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Offener Brief an eine Unfassbare

Liebe Patty Schnyder

Rücktritt des Wochenendes Als du am Samstag den grossen Interviewraum in Roland Garros verlassen hast, hast du niemandem Adieu gesagt, nicht nach links oder rechts geschaut. Du hast dich in die Arme einer alten, asiatischen Kollegin ge- worfen und bist entschwunden, in dein neues Leben. Du schienst erleichtert, Öffentlichkeit und Medien endlich hinter dir lassen zu können. Für dich waren sie auch meist nur lästig gewesen, hatten Böses gewollt, keine Ahnung gehabt oder unangenehme Fragen gestellt. Ein notwendiges Übel halt. Roger Federer macht das jeweils anders. Er sagt nach jeder kleinen Pressekonferenz «tschou zäme» und spricht jene mit Namen an, die er kennt. Du dagegen hast die Leichtigkeit, die dich als Spielerin ausgezeichnet hat, meist auf dem Tennisplatz gelassen, bliebst verschlossen, abweisend, unfassbar.Die spielerische Leichtigkeit war mir schon aufgefallen, als ich dich erstmals spielen sah, in Winterthur, im Interclub, auf einem Nebenplatz. Vielleicht 13, 14 warst du, aber schon da fiel es dir leicht, die Gegnerin auszutricksen. Dank dem Linkshändervorteil – einem Geschenk des Himmels, das du optimal ausgenutzt hast – deinem Ballgefühl, deiner Schlauheit und deiner Überzeugung: Ich bin die Beste.Eine schöne Karriere ist dir gelungen, zweifellos. Du hast dich gegen grössere, stärkere Gegnerinnen jahrelang behauptet, grossartige Siege errungen. An die Einschätzung, dass du mit einem «richtigen» Coach viel weiter gekommen wärst, mag ich nicht glauben. Sie ist ohnehin spekulativ und wird esimmer bleiben.Klar, wir Medienvertreter haben es dir nicht immer leicht gemacht – aber das gilt auch umgekehrt. Glaub mir, ich hätte es nicht gebraucht, über das Zerwürfnis mit deinen Elternzu schreiben oder die bizarre Geschichte mit dem Orangenheiler. Aber es war auch spannend: du mit Harnecker auf der Flucht, wie Bonnie and Clyde, wir auf der Suche nach Erklärungen. Sie führte mich bis zu den Pyramiden von Kairo.Und dann die filmreife Entwicklung, dass der Mann, der dir im Auftrag deiner Eltern nachspionierte, plötzlich an deiner Seite auftauchte, heute dein Ehemann und Lebenszentrum ist. Du magst es gut haben mit ihm, aber er machte dein und unser Leben auch nicht einfacher: Vom ersten Moment an reagierte er mit Drohungen und Beschimpfungen auf alles, was ihm nicht passte. So ist es bis heute geblieben, und das letzte Kapitel dieser Story ist noch nicht geschrieben. Aber auch solche Geschichten gehörten zur Berichterstattung, weil sie deine Karriere direkt beeinflussten.Schade. Es hätte besser laufen können zwischen dir und uns. Aber es bleiben auch schöne Erinnerungen. Wie du damals etwa Steffi Graf schlugst in New York, oder wie du es in Kloten 2002 allen gezeigt hast, das war schon Klasse.Ich wünsche dir, dass du den Leuten als die grosse Tennisspielerin in Erinnerung bleiben wirst, die du warst. Und dass dir dein neues Leben so leicht fallen möge wie das Schlagen eines unterschnittenen Rückhandstoppballs.Mit den besten Grüssen René Stauffer

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