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Obligatorische Religionsstunden: Auch Pfarrer unterrichten wieder

Seit den Sommerferien gibts fast überall obligatorischen Religionsunterricht. Das neue Fach gefällt. Doch unter den Lehrpersonen für das konfessionell neutrale Fach sind auch christliche Geistliche.

Von Daniel Schneebeli Zürich – Der Neustart des Religionsunterrichts an den Zürcher Schulen ist gelungen. Fast alle Gemeinden haben das neue Fach «Religion und Kultur» wie verlangt bis im letzten Sommer eingeführt. Nur gerade zehn Schulgemeinden haben um Fristverlängerung nachgesucht – entweder weil sie zu wenig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer gefunden hatten, oder weil sie zuerst andere Schulreformen vollenden wollten. Volksschulamtschef Martin Wendelspiess ist «sehr zufrieden». Obwohl die neuen Lehrmittel, zwei Jahre später als geplant, erst dieses oder nächstes Jahr fertig sind, sei die Einführung des Fachs «ohne grosse Aufregung» erfolgt. «Religion und Kultur» soll konfessionell neutral sein. Die Kinder werden nicht im Christentum unterwiesen, sondern über alle Weltreligionen informiert, sie lernen Feste und Bräuche kennen und sollen Respekt und Verständnis für Menschen mit anderem religiösem und kulturellem Hintergrund haben. Um die Neutralität zu gewährleisten, hatte der Bildungsrat ursprünglich geplant, «Religion und Kultur» ausschliesslich durch diplomierte Lehrpersonen erteilen zu lassen, die für dieses Fach speziell ausgebildet wurden. Lehrer hatten kaum Interesse Doch dann bekam der Bildungsrat kalte Füsse. In einer Umfrage hatten speziell die Sekundarlehrkräfte wenig Interesse am neuen Fach gezeigt. Er beschloss darauf, vorderhand auch «Fachlehrer» zuzulassen, die früher an der Schule Religion erteilt hatten. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Katecheten, Pfarrer oder andere christliche Geistliche. Früher war ihr Einsatz unproblematisch, denn im alten Religionsunterricht konnten Eltern ihre Kinder abmelden. Bei «Religion und Kultur» ist dies nicht mehr möglich, das Fach ist obligatorisch. Martin Wendelspiess betont, das neue Fach sei bei Vertretern aller Religionen akzeptiert, auch die vorübergehende Zulassung von christlichen Theologen. Wendelspiess sagt: «Auch ein Pfarrer kann neutral über die Weltreligionen unterrichten.» Er ist überzeugt, dass Eltern und Schüler sensibel sind und sich Verletzungen ihrer religiösen Gefühle in der Schule nicht gefallen lassen. Für Wendelspiess gäbe es auch dann keine Gewähr, dass der Unterricht neutral ist, wenn Theologen ausgeschlossen würden: «Auch ein Lehrer kann in der Schule missionieren.» Beliebt bei fast allen «Religion und Kultur» wird in vielen Gemeinden schon seit mehreren Jahren erteilt, und laut Wendelspiess ist noch kein Rekurs gegen eine Lehrkraft oder gegen das Obligatorium eingegangen. Ob die geltende Regel dem politischen Willen entspricht, ist allerdings nicht sicher. Der Zürcher Kantonsrat hat es 2009 auf jeden Fall abgelehnt, in der Primarschule ebenfalls «Fachlehrer» zuzulassen. Um das neue Fach erteilen zu können, müssen alle Lehrpersonen, auch die «Fachlehrer» an Sekundarschulen, an der Pädagogischen Hochschule Zürich einen Fortbildungskurs besuchen. Wie der Fachbereichsleiter Johannes Rudolf Kilchsperger sagte, ist das Interesse für die Kurse überraschend gross – auch für die Sekundarschule. Ein beträchtlicher Teil der Kursbesucher sind dort aber Katecheten oder Pfarrer. Sekundarlehrerin Lilo Lätzsch, welche den Kurs absolvierte, schätzt deren Anteil in ihrem Kurs auf etwa die Hälfte. Eine kurze Umfrage in den Gemeinden zeigt, dass derzeit auf der Sekundarschulstufe verschiedentlich Geistliche unterrichten – etwa in Kloten oder auch im Schulkreis Zürichberg. Genügend Lehrpersonal gibt es derzeit für die Primarschule. Laut Wendelspiess sind aktuell 1900 Lehrerinnen und Lehrer für das Fach zugelassen. Die Weiterbildungskurse an der PH werden laut Kilchsperger nach wie vor gut gebucht. In der Sekundarschule haben bisher 300 Personen die Aus- oder Weiterbildung für «Religion und Kultur» abgeschlossen. Und für Kilchsperger besonders erfreulich: Auch bei den Studierenden steht das neue Fach hoch im Kurs. Von den angehenden Primarlehrpersonen belegt mehr als die Hälfte neben den sieben Pflichtfächern auch «Religion und Kultur». Lilo Lätzsch erteilt das neue Fach mit Freude. Wie sie sagt, sind auch die Schülerinnen und Schüler überdurchschnittlich motiviert: «Nach dem Turnen ist ‹Religion und Kultur› das beliebteste Fach, weit vor Französisch.» Lätzsch unterrichtet an einer Sekundarschule B im Zürcher Stadtkreis 4. Ihre Schüler sind mehrheitlich katholisch, aber sie hat auch Reformierte und Muslime, einen Hindu, einen Buddhisten und einen Aleviten. Begeistert zeigten sich in einer Diskussion auf dem Fernsehsender ZüriPlus auch der ehemalige Bildungsrat und Pädagogikprofessor Jürgen Oelkers und der ehemalige CVP-Präsident und Theologe Markus Arnold. Oelkers war massgeblich an der Einführung des Faches beteiligt, Arnold erteilte an Zürcher Schulen Religionsunterricht. Arnold sprach von einem «Quantensprung», was den konfessionell neutralen Religionsunterricht angeht, und Oelkers lobte die Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften vor der Einführung des Faches. Noch nie habe er eine so lösungsorientierte Arbeit gemacht. Kritik von und an Freidenkern Kritik am neuen Fach gibt es von den Freidenkern. Sie stört, dass die weltliche Sicht im Unterricht fehlt und im neuen Lehrmittel nur die fünf Weltreligionen, nicht aber die atheistische Weltanschauung vorkommen. Bildungsfachmann Oelkers gab die Kritik in der Fernsehsendung zurück. Bei der Religion gehe es nicht nur um den Glauben, sondern um tief verwurzelte Traditionen. Die Freidenker betrachteten Religion als fundamentalen Irrtum und sprächen darüber «wie von einer ansteckenden Krankheit». Es sei zudem auffällig, mit welch «missionarischem Eifer» sie den Neo-darwinismus verträten. «Auch ein Pfarrer kann neutral über die Weltreligionen unterrichten.» Martin Wendelspiess, Volksschulamtschef Nicht nur das Christentum soll unterrichtet werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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