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Neue Sitten in Frankreich

Noch ein französischer Politiker ist gestürzt. Er trat wegen sexueller Belästigung zurück.

Von Oliver Meiler, Marseille In Frankreich scheinen nach der Sexaffäre um Dominique Strauss-Kahn alte Gewissheiten zu wanken. Soziologen reden bereits vom bevorstehenden Ende einer kulturellen Ausnahme. Am Sonntag hat der bürgerliche Politiker Georges Tron (53), Staatssekretär im Ministerium für öffentlichen Dienst, seinen Rücktritt erklärt. Zwei frühere Mitarbeiterinnen, beide Mitte 30, hatten vor einigen Tagen Anzeige erstattet gegen den Bürgermeister von Draveil, einer Kleinstadt bei Paris. Tron, der sich als Fussreflexzonentherapeut ausgibt und eine Schwäche für Frauenfüsse hat, soll sie mehrmals massiv sexuell belästigt haben. Eine der Frauen sagte aus, der Politiker habe sie zu sexuellen Spielen gedrängt – zuweilen auch mit einer Gespielin aus der Stadtverwaltung. Beide Frauen beteuern, dass sie in der Verzweiflung versucht hätten, Selbstmord zu begehen. Nicht mehr tragbar Tron streitet die Vorwürfe ab. Er wähnt sich als Opfer einer angeblichen Revanche seiner politischen Gegner, die nach der Affäre um Dominique Strauss-Kahn einen bürgerlichen Politiker verleumden wollten. Doch auch der Innenminister gelangte nach der Prüfung des Dossiers und der Anhörung zu einem weiteren Fall zum Schluss, dass Tron, der erst seit kurzem dem Kabinett angehört hatte und kein sehr prominentes Mitglied war, nicht mehr tragbar sei. Trons schneller Sturz mutet viele Franzosen wie ein Nachweis dafür an, dass nach der spektakulären Affäre um DSK ein Tabu bröckelt: Das konzertierte, öffentliche Schweigen rund um das nicht immer sehr statthafte Privat- und Sexleben der Politikerkaste, das bisher immer als Errungenschaft der liberalen bis fröhlich sittenlosen Republik galt (vor allem unter Männern), erscheint nach den jüngsten Ereignissen nicht mehr ganz so harmlos. Die Rede ist nicht mehr nur von Charmeuren und Verführern, wie sie die Politik überall benutzt, sondern von Nötigung oder gar Vergewaltigern, die ihre Macht missbrauchen, um ihre sexuellen Triebe zu befriedigen.Die beiden Frauen, die Georges Tron anklagen, haben ihren Mut offenbar erst in den letzten zwei Wochen gefasst – ermuntert von der Courage der 32-jährigen Hotelangestellten des New Yorker Sofitel. Mut dürften sie aber auch aus den vielen Talkshows am französischen Fernsehen geschöpft haben, in denen berühmte Frauen ihren Ärger über die sexistische Berichterstattung im Fall DSK kundtaten. So waren viele männliche Intellektuelle wie Bernard-Henri Lévy oder Jack Lang und Politiker dem gefallenen Direktor des Internationalen Währungsfonds zu Hilfe geeilt und erwähnten das Schicksal des mutmasslichen Vergewaltigungsopfers nur am Rande – und dann oft nur höhnisch oder zweifelnd. Nun lösen sich die Zungen, wie die Franzosen in solchen Fällen sagen. Vor allem jene der Frauen. Georges Tron Gegen den Staats-sekretär im Ministerium für öffentlichen Dienst und Bürgermeister haben zwei frühere Mitarbeiterinnen ausgesagt.

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