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Patienten sollen den Ärzten auf die Finger schauen Patienten sollen den Ärzten auf die Finger schauen

Unterzeile (max. 2-zeilig) Dies ist der Artikeltext. Er wiederholt sich jetzt mehrfach. Ein Weiterlesen ist nicht erforderlich.16 Schweizer Spitäler fordern ihre Patienten auf, mitzuhelfen, dass dem medizinischen Personal keine Fehler unterlaufen.

Von Felix Straumann «Herr Doktor, haben Sie Ihre Hände gewaschen?» «Sind Sie sicher, dass dies das richtige Medikament ist?» Solche Fragen müssen Ärzte und Pflegepersonal sich künftig vermehrt gefallen lassen. Nicht nur das: Sie sollen ihre Patienten sogar dazu ermuntern. Denn neu muss nicht nur das Spitalpersonal darauf achten, dass möglichst wenige Behandlungsfehler passieren. Auch die Patienten sollen ihren Teil dazu beitragen. Diesen Paradigmenwechsel vollziehen zurzeit 16 Schweizer Spitäler, darunter das Zürcher Kinderspital, das Inselspital Bern, das Spital Uster oder das Kantonsspital Luzern. Laut einer Mitteilung der Stiftung für Patientenschutz vom Freitag werden dabei Patienten beim Eintrittsgespräch aufgefordert, unbedingt zu melden, wenn sie den Verdacht haben, dass etwas nicht richtig laufe. Zusätzlich erhalten sie eine 20-seitige Broschüre mit Tipps, wie sie als Laien mithelfen können, Fehler zu vermeiden (siehe Kasten). Entwickelt und in den letzten sechs Monaten an drei Schweizer Spitälern getestet hat diese die Stiftung für Patientensicherheit. «Patienten bekommen häufig mit, wenn etwas schiefläuft», sagt David Schwappach, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung. «In der Regel behalten sie dies aber für sich und sagen sich: ‹Der Herr Doktor wird schon wissen, was er tut.›» In vielen Fällen ein Irrtum. Denn auch bei den besten Spitalmitarbeitern läuft manchmal etwas schief. Nach Angaben der Stiftung für Patientensicherheit stirbt mindestens jeder tausendste Spitalpatient an einem Fehler. Zwei bis acht Prozent aller Hospitalisationen gehen auf vermeidbare Fehler zurück. Nicht alle freuen sich Die nach wie vor hohen Zahlen sind für Fachleute ernüchternd. Der Arzt und Vorkämpfer für Patientensicherheit Sven Staender beklagte im TA von gestern das «erschreckend tiefe» Sicherheitsniveau in der Medizin hierzulande: «Noch immer kommt es zu Ereignissen, die es eigentlich nicht geben dürfte.» Neben Massnahmen wie Checklisten, Handhygiene und Fehlermeldesystemen soll nun auch der verstärkte Einbezug von Patienten mithelfen, diese Fehlerquote zu senken. Doch nicht alle freuen sich über kritisches Nachfragen zur Handhygiene oder zu Medikamenten. «Es gibt beim medizinischen Personal einige, die die aktive Rolle des Patienten gar nicht gut finden», sagt Schwappach. Dies dürfte auch einer der Gründe sein, wieso nicht alle angefragten Spitäler mitmachen wollten beim Projekt der Stiftung für Patientenschutz. Die halbjährige Vorstudie habe jedoch gezeigt, dass Vorbehalte durch konkrete Erfahrungen schnell verschwänden, versichert Schwappach. Eine deutliche Mehrheit der Spitalmitarbeitenden gab bei einer anonymen Befragung an, dass sie es gut fänden, wenn die Patienten die Empfehlungen aus der Broschüre umsetzten. Offenbar überwiegt der Nutzen die zusätzliche Belastung, etwa wenn eine Pflegefachfrau einem begriffsstutzigen Patienten Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente ausführlich erklären muss. Bessere Beziehung Ob der Einbezug der Patienten tatsächlich die Fehlerquote senkt, wurde in der Pilotstudie nicht untersucht. Chefarzt Joachim Kloppenberg, dessen Spital Scuol daran teilgenommen hat, ist jedoch davon überzeugt. So hat beispielsweise ein Patient durch Nachfragen einen Fehler verhindert. Er hatte eines Tages eine zusätzliche Tablette unter seinen täglichen Medikamenten, bei der sich herausstellte, dass sie für den Zimmernachbarn bestimmt war. Kloppenberg beobachtet zudem, dass Patienten dank der Aufklärung nicht mehr irritiert sind, wenn er nach einer standardisierten Checkliste zum wiederholten Mal nach ihrem Namen fragt. Vor allem sei der Einbezug der Patienten wertvoll für eine gute therapeutische Beziehung. Allerdings reicht es nicht, den Patienten einfach eine Broschüre in die Hand zu drücken. Kloppenberg warnt: «Der Schuss kann nach hinten losgehen.» In Spitälern, wo Fehlervermeidung und Patientensicherheit noch kaum ein Thema waren, wundert sich das Personal, dass man die Patienten auffordert, nach Fehlern zu suchen. Und ohne Erklärung durch die Mitarbeiter finden es Patienten merkwürdig, dass sie für die Ärzte aufpassen müssen. «Solche Spitäler müssen zuerst noch ein paar Aufgaben erledigen», sagt Kloppenberg. Es gehe überhaupt nicht darum, die Verantwortung auf die Patienten zu überwälzen, sondern sie ins Boot zu holen. Doch überfordert man die Patienten damit nicht? Schwappach gibt zu, dass sich viele anfangs nicht getrauten, ihren Arzt zu fragen, ob er sich die Hände desinfiziert hat. «Vielleicht fragen sie dann aber beim nächsten Spitalaufenthalt oder beim Hausarzt», glaubt Schwappach. Zudem: «Alleine die Möglichkeit, von Patienten angesprochen zu werden, trägt dazu bei, dass das Medizinpersonal achtsamer wird», sagt Schwappach. Patienten reagieren gut Auch wenn die Patienten nicht unbedingt alles gleich umsetzen, scheinen sie den stärkeren Einbezug zu schätzen. In der Pilotstudie fanden über 90 Prozent, dass Spitäler Patienten über Möglichkeiten der Fehlervermeidung informieren sollten. Viele wünschen zudem, dass sie vom Personal ermuntert werden, aktiv mitzuhelfen. Den Einwand, dass den Patienten durch die Broschüre unnötig Angst vor möglichen Behandlungsfehlern gemacht werde, lässt Schwappach ebenfalls nicht gelten: «Die Leute wissen, dass im Spital Fehler passieren können.» Jeder siebte Patient sei deswegen besorgt. Da seien viele froh, wenn sie selber etwas zur Vermeidung beitragen könnten. Kommentar Seite 2 Es muss nicht gleich eine vergessene Schere nach einer Operation sein: Auch Ärzte machen Fehler.Foto: Rob Griffith (AP, Keystone)

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