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Nur die Wipkinger sagten Nein zum Silo-Turm im Industriequartier

Swissmill darf sein Kornhaus am Sihlquai auf 118 Meter aufstocken. Die Gegner wollen Einsprachen gegen das Bauvorhaben prüfen.

Von Peter Aeschlimann Zürich – Es war ein Kampf wie David gegen Goliath: Hier der Quartierverein Wipkingen, dort der Grossverteiler Coop, flankiert von beinahe allen politischen Parteien. Dazwischen die Limmat und grundverschiedene Vorstellungen darüber, wie sich Zürich in Zukunft städtebaulich entwickeln soll. Der Abstimmungssonntag zeigte die Richtung an: nach oben. Fast 60 Prozent der Zürcher stimmten für den 118 Meter hohen Siloturm. Verläuft alles planmässig, steht im Industriequartier bald das zweithöchste Gebäude nach dem 126 Meter in den Himmel ragenden Prime Tower. Die Silo-Gegner trafen sich gestern Mittag im Restaurant Nordbrücke im Kreis 10. Man trank Kaffee und Gazosa und verfolgte die Auszählung der Stimmen im Internet. Noch bevor ein erstes Resultat vorlag, sprach Quartiervereinspräsident Beni Weder von einem Zeichen, das mit dem Referendum so oder so gesetzt worden sei. Künftig müsse die Stadt sorgfältiger mit ihrem Hochhausleitbild umgehen, da dieses sonst Makulatur werde. AL-Gemeinderat und Urbanist Richard Wolff warnte vor Verdichtung, die nur Verlust bedeute: «Das macht die Leute hässig.» «Ein Achtungserfolg» Als sich gegen 14 Uhr ein deutliches Ja abzeichnete, füllte sich das Wipkinger Lokal. Die Quartierbevölkerung kam auf ein Bier vorbei. Das Ergebnis aus ihrem Kreis stand noch aus, man hoffte, wenigstens hier einen Sieg verbuchen zu können. Und tröstete sich gegenseitig mit Galgenhumor. Christoph Schreyer von der IG Unterer Letten sagte: «Jetzt wollen wir bei der Fassadenfarbe mitreden. Ein frisches Himmelblau wäre doch schön.» Politische Unterlegenenrhetorik verwendend, deutete Richard Wolff die Niederlage als einen Achtungserfolg. Im Stadtrat habe ihr Anliegen null Zustimmung erfahren, im Gemeinderat gerade mal 10 Prozent. «Deshalb sind 40 Prozent an der Urne gut.» Nachdem endlich bekannt wurde, dass die Stimmberechtigten im Kreis 10 als Einzige mit rund 56 Prozent dem Siloturm eine Abfuhr erteilt hatten, applaudierten sich die Wipkinger in der Nordbrücke gegenseitig. «So hätte es überall laufen sollen!», sagte Beni Weders Frau. «Wir sind für ein autonomes Wipkingen!», scherzte Wolff. Und draussen im Sonnenschein beantwortete ein zerknirschter Quartiervereinspräsident in Jackett und Krawatte die Fragen der Lokalfernsehfrau. Ja, man sei enttäuscht. Aber auch stolz, dass immerhin der Kreis 10 Nein gestimmt hat. Nur einer, der direkt an der Limmat wohnt, nahm zwischen zwei Schlucken Bier bereits das Wort Anwalt in den Mund. Man werde die Baueingabe der Swissmill rechtlich genaustens prüfen und möglicherweise dagegen rekurrieren. Das Ganze erinnere sie an die Geschichte mit dem Hardturm, sagte eine Frau: «Die nächsten paar Jahre baden wir jedenfalls noch ohne Schatten.» «Ein Meilenstein» Anders sieht das der Leiter der siegreichen Swissmill, Romeo Sciaranetti. Er hoffe, dass die Leute das deutliche Resultat nun akzeptieren werden und dass das aufgestockte Kornhaus in zwei Jahren den Betrieb aufnehmen kann. Für seinen Betrieb bedeute das Ja einen Meilenstein, welcher weitere Investitionen in den Standort Zürich möglich mache. «Jetzt wollen wir zurück an die Arbeit.» Hochzufrieden mit dem Ausgang der Abstimmung zeigte sich auch Bauvorsteher André Odermatt (SP). Der Entscheid ermögliche einem alteingesessenen Industriebetrieb, einen Schritt in die Zukunft zu machen. «Die Badi Unterer Letten wird dabei ihre hohe Freizeitqualität beibehalten», sagte Odermatt. Es sei bei dem Urnengang nicht bloss um ein Projekt gegangen, sondern um die grundsätzliche Frage darüber, wie eine Debatte über Stadtentwicklung geführt werden sollte. Der Stadtrat versprach einen kontroversen Diskurs zu künftigen Bauvorhaben wie dem Kunsthaus, dem Kongresszentrum oder den Stadien. FDP-Präsident Michael Baumer freute sich über den Erhalt von 75 Arbeitsplätzen, «für einmal nicht in der Finanzbranche». Die Ablehnung Wipkingens zeige aber, dass die Stadt künftig den Dialog mit den Quartieren noch intensiver führen müsse. SP-Gemeinderätin und Raumplanerin Christine Seidler nannte das Resultat ein starkes Signal für den ökologischen «Vorzeigebetrieb» Swissmill. Den unterlegenen Wipkingern gab sie mit auf den Heimweg: «Geht es der Stadt gut, geht es auch den Quartieren gut. Egoismus ist fehl am Platz.» 118-Meter-Kornhaus: So soll es in zwei Jahren an der Limmat aussehen.Visualisierung: PD

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