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Patron unter Heimatschutz

Serge Dassault Der französische Flugzeugbauer tritt mit 86 etwas kürzer – aber nur unwesentlich. Von Oliver Meiler Es gibt diese Figuren im französischen Establishment, bei deren Auftritt noch das Ancien Régime durchscheint. Serge Dassault ist so eine Persönlichkeit wie aus einer anderen Epoche: mit feudalistischem Gehabe, eigener Zeitrechnung und ausgeprägtem Konservierungsdrang. Der Grossindustrielle, Zeitungsverleger und rechtsbürgerliche Senator ist ja auch schon lange da. 86 Jahre ist Dassault jetzt alt. Das US-Magazin «Forbes» schätzt sein Privatvermögen auf 9,3 Milliarden Dollar, damit ist er Nummer 4 in Frankreich und unter den Top 100 in der Welt. Höchste Zeit also, die nächste Generation nachrücken zu lassen. Etwa einen seiner drei Söhne oder seine Tochter. Olivier Dassault, der Erstgeborene und natürliche Nachfolger, harrt schon lange seiner Chance. Sehr lange sogar. Er ist 60. Nun hat ihn der Vater zum Vorsitzenden des Verwaltungsrats des Familienimperiums gemacht. Das klingt zunächst nach viel Verantwortung, ist es aber nur theoretisch. Serge Dassault hält nämlich nicht viel vom Geschäftssinn seines Sohnes, der als Abgeordneter ebenfalls im Parlament sitzt. Operativ belässt er die Geschicke lieber in verlässlichen Händen, den eigenen. Und so führt er das Stück neu auf, in dem er selber schon in umgekehrter Besetzung spielte, damals mit seinem Vater und Firmengründer Marcel Dassault in der Hauptrolle. Der hatte Sohn Serge auch warten lassen, bis der das ordentliche Rentenalter bereits erreicht hatte, bevor er ihn ins Cockpit liess. Die Metapher drängt sich auf: Die Dassaults sind Flugzeugbauer. Marcel Dassault entwickelte den erfolgreichen Kampfjet Mirage, der sich in seiner Blütezeit nicht nur an den französischen Staat verkaufen liess, sondern an acht weitere Luftwaffen. Serge Dassault wollte ihn mit dem Rafale imitieren, scheiterte aber kläglich. Jedem Land auf Kampfjetsuche offeriert er ihn, zuweilen mit viel Nachdruck, zuletzt auch der Schweiz. Und fällt immer durch. Nur Frankreich bleibt Dassault treu und kauft ihm Jets zuhauf ab. Trotz der hohen Preise, aus wirtschaftlichem Patriotismus. Serge Dassault steht gewissermassen unter Heimatschutz, zumindest solange seine politischen Freunde regieren. Nicolas Sarkozy ist Dassaults erster Lobbyist. Kaum eine Auslandreise, auf welcher der Präsident nicht die Vorzüge des Rafale preist. Sarkozy beschreibt sich gerne als Aussendienstmitarbeiter der nationalen Industrie, obschon für die Industrie selten Zählbares rausschaut. Am Ende winken immer die Auftragsbücher des französischen Staates, der zuweilen grosszügig auf lästige Ausschreibungen verzichtet. Dassault weiss also, was er an Sarkozy hat. Und umgekehrt. Die Hauszeitung der Familie, das einst vornehme Pariser Blatt «Le Figaro», ist in den letzten Jahren zu einer Art Zentralorgan von Sarkozys Rechten geworden. Nie ein kritisches Wort gegen den Präsidenten, höchst spärliche Berichterstattung zu Affären und Skandalen aus dessen Umfeld, dafür auch schon mal Wohlwollen für unhübsche Regimes auf Kampfjetsuche. Bald finden Wahlen statt in Frankreich. Und so mutiert «Le Figaro» gerade zur Wahlkampfpostille. In der Redaktion befremdet die Linie. Doch das hindert den Patron nicht am Verschmelzen privater und politischer Interessen. Serge Dassault liess sich von Protesten noch nie beeindrucken. Er rechnet in grösseren Zeiträumen, in Epochen. Er ist ja auch erst 86. Vater Marcel wurde 94.

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