürich, Tonhalle – Die sechs Brandenburgischen Konzerte von Bach sind über die letzten Jahrzehnte praktisch restlos zur Domäne spezialisierter Barockensembles geworden. Und diese sorgten für teilweise höchst aufregende Einspielungen: Mit ungestümer Virtuosität, extremen Tempi und exakt austarierter Balance legte etwa die Musica Antiqua Köln mit Reinhard Goebel bereits 1986 einen atemberaubenden Markstein in diese Richtung, viele weitere folgten. Auf den Programmen traditioneller Sinfonieorchester findet man diese Konzerte hingegen kaum mehr. Dafür verantwortlich ist nicht nur der allgemeine Trend, Musik des 18. Jahrhunderts spezialisierten Klangkörpern zu überlassen, sondern auch die Tatsache, dass ein traditionelles Sinfonieorchester, dem jeweils rund drei Proben zur Einstudierung eines Programms reichen müssen, kaum auf Augenhöhe mit einem Spezialensemble mithalten kann, das auf monatelange Erfahrungen zurückgreifen kann. Das Tonhalle-Orchester Zürich ist nun aber das Wagnis eingegangen: Es hat Giovanni Antonini zu einem Abend mit allen sechs Brandenburgischen Konzerten eingeladen – und das Wagnis hat sich gelohnt, wenn auch gelegentlich deutlich wurde, warum es eben ein Wagnis ist. Bei aller individuellen Klasse geriet etwa im Konzert Nr. 1 die Koordination mehrfach in Schieflage und die Balance zum Zufallsprodukt. Ungute Ahnungen zerstreuten sich aber rasch, packend artikulierte Motorik durchzog etwa das Konzert Nr. 3, dunkel verzahnt ertönte der unvergleichliche Klang des Konzerts Nr. 6 (das zugunsten von zwei Gamben auf die Violinen verzichtet), und ein regelrechtes Farbenfest entzündete sich schliesslich im Konzert Nr. 4, als Antonini selbst zur Blockflöte griff. Tobias Rothfahl Theater Basel, Theater – Im kalifornischen Salinas-Tal haben die Siedler dem Dreck bereits zwei spiegelgleiche Strassenseiten abgerungen. Rechts sehen wir das Wohnhaus von Adam Trask und seinen Söhnen, im Hintergrund ein Öltürmchen, und links das kulturelle Zentrum dieses neuen Landes, das Bordell. So sieht es aus, das «Land der freien Wahl», in «Jenseits von Eden», einer Familien-Saga nach John Steinbecks gleichnamigem Roman von 1952. Anders als Elia Kazan in seiner berühmten Verfilmung mit James Dean erzählen die Autorin Ulrike Syha und der Regisseur Peter Kastenmüller alle vier Teile des dicken Buches – von der Rückkehr des alten Cyrus Trask aus dem amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Tod seines Enkels Aron im Ersten Weltkrieg. Dreh- und Angelpunkt bleibt aber Adam Trask, den Vincent Leittersdorf beeindruckend zeigt als Spielball von Naturen und Mächten, die er bis zum Ende nicht verstehen wird. Ausgerechnet dieser Melancholiker ist die einzige Figur, die mit epischem Atem die Epik des dreieinhalbstündigen Abends bedienen darf. Die anderen Schauspieler legen erst am Schluss ihre Ironieroutinen ab und zeigen etwas, das an verbindliche Figurenbeziehungen erinnert. Das soll wohl die Pointe sein: Erst als sie auf ihre Lebenslügen und jahrzehntealten Verstrickungen blicken, erkennen sich die Trasks überhaupt als Familie. Nur, eine Pointe ist kein Amerika-Porträt – und das möchte dieser Abend zu sehr sein. Jedenfalls offenbart sich zwischen Western-Parodien, Videos, Cheerleader-Gesängen («Yes I Can») und ein paar Gedanken über das Verhältnis der USA zu Europa nicht viel mehr als das Amerika-Klischee schlechthin: Oberflächlichkeit. Christoph Fellmann Konzert Winterthur, Salzhaus – So schnell kann eine Stimmung kippen. Als Mark E. Smith zum pumpenden Beat seiner Band The Fall die Bühne betritt, bejubelt das Publikum den 53-jährigen Engländer wie einen einheimischen Volkshelden. Als er sich aber nach einem Dutzend Songs wieder in den Backstage-Bereich des mässig belegten Salzhauses verzieht, ist die Begeisterung vereinzelten Buhrufen gewichen. Dieser Umschwung liegt an der Kürze des Sets und dessen abruptem Ende: Nach der Wucht, die Gitarren, Schlagzeug und Synthesizer erzeugt haben, gleicht der Abgang einem kollektiven Coitus interruptus. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist Smith Alleinherrscher über The Falls Geschicke. Mit einer dubiosen Personalpolitik hat er es geschafft, dass die stets wechselnden Besetzungen mit der Angriffslust von Dilettanten spielen. Das müssen sie auch: Ohne die entsprechende Eckigkeit würde The Falls verwinkelte Mischung aus Krautrock und Dada-Poesie so ungeniessbar wirken wie Free Jazz. Die Anstrengungen der aktuellen Begleiter täuschen aber nicht darüber hinweg, dass Smith in Winterthur das schwächste Glied im Bandgefüge ist. Etwas unbeteiligt wandert der missmutige Patriarch auf der Bühne umher, und falls er je in den Zuschauerraum blickt, verweigert er der Pogo tanzenden Menge den Augenkontakt. Ein gewisser V-Effekt hat bei Mark E. Smith Tradition, aber an diesem Abend ist seine Unnahbarkeit eher störend als spannend. Der Chef markiert bloss noch den Clochard, auf den die übrigen Musiker beinah verzichten könnten – wäre Smith nicht der Garant dafür, dass wo The Fall draufsteht, auch The Fall drin ist. Nick Joyce Bunter Abend ohne Blut: «Murder Ballads».Foto: Anette Boutellier, Keystone

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch